Ausländische Billig-Coiffeure halbieren die Preise

Bern

Vor allem arabische Friseure bedienen Kunden weit günstiger als die etablierten Berner Salons. Die heimischen Fachleute greifen sich an den Kopf. Probleme hat auch die Fremden- und Gewerbepolizei.

Hang Nguyen frisiert in der Nähe des Inselspitals. «Ich bin günstig, weil ich damit Werbung machen kann.»<p class='credit'>(Bild: Beat Mathys)</p>

Hang Nguyen frisiert in der Nähe des Inselspitals. «Ich bin günstig, weil ich damit Werbung machen kann.»

(Bild: Beat Mathys)

Peter Steiger

«Am besten wäre es, wenn in dieser Zeitung nichts darüber erscheinen würde. Wir wollen die Kundschaft ja nicht dorthin lotsen.» Dies sagt ein Berner Coiffeur und Salonbesitzer, der nicht zitiert werden möchte. Gemeint ist das Dutzend Billigsalons, in der Stadt Bern unter anderem beim Zytglogge, an der Aarber­gergasse und beim Bollwerk.

Hier bedienen Ausländer oder Eingebürgerte vor allem Männer. Sie verlangen Preise, welche den eingesessenen Coiffeuren die Haare zu Berge stehen lassen. Ein Herrenhaarschnitt, waschen und schneiden, ist für rund 20 Franken zu haben. Bei den Etablierten kostet dies 40 bis 50 und mehr Franken. Bei den Frauen sind die Vergleiche schwieriger. Schätzungsweise sparen aber auch sie etwa 50 Prozent.

«Ich begreife nicht, wie diese Leute auf ihre Rechnung kommen», sagt Christian Reichenbach. Er führt in Bern einen Salon der gehobenen Klasse, und er ist Präsident des Kantonalverbands der Dachorganisation Coiffure Suisse. Das Coiffeurgewerbe untersteht einem Gesamtarbeitsvertrag. Dessen Lohnvorschriften gelten für ausgebildete Angestellte. Reichenbach glaubt, dass sich die Billiganbieter nicht an diese Vorgaben halten. Mit gewissen Ausnahmen verdienen Einsteiger nach der Ausbildung 12-mal mindestens 3800 Franken.

Regelmässig beanstandet

Überdies ahnt er, dass eine weitere Bestimmung unterlaufen wird: In jedem Lokal muss mindestens eine Person das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis besitzen und damit eine dreijährige Coiffeurlehre absolviert haben. Schliesslich vermutet er, dass nicht alle Lokale den Vorgaben entsprechen und somit zum Beispiel Brandschutz und Hygiene nicht gewährleistet sind.

Alexander Ott, der Co-Leiter des Stadtberner Polizeiinspektorats, bestätigt Reichenbachs Kritik teilweise. Seine Behörde kontrolliert die zehn bis zwölf von Ausländern betriebenen Salons vier- bis sechsmal jährlich. In den Billigbetrieben beanstanden die Fremdenpolizei und die Gewerbepolizei regelmässig, dass Bestimmungen verletzt würden. Am häufigsten würden ausländerrechtliche Vorgaben missachtet, so Ott. «Manche Angestellte haben keine Arbeitserlaubnis.» Weiter stellt er fest, dass Mitarbeiter nicht nach Tarif oder unregelmässig entlohnt würden.

Falsche Praktika

Schwierig zu fassen seien «Pseudopraktikanten». Angestellte würden als Lernende ausgegeben und schlecht entschädigt. Kaum zu kontrollieren sei auch die Vorschrift, dass in jedem Salon mindestens einer den Fähigkeitsausweis haben müsse. «Wir können nicht überprüfen, ob und wie diese Person dort arbeitet.»

Immerhin: Die Lokale seien in Ordnung, Brandschutz oder mangelnde Hygiene musste die Gewerbepolizei bisher nicht beanstanden. Wenn die Behörde Missstände feststellt, kann sie verwarnen oder büssen. Wie oft dies geschehen ist und welche Betriebe betroffen waren, gibt Ott nicht preis.

Gesamtschweizerisch überprüft eine paritätische Kommission aus Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertretern, ob der Gesamtarbeitsvertrag eingehalten wird. Sie hat nach Stichproben bei rund einem Viertel der Betriebe Verstösse kritisiert. Weil sie diese Missstände nicht nach der Art der Betriebe aufschlüsselt, lässt sich nicht feststellen, ob die von Ausländern geführten Betriebe übermässig vertreten sind.

Weniger Einsteigerinnen

Coiffeurpreise rutschen. Billig-Salons unterbieten die Etablierten, im Ausland können sich Kunden viel günstiger frisieren lassen, «Badewannencoiffeusen» arbeiten zu Hause für wenig Geld. Das beschneidet die Löhne. Bescheiden ist der Verdienst auch, weil viele junge Frauen in diesen Beruf drängen. Immerhin zeichnet sich eine Entspannung ab: 2015 begannen in der Schweiz noch 130 Schulabgängerinnen eine Lehre, diesen Sommer bloss noch 100.

Berner Zeitung

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