Darshikka Krishnanantham, das Sprachtalent am Gericht

Bern

Das Regionalgericht Bern-Mittelland ist ihr Arbeitsort. Als Übersetzerin begegnet die Thunerin Darshikka Krishnanantham vielen bewegenden Schicksalen. Am Samstag ist am Gericht Tag der offenen Tür.

Darshikka Krishnanantham mit Sohn Lenin (6 Monate) vor dem Amthaus.

Darshikka Krishnanantham mit Sohn Lenin (6 Monate) vor dem Amthaus.

(Bild: Stefan Anderegg)

Ruhig und gut gelaunt sitzt Darshikka Krishnanantham in einem Restaurant in der Stadt Bern mit ihrem Sohn auf dem Schoss und trinkt einen Kaffee. So aufmerksam, wie sie privat erscheint, geht sie auch ihrer Arbeit nach. Dann aber mit Gerichtsunterlagen statt Milchschoppen in der Hand.

Seit mehr als fünfzehn Jahren arbeitet die zweifache Mutter als staatlich anerkannte Übersetzerin für das Regionalgericht Bern-Mittelland und hilft im Gerichtssaal ihren tamilischen Landsleuten, sich auf Deutsch oder Englisch auszudrücken.

Als Übersetzerin ist sie auf Abruf. Ihr gefällt, wie vielseitig ihre Arbeit ist. Es komme vor, dass sie einen Anruf erhalte und einige Stunden später im Amthaus sitze. Dann sei sie oft auch zwei Tage nacheinander im Gericht. In der gleichen Woche könne sie dann auch noch für Übersetzungen von Dokumenten nach Bern gerufen werden.

Flexibilität und Spontaneität sind für diesen Job Voraussetzung. Darshikka Krishnanan­tham bringt alles mit ihrem Privatleben unter einen Hut. Ursprünglich hat Krishnanantham eine kaufmännische Ausbildung gemacht und absolvierte anschliessend ein Wirtschaftsstudium.

Ein akademischer Schritt, den sie eher bereut: «Das Studium hat mir zwar viel ­gebracht, aber Politik und Sprache sagen mir heute mehr.»

Emotionen und schlaflose Nächte

Das Sprachgefühl hatte sie schon immer. «In der Schule habe ich bereits für meine Eltern bei den Elterngesprächen übersetzt», erzählt sie, und ihre vertrauenswürdige Art lässt vermuten, dass sie wohl bereits als Kind wahrheitsgetreu übersetzt hat.

Krishnanantham ist als Tochter tamilischer Einwanderer aufgewachsen und identifiziert sich mit anderen Secondos. So wie sie ihren Eltern ­damals helfen konnte, will sie das auch für andere tamilische Bürger tun, welche die deutsche Sprache noch nicht beherrschen.

Egal, ob Angeklagter, Opfer oder Zeuge, die 32-Jährige sieht nur die Person und nicht den Übeltäter. Für sie ist klar: «Jeder Mensch macht mal Fehler.»

Anfangs habe sie noch sehr viele Emotionen mit nach Hause genommen und hatte nach diversen Gerichtsfällen schlaf­lose Nächte. Mittlerweile könne sie den Beruf zwar besser von ihrem Privatleben trennen, der Job beeinflusse sie aber trotzdem noch. «Die Geschichten, die ich in meiner Arbeit miterlebt habe, machten mich zu einem anderen Menschen. Diese Schicksale lassen mich schätzen, was ich in meinem Leben habe», sagt sie.

Sie ist sehr beschäftigt. Mit ihrem Ehemann und ihren beiden Söhnen wohnt sie in Thun und sitzt dort für die SP im Stadtrat. «Ich darf einfach nicht darüber nachdenken, wie viel ich um die Ohren habe», erklärt sie. Das sei ihr Trick, um mit ihrem Alltag nicht überfordert zu werden, und es wird deutlich: Freude bereiten ihr alle Rollen, in die sie schlüpft.

Sie nimmt vielen die Angst

Sie selbst habe viel erreicht als Kind von Flüchtlingen, was für sie nicht selbstverständlich sei. Dies will sie auch anderen Secondos mit auf den Weg geben: «Es ist wichtig, dass wir der Schweiz keinen Schaden zufügen und dass wir alle dankbar sind, hier leben zu können.»

Für sie sei es eine Ehre, beim Gericht zu arbeiten und anderen zu helfen, sagt Krishnanantham. Sie merke, dass ihre Arbeit als Übersetzerin geschätzt werde. Die Richter kennt sie bereits bestens, ihr Platz im Gericht ist am Pult neben ihnen. Auch die tamilischen Mitbürger, für die sie Dokumente oder Gerichtsfälle übersetzt, begegnen ihr mit Respekt.

Dass sie als Tamilin die Kultur kennt, nehme vielen im Gerichtssaal die Angst. «In unserer Gesellschaft fürchten sich viele vor dem Gericht, obwohl man dort nicht nur hinmuss, wenn man etwas verbrochen hat.

Das Gericht ist ein sehr spannender Ort, und es kann für alle lehrreich sein, dieses Gebäude mal zu betreten», findet sie. Wer sich Darshikka Krishnananthams Arbeitsort ansehen möchte, kann heute Samstag den Tag der offenen Tür des Regionalgerichts Bern-Mittelland besuchen.

Samstag, 18. Juni, ist der Tag der offenen Tür der Straf- und Ziviljustizan der Hodler­strasse 7 und an der Effingerstrasse 34 in Bern. Von 10 bis 16 Uhr, der Anlass ist gratis.Für die fiktiven und kommentierten Gerichtsverhandlungen vom Morgen werden um 10 Uhr an den jeweiligen Standorten Platzkarten verteilt, für den Anlass am Nachmittag um 12 Uhr. Weitere Informationen unter: www.justice.be.ch.

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