Bern

Coiffeur-Business: Dumping oder Wettbewerb?

BernIn der Stadt Bern tobt ein Preiskampf unter den Coiffeuren, und Afif al-Sayed gehört zu den Gewinnern. Das hat mit den 23 Franken zu tun, die er fürs Haareschneiden berechnet. Aber nicht nur.

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Afif al-Sayed hat es nicht so mit dem Schreiben, er hat es nie richtig gelernt, er verwechselt das A mit dem E, manchmal mit dem U, und das – das wusste er von Anfang an – ist ein Nachteil in diesem Land. Also vermeidet er es. Stattdessen knipst er die Tondeuse an, schiebt den Riegel auf sieben Millimeter und setzt an. Afif ist Coiffeur. Das hat er gelernt, und er wusste, schon bevor er in dieses Land kam, er kann es gut.

Es ist der letzte Nachmittag vor dem Wochenende, der Laden ist voll. Wie eigentlich immer, seit Afif vor einem halben Jahr am ­Loryplatz aufgemacht hat. Grand Coiffeur hat er den Salon genannt, seinen Salon, ihn mit vergilbten Plakaten von L’Oréal ausgestattet und einen Ritter samt Plastikpferd ins Schaufenster gestellt.

«Online gefunden», antwortet Afif auf die Frage, was es mit Pferd und L’Oréal auf sich hat. Den Blick hält er auf den Haarschopf des Kunden gerichtet, der im Stuhl vor ihm sitzt mit einem dieser schwarzen Coiffeur-Ponchos über den Schultern. Und Afif fräst die sieben Millimeter. Rund drei Minuten braucht er dafür. Manchmal vier. «Hängt vom Übergang ab», sagt er.

Schütteler

Afif trägt seine Haare, wie er sie schneidet: auf den Seiten kurz, oben zur Seite gekämmt. Dazu Bartstoppeln bis hinauf zu den Wangenknochen und eine Silberkette, die ihm bei der Arbeit verrutscht, mal hoch, mal runter.

Der Haarschopf im Poncho will Übergang, also riegelt Afif nach drei Minuten auf neun Milli­meter um und zieht den letzten Streifen des Sidecuts etwas ­länger. «Obe nume Spitze, hinge grad», sagt der Mann im Poncho. Standardprogramm. «Ah, Schütteler?», fragt Afif, und der Poncho-Mann grinst. Wenig später hat Afif den Fussballer rasiert, ihn in einen Zitronennebel gehüllt. «Gel oder Wachs?» Der Kunde verzichtet: «Merci viumau.» Afif antwortet: «Bitte vielmal.»

Keine zwanzig Minuten hat das Standardprogramm gedauert. Gekostet hat es 23 Franken. Einen Stutz Trinkgeld gibt es obendrauf. 23, mehr könne er, Afif, nicht verlangen: «Ich mache ja fast alles mit der Maschine.» Bei knapp 150 Kunden pro Monat reiche das. Für ihn, die Ladenmiete und die beiden Kollegen, die ab und zu bei ihm arbeiten und Fussballerfrisuren schneiden. Wie viel die Kollegen davon abbekommen? «Malsomalso.»

Preiskampf

Der Loryplatz in Bern ist ein Ort, an dem die meisten Menschen vorbeifahren, eine Station zwischen Zentrum und Westen, zwischen Weltkulturerbe und Bümpliz-Betlehem. Diesen Ort hat sich der Syrer ausgesucht. Unweit der Konkurrenz. Aber in einer Stadt wie Bern konkurrenziert sowieso ein Frisör den anderen. Die Margen sind dünn, die Kundschaft wählerisch.

Vor drei Jahren flüchtete Afif aus Syrien, über Umwege kam er in die Schweiz. Nein, darüber reden möchte er nicht. Er sei 32, habe keinen Studienabschluss. Den hätte er gerne nachgeholt: «Aber das ist schwierig. Wegen der Sprache. Und des Schreibens.» Also tut er, was er kann: Haare schneiden. Für 23 Franken.

Spricht man Afif auf die ersten Monate am Loryplatz an, dreht er die Handflächen nach oben. «Malsomalsomalso.» Klar sei es hier billiger.

Konkurrenz

Er stellt folgende Rechnung auf: «Die anderen müssen einmal am Tag eine Frau schneiden. Einmal. Dann verdienen sie gleich viel wie ich am gleichen Tag.»

