Besuch aus einer anderen Welt

Redaktorin Laura Fehlmann über Alpbesucher aus dem Flachland.

Die Alp Obriste Morgeten ist eine nur gute halbe Autostunde von der Zivilisation entfernt, das heisst: von Oberwil im Simmental, wo die Älplerfamilie Siegenthaler wohnt. Die Familienmitglieder haben eine Sondergenehmigung und dürfen mit ihrem Jeep hochfahren. Touristen gelangen nur zu Fuss oder mit dem Bike auf die Alp, machen einen Halt in der Hütte, trinken etwas und lassen sich von Rosmarie Siegenthaler Rösti braten.

Manchmal kommen Fragen wie: «Seid ihr das ganze Jahr hier oben?» (Nein, nur rund drei Monate. Im Winter wäre die Alp höchstens mit dem Heli erreichbar. Was würden Älpler und Kühe in einem meterhoch eingeschneiten Haus denn tun?) Oder: «Ist die Alp vom Stierenläger mit den Finken erreichbar?» (Ja, wenn man sich nicht scheut, in Pantoffeln 400 Meter über Stock, Stein, Erde und Kuh­fladen zu gehen.)

Manchmal übernachtet jemand im Stierenlager. Das ist nett. So bin ich nicht allein, wenn ein Gewitter die Hütte bis in die Grundmauern erschüttert. Aber Besuche sind selten, und wenn, dann nur kurz. Es ist nicht jedermanns Sache, sich dem bellenden Rex zu stellen. Oder mitten durch eine Herde gehörnter Kühe zu gehen. Dies sei bei einer Dame letzten Sommer in ein Drama ausgeartet, erzählen Siegenthalers: Sie streckte die Nase in die Luft und genoss die herrliche Aussicht auf die Berge und ins Simmental. Dabei übersah sie einen Kuhfladen auf dem Weg, glitt ganz langsam darin aus und landete mit dem Rucksack in der breiigen, frischen Masse. Am Brunnen der Alp wurde mit Wasser und Bürste alles so gut wie möglich gereinigt.

«Wir haben der Frau natürlich geholfen», sagt Bauer Hansueli Siegenthaler, der sich ein Lächeln nicht verkneifen kann und gleich eine weitere Anekdote nachschiebt: Zwei Frauen sassen an einem sonnigen Tisch auf dem Dach des Käsekellers. Beide barfuss, als die eine nach der Toilette fragte. Weil diese nur durch den Stall erreichbar ist und sie nicht mit nackten Füssen über Ziegenkotbällchen gehen wollte, änderte die Frau ihre Pläne. Um ihr kleines Geschäft im Gras zu verrichten, ging sie hinter eine Scheiterbeige.

Aber schon bald war von dort ein lauter Schrei zu hören. «Sie hatte übersehen, dass direkt hinter ihr der Elektrozaun gespannt war», erzählt Hansueli Siegenthaler wieder mit diesem feinen, fast unmerklichen ­Lächeln

Berner Zeitung

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