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«Bend It Like Beckham» in Bethlehem

«Pizzapizzapizza», «Funghifunghifunghi»: So tönt es rhythmisch, wenn die Kickerinnen des FC Bethlehem nach dem Match zurück in den Holenacker fahren. Dort und ab Donnerstag im Kino sind die Sportlerinnen zu sehen.

Trainer Gianluca De Febis gibt das Kommando durch. Und die Fussballerinnen des FC Bethlehem hören ihm aufmerksam zu.
Trainer Gianluca De Febis gibt das Kommando durch. Und die Fussballerinnen des FC Bethlehem hören ihm aufmerksam zu.
zvg

Venus kommt bekanntlich «vo Bümpliz», Diana, die streitbare Jagdgöttin, tummelt sich im benachbarten Bethlehem. Dort nämlich, zwischen Wohnblöcken mächtig wie Felsformationen, jagen athletische junge Frauen das runde Leder, das lange Zeit ausschliesslich Männerbeute war.

Atemlos

Doch damit ist Schluss. Hell gellen die Stimmen der Fussballerinnen über den Sportplatz Holenacker, der wie eine Lichtung in der Abendsonne liegt: «Den hast du!» Nein, doch nicht. Trainer Gianluca De Febis ortet gnadenlos jeden Fehlpass, donnert quer übers Feld und analysiert nach dem Trainingsspiel ebenso ruhig die Aktivitäten der Einzelnen sowie den Spielaufbau des Gesamtteams. Winzig scheinen sie jetzt, die Jägerinnen, wie sie erschöpft, mit hängenden Köpfen im frühlingsfeuchten Gras sitzen, während die Skyline von Bern West beim Eindunkeln noch zu wachsen scheint.

Filmreif

Holenacker, Gäbelbach, Tscharnergut: Sie geniessen nicht den besten Ruf, die Hochhaussiedlungen im «Wilden Westen» von Bern. Mit 36 Prozent hat Bethlehem einen der höchsten Ausländeranteile der Schweiz, Menschen aus 30 Nationen haben sich hier niedergelassen.

Das vor allem und der verheissungsvolle biblische Name des Betlehemquartiers hat den Oltner Filmemacher Bruno Moll veranlasst, dort einen Dokumentarfilm zu drehen: «Pizza Bethlehem» läuft heute schweizweit in den Kinos an. Und tatsächlich sind sie filmreif, die 16- bis 18-jährigen B-Juniorinnen aus Italien und Angola, Mazedonien, Serbien und der Schweiz, die es mit dem FC Bethlehem bis in die 3.Liga geschafft haben. Vor der Kamera wirken sie ganz natürlich. Glaubwürdig. Und wer mit ihnen spricht, den überzeugen sie mit differenzierten Statements.

Integriert

«Mein Temperament ist sehr wild», schätzt Captain Yolanda Oluoma sich selbst ein. Kommt ihr beim Sturm aufs Tor eine Verteidigerin in die Quere, brüllt sie: «Du Nutte!» «Ich nehme mal an, dass dies von meinen afrikanischen Wurzeln kommt. Weisse Leute haben mehr Hemmungen, sie sind auch etwas – wie soll ich sagen? – zivilisierter.» Yolandas Vater stammt aus Nigeria, ihre Mutter ist Schweizerin. In der Schule würden Ausländer nicht blöd angemacht, lacht die Teamchefin, schliesslich seien sie in der Mehrzahl, da hätten rassistische Vollschweizer gar keine Chance.

Die Italienerin Tiziana Satraniti, die als Goalie «mit Yolanda zusammen das Team führt», geht einen Schritt weiter: «Doch, es gibt schon sehr viel Rassismus hier, aber er richtet sich meist gegen die Schweizer, nicht umgekehrt.» Blass, überlegt und von bescheidenem Auftreten scheint Tiziana das pure Gegenteil von Yolanda zu sein. Doch auf dem Rasen, im Spiel, werden die Unterschiede unwichtig. Was zählt, ist der persönliche Einsatz, der Einsatz für alle. Fussball als Integrationsprogramm.

Emanzipiert

Das Kicken ist für die B-Juniorinnen des FC Bethlehem so selbstverständlich wie der Wunsch, später mal eine Partnerschaft zu führen, in der «der Mann genau so viel arbeiten muss wie ich». So drückt es Agime Murina, die muslimische Serbin aus, die das Kopftuchklischee mit allem, was dranhängt, widerlegt. Von ihrer Zukunft hat sie auch sonst eine klare Vorstellung, doch trotz guter Noten fand Agime keine Lehrstelle. «Es gibt viele Schweizer mit schlechterem Notendurchschnitt als ich», sagt sie, «die haben aber eine Lehrstelle bekommen.» Sie lächelt. Entmutigen lasse sie sich nicht. Sie besuche jetzt das zehnte Schuljahr und schreibe weiter fleissig Bewerbungen.

Der Sport scheint die Mädchen selbstbewusst zu machen, egal, aus welchem kulturellen Umfeld sie stammen. Ähnliches kann man auch in anderen Berner Quartierklubs beobachten, die Mädchenmannschaften führen – oder Mädchen auf Juniorenniveau mit Jungs zusammen spielen lassen. Aus dem emanzipatorischen Phänomen, dem der Kinohit «Bend It Like Beckham» 2002 Respekt zollte, ist breit akzeptierte Realität geworden: Waren 2003 in der ganzen Schweiz noch 8000 Kickerinnen lizenziert, sind es heute gegen 25000. Viele davon sind Ausländerinnen. Sie finden im Klub eine gemeinsame Heimat und, wie Tiziana sagt, «im Team eine zweite Familie».

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