Christian Reichenbach ist ein Mann, der seine Mails rasch beantwortet und die Leute dann gerne persönlich trifft. Wenn es sein muss, in seiner Mittagspause. Auch Reichenbach schneidet Haare, im Spitalacker – den Salon führt er seit vierzig Jahren. Seit 2012 ist er der oberste Berner Coiffeur.

Als Präsident des bernischen Coiffeurverbandes verfolgt Reichenbach den Aufstieg der günstigen Salons genau. Von denen gibt es in allen Schweizer Städten immer mehr, allein in Bern sind es rund ein Dutzend – von denen man weiss. Und ja, er verfolgt diese Entwicklung mit einer Portion Ärger: «Ein Haarschnitt, unter 25 Franken – das geht einfach nicht.» Reichenbach spricht von fehlender Ausbildung, mangelnder Qualität und von zweifelhaften Lohnmodellen. Ein vernünftig geführter Salon komme nicht mit Preisen unter 50 Franken über die Runden, für Herren, wohlgemerkt.

Seit dem 1. März gilt in der Branche ein neuer Gesamtarbeitsvertrag. Der legt fest, wie viel Frisörinnen und Coiffeure verdienen müssen. Das Problem dabei: Die Preise sind nicht geregelt. Coiffeure wie Afif gelten als selbstständig, sie zahlen sich ihren Lohn selber aus. Die Discounter wechseln zudem oft das Personal aus, die Kurzzeitangestellten sind froh um das Geld, das sie verdienen, und haben keine Ahnung von Branchenverträgen. Kommt hinzu, dass es oft ­Bekannte der Inhaber sind. Cousins, Onkel, Kollegen – überprüfen lassen sich solche Arbeitsverhältnisse nur mit erheblichem Aufwand.

Schere

Reichenbachs Gegenstrategie ist einfach: «Auf Qualität setzen. Und die hat einfach ihren Preis.» Er rate davon ab, in den Preiskampf gegen unten einzusteigen, im Gegenteil: «Leute, habt keine Angst, diese Preise anzuheben.» Dass man dabei der Konkurrenz – Leuten wie Afif – das Herrensegment kampflos überlässt, tant pis. Für den Moment. Es sehe halt grad jeder fast gleich aus. Kurz an den Seiten, oben etwas länger: «Diesen Schnitt beherrschen sie.» Sie, die Afifs. Doch die Mode ändere sich auch wieder einmal. Da müssen die anderen, die Reichenbachs, keine Angst haben. Denn: «Dann wird die Schere wieder gefragter sein.» Und man werde sehen, wer das Handwerk beherrsche. «Das mit der Schere, das können sie dann weniger», sagt der Verbandspräsident. «Dann verschwinden viele wieder. Hoffentlich.»

«Geits?»

Auch wenn der oberste Coiffeur es nicht wörtlich so sagt, der Vorwurf ist klar: Was Afif in seinem Salon macht, ist Dumping. Man kann das so sehen. Und entgegenhalten: Leute wie Afif schufen in Bern, Basel, Zürich neue Märkte. Für Männer, für die der wöchentliche Haarschnitt ein Ritual ist und die dafür nicht jedes Mal einen Fünfziger liegen lassen wollen. Geschweige denn können. Sie schufen Orte, an denen sie Tee trinken und unter ihresgleichen sind. Ein Stück Sub­kultur.

Es ist 17 Uhr, Rushhour. Afifs Kundschaft steigt am Loryplatz aus dem Tram und keine halbe Stunde später wieder zu. Meist junge Männer. Sie treten ein, grüssen mit «Geits?», Handschlag. Im TV läuft eine kurdische Schnulze, die Gespräche drehen sich um «Bügu» und Fussball.

Mit einer Handbewegung winkt Afif einen Kunden heran. «Bitt’ schön». Der Mann blickt vom Smartphone auf. «Geits?» Ein Handschlag, die Silberkette baumelt. «Sieben Millimeter, gäu?» Der Mann schlüpft in den Poncho, fährt sich ein letztes Mal durch die Tolle und schaut dabei in den Spiegel: «Uf dr Site und hinger, ja. Obe casch la sy.»

Und Afif knipst die Tondeuse an. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.06.2018, 09:10 Uhr

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