Cooler als eine Weltreise

«Hier oben kannst du leben, wie du willst, das ist gesünder», sagt Simon Zeiter, ein Stadtberner, der auf der Alp arbeitet. Er ist in guter Gesellschaft: Mit einem Alpsommer im Lebenslauf gilt man heute als hip.

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Marina Bolzli@Zimlisberg

«Nach meinem ersten Alpsommer dachte ich: Das ist die neue Weltreise», sagt Samuel Mettler (38). Er hat recht: Wer früher auf Weltreise ging, galt als krass, als abenteuerlustig, als besonders.

Heute kann man kaum mehr jemanden damit beeindrucken, Weltreisen sind so normal ge­worden wie ein Handyauflade­gerät mit Solarstrom.Aber mit einem Alpsommer im Curriculum Vitae gilt man in städtischen Kreisen immer noch als cool: die viele Arbeit, die Entbehrungen, die Reduktion aufs Wesentliche.

Samuel Mettler, Lehrer und Soziologe, sitzt auf dem Balkon seiner Wohnung in der Berner Lorraine. Nach zwei Alpsommern verbringt er wieder einen in der Stadt.

Im Büro, wie vor seiner Erfahrung als Älpler, arbeitet er heute aber nicht mehr, er betreut jetzt schwierige Jugendliche. Auf die Alp ging er wegen der Selbsterfahrung, er wollte seine Persönlichkeit weiterentwickeln, und ja, er war nicht glücklich in seinem Bürojob, «immer vor dem Computer sitzen, das ist nicht gesund», sagt er.

Mettler ist dabei in guter Gesellschaft: Es gibt viele Städter, die auf die Alp gehen. Während Bauern noch vor ein paar Jahren Schwierigkeiten hatten, überhaupt jemanden für die Alpbewirtschaftung zu finden, und oft auf Kräfte aus dem Ausland zurückgreifen mussten, wollen nun vermehrt Schweizer z’Alp – auch wenn sie keinen landwirtschaftlichen Hintergrund haben.

Der Routinier

Von einem neuen Trend zu sprechen, wäre aber vermessen. «Städter zog es schon seit den 1970ern auf die Alp», sagt Giorgio Hösli. Der 54-Jährige ist Mitgründer der Alpvermittlungsstelle Zalp und ging selber 1984 nach einer Lehre als Maschinenzeichner zum ersten Mal z’Alp. «Es war eine Geissenalp, erst als ich da war, merkte ich: Scheisse, ich muss ja auch noch melken.»

Er hat festgestellt, dass die Städter aus anderen Gründen als früher auf die Alp gehen. «Heute wollen die Leute ein Naturer­lebnis, ein Time-out, ein Sommerevent», sagt er.

«Einmal im Leben auf der Alp gewesen zu sein, das gehört jetzt in eine anständige Biografie.» Früher sei es viel mehr um ein neues, selbst­bestimmtes Leben gegangen. Auf die Alp zu gehen, war eine Form von Systemkritik. Viele wurden danach Aussteiger und kauften irgendwo abgelegen einen Hof.

Doch von Stadt und Land spricht Giorgio Hösli sowieso nicht gern, «das gibt es heute doch gar nicht mehr», er nennt die Neueinsteiger lieber «artfremde Leute». Er geht davon aus, dass auf Schweizer Alpen ein Bedarf von etwa 12 000 bis 15 000 Arbeitskräften besteht.

Über die Hälfte davon kommt aus der Landwirtschaft. Der Rest seien eben «artfremde Leute» und auch diese nicht homogen. «Ein Teil von ihnen macht das mehrere Sommer lang, der andere Teil sucht das einmalige Naturerlebnis.»

Der «Artfremde»

Simon Zeiter gehört ganz klar zum ersten Teil der «Artfremden». Der 37-Jährige lebt im Winter in Bern, hat hier studiert und geht seit drei Jahren auf die Alp, in diesem Sommer arbeitet er auf der Vorderen Walop im Simmental. «Hier oben kannst du leben, wie du willst, das ist gesünder», sagt er.

«Es ist ein ritualisiertes Outdoorleben mit dem immer gleichen Tagesablauf. Du gehst raus, egal, ob es regnet oder die Sonne scheint – und sehr oft bist du dabei allein, machst einfach deine Arbeit.» Er hat bisher auf drei verschiedenen Alpen gearbeitet – und lernt so ganz nebenbei die Schweiz kennen.

Und die Bauern, die manchmal gar nicht seiner Ansicht seien. «Da musst du pragmatisch sein, das tut beiden Seiten gut», sagt er.

Es ist Abend, eben ist er auf die Kaiseregg gewandert, eine Stunde von seiner Alp entfernt. Eine kleine Auszeit. Und wieder einmal ein Handysignal, «auf der Alp haben wir keinen Empfang, sind nicht der virtuellen Welt ausgesetzt», sagt er.

Mettler, auf dem Balkon in Bern, hat etwas Ähnliches erwähnt: «Auf der Alp brauche ich keine Agenda, ich muss nicht organisieren, ich muss keine Mails lesen und verschicken. Ich weiss, was ich zu tun habe.»

Diese Reduktion, die gefalle ihm. Im Übrigen mache einen ein Alpsommer überhaupt nicht abgeklärter: «Im Gegenteil, als ich im ersten Jahr von der Alp zurückkam, war ich total von dieser Komplexität überfordert, so viele Möglichkeiten, eine solche Reizbombardierung», sagt Mettler. Das sei vermutlich sein Suchtmoment: diese so klaren Regeln und Tagesab­läufe auf der Alp.

Alle drei warnen aber vor einer Verklärung der Arbeit auf der Alp. «Das ist knüppelharte Büez», sagt Mettler. Und Hösli, der in den vielen Jahren einige hat kommen und gehen sehen, nervt sich über das Wissen, das verloren geht, wenn ein «Artfremder» nur eine Saison auf die Alp kommt oder ­sogar schon nach zwei Wochen aufgibt, er beklagt die ewigen Wechsel.

Aber auch er ist pragmatisch. Die Alplandwirtschaft ist auf die «Artfremden» angewiesen. Und, da sind sich alle drei einig: Das Wichtigste ist die Motivation, dann hältst du durch, auch als Städter, auch wenn es mal hart wird.

Und das wird es. Vielleicht noch etwas öfter als auf einer Weltreise.

Berner Zeitung

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