«Das Ganze ist ein Albtraum für mich»

Prêles

Der Bronzefund von Prêles ist eine archäologische Sensation. Dem Finder selbst ist die Freude an der wertvollen Hand längst vergangen.

Im Neuen Museum Biel zu Gast: Die Bronzehand aus Prêles.<p class='credit'>(Bild: Raphael Schaefer)</p>

Im Neuen Museum Biel zu Gast: Die Bronzehand aus Prêles.

(Bild: Raphael Schaefer)

Der 47-jährige Massimo Beck aus Courtelary im Berner Jura hat ein aussergewöhnliches Hobby: Er ist Metallsuchgänger. Wenn er mit seinem Metalldetektor dem Boden entlangfährt, hat er Dinge wie Münzen oder Schmuck im Visier. «Meine Tochter und meine Stieftochter freuen sich vor allem, wenn sie Franken- oder Rappenstücke für ihr Kässeli finden.»

Nie aber gehe es ihm um historische Münzen oder Schmuckstücke. «Wer zufällig etwas Derartiges findet, muss es melden.» Er sei also kein archäologischer Hobbyforscher, betont er, darum habe er auch nicht um eine ­Bewilligung für seinen Detektor nachgesucht. Eine solche braucht man gemäss Denkmalpflegegesetz des Kantons Bern nämlich, wenn man «technische Hilfsmittel zum Absuchen des Untergrundes nach archäologischen Objekten» verwenden will.

Goldarmband statt Abfall

An einem Samstag im Oktober letzten Jahres geht Beck mit einem Kollegen wieder einmal auf die Jagd nach Metall im Untergrund. Es geht nach Prêles, wo Beck noch nicht alle Felder abgesucht hat. Wie immer fragt er erst den Landbesitzer, ehe er loslegt.

Dieser sagt Ja, denn ­Metallsuchgänger sind willkommen – als Abfallsammler. Denn der Müll kann den weidenden Tieren schaden, gar zu deren Tod führen. «Bei jedem Gang finden wir 5 bis 15 Kilogramm Abfall, Bierdosen, Alufolien, Blei oder Batterien.»

Plötzlich schlägt der Metalldetektor an. Beim Buddeln stossen die beiden Männer auf die Handskulptur, doch weil viel Erde kleben bleibt, glauben sie erst, es handle sich um eine Dose. Erst beim Umdrehen erblicken sie das Goldarmband.

«Ich will gar kein Geld. Ich will nur ein Merci.»Massimo Beck, Metallsuchgänger

Nun ist den beiden klar, dass sie etwas archäologisch Wertvolles gefunden haben. Zumal sie noch einen Dolch und eine menschliche Rippe vorfinden. Becks Kollege nimmt die Fundstücke übers Wochenende zu sich nach Hause. In der Folgewoche fahren die beiden nach Bern und übergeben den Fund ordnungsgemäss dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern.

Einige Zeit später folgt eine kurze Begehung der Fundstelle durch den Archäologischen Dienst. Ansonsten passiert ­zunächst einmal lange nichts. «Wegen der vielen Fundstellen kommen wir kaum nach mit der Arbeit», rechtfertigt sich der Berner Kantonsarchäologe Adriano Boschetti.

Mehr Schätze gefunden

Im vergangenen Frühling wird an der Fundstelle eine sogenannte Nachgrabung in Angriff genommen, nicht zuletzt auch, um Raubgrabungen zuvorzukommen. Dabei stossen die Fachleute auf ein Grab, das die Knochen eines erwachsenen Mannes enthält. Weiter finden sie eine bronzene Gewandnadel, eine Haarschmuckspirale sowie Reste von Goldblech, die wohl wie die Gold-Manschette am Handgelenk zur Handskulptur gehörten.

Doch erst ein vierter Finger, der von der Bronzehand abgebrochen ist, reicht den Archäologen als ultimativer Beweis dafür, dass die Hand tatsächlich von diesem Fundort stammt. Drei hat schon Massimo Beck gefunden und ­abgegeben. Der Daumen der – wohl rechten – Hand fehlt. Unter der Grabstätte wird zudem eine Konstruktion aus Steinen vorgefunden, die älter als das Grab selbst ist.

«Wir haben aber auch Löcher entdeckt, die frisch zugeschüttet und mit Steinen markiert waren», sagt Boschetti. Bei der sorgfältigen Ausgrabung habe man auf dem Grund dieser Löcher im Erdreich grüne Spuren von Bronze festgestellt. «Dort hatte also jemand weitere Bronzestücke gefunden und entnommen.»

Somit lag Grabraub vor. Denn laut ­Gesetz gehören «herrenlose Altertümer von wissenschaftlichem Wert» dem Kanton, in dem sie gefunden werden.

Polizei durchsuchte das Haus

Eines Tages erhält Massimo Beck einen Anruf vom Archäologischen Dienst. Ob die vorgefundenen Löcher von ihm stammen, wird er gefragt. Er reagierte empört – doch es kam noch dicker: Im Juni klingeln eines frühen Morgens Polizisten die Familie Beck für eine Hausdurchsuchung aus dem Schlaf.

«Sie fanden ­natürlich nichts», erinnert sich Beck. Trotzdem läuft nach einer ­Anzeige durch den Archäo­logischen Dienst nun ein Strafverfahren gegen ihn. Er wird der Grabräuberei verdächtigt.

Beck beteuert, alle Funde übergeben und die Fundstelle ­anschliessend nicht mehr betreten zu haben. «Das Ganze ist ein Albtraum», sagt er. Er hat sich in der Zwischenzeit einen Anwalt genommen.

An sich hätte er sogar einen Finderlohn zugut, dann jedenfalls, wenn alles seine Ordnung hatte. Aber Beck will gar kein Geld. «Ich will nur ein ­Merci.»

Berner Zeitung

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