Chantal und die Lebenskunst

Bern/Kirchlindach

Chantal Andrey ist gelernte Malerin, Autodidaktin, Sängerin und Lebenskünstlerin. Wir stellen die 29-jährige Bernerin in der Serie BEsonders vor.

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Claudia Salzmann@C_L_A

Chantal Andrey sitzt im bordeauxroten Piaggio Ape und zündet eine Zigarette an. Ein Feuerzeug hat sie wieder mal nicht – wie gut, dass es bei diesem Gefährt noch einen Anzünder gibt. «Das ist meine kleine Blechbüchse», sagt sie und deutet auf den Ape. «Der vorherige Besitzer brauchte ihn als Werbeträger. Ich wusste sofort, den will ich.» Geld, ihn zu bezahlen, hatte sie keines, aber starke Arme. Also arbeitete sie ihn in 100 Stunden ab. Nicht etwa beim Ape-Besitzer, sondern bei ihrem damaligen Arbeitgeber, einem Malermeister. Bei ihm hatte sie per sofort gekündigt, um die Schulden abzuarbeiten. Er brauchte sie aber dringend und machte ihr ein besseres Angebot: Anstatt 100 Stunden musste sie nur noch 70 Stunden abarbeiten. «Solche Sachen passieren mir oft im Leben, ich kann gut verhandeln», sagt Chantal Andrey.

Die Bernerin ist gelernte Malerin, in ihrer Klasse war die Hälfte Frauen. Heute arbeitet fast keine mehr auf dem Beruf. Zu hart ist die Baustelle, welche die 29-Jährige als Männerdomäne mit Büezersprache umschreibt. «Vieles ist nicht frauenkonform. Die Kübel könnte man anders gestalten, sodass man sie besser anheben kann. Auch die Säcke müssten nicht vierzig Kilogramm schwer sein.» Und dass Frauen auf der Baustelle konstant unterschätzt werden, nervt sie.

Keine Kunst, sondern Büez

Mittlerweile ist sie selbstständig und hält sich selten auf Baustellen auf. Vielmehr bekommt sie Maleraufträge von Privaten, da geht es nicht darum, weisse Wände wiederherzustellen, sondern um Beratung: «Die Leute wissen, sie wollen keine weisse Wand, finden es aber schwierig, sich eine andere vorzustellen.» Dann malt Andrey ein Muster – altrosa mit Glitzer vielleicht –, welches die Kunden nach Hause nehmen und daheim bei jedem Tageslicht betrachten können.

Aktuell arbeitet sie im Breitenrain in einer privaten Wohnung, wo sie eine englische Tapete aufzieht. «Ich habe den schönsten Job der Welt. Wenn ich gehe, sieht der Raum immer besser aus als bei meiner Ankunft», schwärmt sie. Meist arbeitet sie mit Jasmine Kupferschmid zusammen, «meiner besten Freundin und Lieblingsmalerin». Dass die beiden mehr als ein eingespieltes Team sind, sieht man an den Freundschaftstattoos: Beide tragen ein Strichmännchen der anderen auf dem Arm. Und sie verstehen sich, ohne zu reden. Beim Tapezieren ist auch Andrey für einmal ruhig, obwohl sie sonst oft ein Liedchen summt.

In den Tagen der quirligen Andrey findet sich wenig Routine. Nur den Kaffee am Morgen im Bett trinkt sie täglich mit ihrem Freund. «So bereiten wir uns auf den Tag vor», erzählt sie. Doch nach ihrem Müesli steuert sie mit ihrer Blechbüchse nicht zwingend zu einem Malerauftrag, sondern auch mal in ihr Atelier im Obstberg. Dort fabriziert sie Kristalllampen, die in zahlreichen Gastrolokalen in der Stadt an den Decken hängen. Und sie renoviert alte Goldrahmen.

«Ich bin keine Künstlerin, höchstens eine Lebenskünstlerin. Nein, ich sehe mich einfach als Büezerin und Handwerkerin.» Und Autodidaktin, denn das meiste Wissen, wie man dieses oder jenes macht, brachte sie sich selber bei. Dann müsse man nur noch üben, 100-mal, dann gehe es von alleine, sagt sie und lacht. «Ausser beim Ape, da hat mir der Mechaniker aus Schwarzenburg gezeigt, wie man ihn repariert.» Dennoch spukt die Blechbüchse ab und zu, wie etwa kürzlich in der Länggasse. Reparieren ist nicht immer nötig: Chantal Andrey schob den Ape kurzerhand an den Strassenrand. «Manchmal muss man ihm einfach eine Nacht Ruhe gönnen», weiss sie.

Faszinierendes Feuer

Aufgewachsen ist Chantal Andrey im Breitenrain bei der Haltestelle Parkstrasse in den Eisenbähnlerhäusern. Deshalb kannte sie den Obstberg kaum, bevor sie ihr Atelier dort hatte. Dieses war vor ihrem Einzug dunkel, tannengrün und verlassen. Sie strich es neu und verwandelte den ehemaligen Abstellkeller in einen schönen Ort. Durchs Schaufenster dringt viel Licht, und auf dem Vorplatz sitzt sie oft, um zu rauchen. «Ich habe mich einfach in den Ort verliebt und gebe ihn nicht mehr her», sagt sie.

Verliebt hat sie sich auch in ihren neuen Wohnort Kirchlindach. Zwar schätzte sie als Städterin, dass sie schon als kleiner Knopf alleine raus durfte und die grösseren auf die kleineren aufpassten. Aber grundsätzlich findet sie, in der Stadt sei alles kompliziert. Nun wohnt sie mit ihrem Freund in Kirchlindach. «Ich habe mir immer einen Garten gewünscht. Und eine Feuerstelle», schwärmt sie. Jeden Abend, aber noch lieber den ganzen Tag möchte sie einfeuern – obwohl sie als Vegetarierin gar nicht grillieren will. «Das Feuer riecht einfach gut, ist entspannend und hat so viel Macht», sagt sie.

Singen ist intim

Ob beim Feuern, im Garten, beim Kochen, auf der Toilette – überall, wo sie ist, singt Chantal Andrey. «Mir singt es einfach und sehr oft. Vor allem in der Blechbüchse», sagt sie. Manchmal spielt sie Ukulele oder Melodica, manchmal ist ein Kollege dabei. Mit ihm übt sie für ein Sommerprojekt: «Wir wollen Strassenmusik machen. Nicht in Bern, dazu sind wir zu grosse ‹Höseler›, aber in anderen Schweizer Städten.»

Derzeit üben sie, auf dem Balkon bei ihm, in ihrer Küche, im Kocherpark. Anstatt vor richtigem Publikum haben sie auch schon mal Kühe angesungen. Allerdings mussten sie diese Übung schnell abbrechen, da die Tiere auf sie losrannten. Andrey ist im Normalfall alles andere als schüchtern, aber das Singen sei einfach etwas Persönliches, etwas Intimes. Dennoch freut sie sich auf den Sommer und darauf, etwas Neues zu erleben. «Ich bin gespannt, wie die Leute auf uns reagieren. Sie müssen ja nicht anhalten, wenn sie nicht wollen», sinniert Andrey. Wenn sie anstimmt, sind der Hühnerhautmoment und Tränen garantiert.

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