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Bäume als Wegbegleiter

Die Emotionen gehen hoch, wenn Alleen in der Stadt dezimiert werden sollen. Dass es die markanten Baumreihen auch auf dem Land gibt, geht dabei zuweilen fast vergessen. Ein neues Buch ändert dies.

Die Allee zum Schloss Wyl gilt mit ihren 500 Metern als die längste ihrer Art im Kanton Bern.
Die Allee zum Schloss Wyl gilt mit ihren 500 Metern als die längste ihrer Art im Kanton Bern.
Michel Brunner
Die hohen Pappeln sind das ­Wahrzeichen von Gerzensee.
Die hohen Pappeln sind das ­Wahrzeichen von Gerzensee.
Michel Brunner
Dieselbe Allee von oben.
Dieselbe Allee von oben.
Michel Brunner
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Nein, Alleen gibt es nicht nur in der Stadt. Auch wenn sie jüngst gerade dort für sehr emotionale Debatten gesorgt haben: Als Bern im Herbst 2014 gemeinsam mit Ostermundigen und Köniz über ein neues Tram abstimmte, trugen die von Bäumen gesäumten Strassen nicht unwesentlich zum Scheitern der Vorlage bei. Zwar haben die Stimmenden mittlerweile doch noch Ja zu einer verkürzten Linie gesagt, die Kritik aber ist geblieben. Denn auch für das neue Projekt muss der mächtige, von vielen geschätzte Baumbestand dezimiert werden.

Betroffen ist allem voran die Ostermundigenstrasse. Sie gehört zum Netz der historischen Alleen, die an den alten Ausfallstrassen aus der Stadt Bern stehen. Gepflanzt worden sind die Baumreihen im 18. Jahrhundert, besonders gut gehalten haben sie sich bis heute in Richtung Ostermundigen. Nicht von ungefähr setzte sich Alt-Denkmalpfleger Jürg Schweizer pointiert gegen das Tramprojekt ein.

Ein Brückenschlag

Auch Michel Brunner mag die ­Alleen. Als Experte befasst er sich seit langem mit Bäumen, die alt, mächtig und vielleicht ein Stück weit kurios sind. Im Rahmen seiner Arbeit hat er ein Inventar über die Alleen in der Schweiz zusammengetragen und legt dieses nun als Buch vor.

Wobei er eben die Stadt­alleen bewusst beiseitelässt – weil es zu viele wären, aber auch, weil sie von all den Häusern und all dem Verkehr arg bedrängt werden. Das führt dazu, dass die Bäume nicht selten geschwächt sind und ihre Pracht nicht voll entfalten können.

Umso ausführlicher widmet sich Michel Brunner in seinem Buch den Alleen ausserhalb der Stadtgrenzen. Sie fügen sich in der Regel ganz selbstverständlich ins Landschaftsbild ein und werden deshalb im Alltag nur zu gern übersehen. Oft gehören sie zu Schlössern oder Landsitzen, wirken wie ein Brückenschlag von den Gebäuden in die Natur rundherum. Sie tragen den architektonischen Gestaltungswillen quasi in den Park hinaus.

Klassisch für diesen Gedanken steht die mit Linden und Buchen bestückte Allee zum Schloss Wyl in Schlosswil. Sie gilt mit ihren 500 Meter als die längste ihrer Art im Kanton und lädt jederzeit zum Besuch ein. Dass dies nicht selbstverständlich ist, macht das Buch an einer anderen Schloss­allee deutlich: «Privatweg» steht unübersehbar auf dem Schild am Weg hinauf zum Schloss Burgistein, das einer Familie nach wie vor als herrschaftlicher Wohnsitz dient.

Tiefe Verwurzelung

Wiederum öffentlich zugänglich ist eine Allee auf der Schwand bei Münsingen, die mit ihren Nussbäumen eher bescheiden wirkt. Wie viel auffälliger präsentieren sich demgegenüber zwei Baumreihen in Gerzensee und Büetigen. Mit ihren hohen Pappeln sind sie ein weitherum sichtbares Wahrzeichen für das Dorf und wirken obendrein als willkommener Windschutz für die Landwirtschaft.

Was ihm persönlich die Alleen bedeuten? Michel Brunner redet von der Geborgenheit, die die Baumreihen ausstrahlen, davon auch, dass sie «die Menschen jahraus, jahrein auf ihren Wegen begleiten». In dieser tiefen Verbundenheit liege wohl auch der Grund für Emotionen, die Projekte wie unlängst das Tram auslösten. Jetzt schlägt er definitiv den Bogen zurück zu den Debatten in der Stadt Bern, wenn er sagt: Nach einer Fällung Ersatzbäume in Aussicht zu stellen, sei für die Betroffenen kein Trost. «Bis sie wieder ihre vertraute Höhe erreicht haben, verstreichen Jahrzehnte.»

Michel Brunner«Alleen in der Schweiz», AS-Verlag Zürich, 2017.

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