Das Gruppentreffen

Am Sonntag greift die Schweizer Gruppe ins WM-Geschehen ein, die Teams sind bereit. Und die Fans? Diese Zeitung hat einem Schweizer, einem Serben, einer Brasilianerin und einer Costa Ricanerin aus Bern den Puls gefühlt.

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Christoph Albrecht

Das Eis bricht bereits bei der ­Begrüssung. «Ich glaube, ich habe dir gerade den Parkplatz weg­geschnappt», sagt der Mann im Schweizer Nati-Trikot zur Frau im Brasilien-Shirt. Sie und die Costa Ricanerin, die neben ihr steht, grinsen. Kurz darauf erscheint ein junger Mann im Serbien-Dress. «Hier kommt auch noch der Gruppenerste», scherzt er. Die Runde lacht.

Ein Feierabend in einer Berner Beiz. Soeben haben sich Christian Haas (49, Schweiz), Rosana Preter (45, Brasilien), Ivannia Quesada (34, Costa Rica) und Dragan Kuzmanovic (27, Serbien) erstmals getroffen. Dies auf Anfrage dieser Zeitung, denn etwas verbindet die vier: Sie alle sind Fussballfans aus Bern. Und sie alle stammen aus den Nationen, die sich ab heute Sonntag an der WM in der Gruppe E gegenüberstehen.

Die Fussball-Feiertage

Die vier sind sich schnell einig: «Endlich geht es los!» Sie könne kaum mehr warten, sagt etwa Ivannia Quesada aus Costa Rica. Seit acht Jahren lebt die Kinderbetreuerin hier. In ihrer Heimat sei derzeit nur noch die WM Thema. «Eigentlich hat das Land viele Probleme.» Spiele «La Sele», vergesse man aber alles.

Wie weit die Fussballeuphorie im mittelamerikanischen Land gehen kann, zeigte sich bei der WM 2014. Der damalige Präsident gab den fussballverrückten Bewohnern seinerzeit für alle Spiele frei. Mittlerweile hat ein neuer Präsident das Sagen. Er hat die Fussball-Feiertage wieder gestrichen. Das finde sie auch richtig so, sagt Quesada. Schliesslich müsse das Land vorwärtskommen. Allerdings: «Wenn wir ge­gen Brasilien gewinnen, geht sicher niemand mehr arbeiten.»

Das Brasilien-Trauma

Klar, dass die Brasilianerin nicht mit diesem Szenario rechnen will. «Wir sind wie immer Favorit», sagt Rosana Preter. Der Druck sei zwar gross, ihn brauche die «Seleção» aber. Auf Instagram hat die 45-Jährige in den vergangenen Tagen jeden Schritt von Brasiliens Superstar Neymar verfolgt. «Das Team scheint zufrieden, ich habe ein gutes Gefühl.» Jedenfalls ein besseres als vor vier Jahren.

Da war die WM im eigenen Land. Eine grosse Party sollte es werden, doch es kam anders. Im Halbfinal setzte es für Brasilien eine 1:7-Klatsche gegen Deutschland ab. Es war eine vernichtende Niederlage und ein Stich ins Herz aller Brasilianer, der sich wie eine schwere Wunde in die Volksseele einbrannte – auch bei Rosana Preter, die das Spiel damals mit 40'000 anderen Fans am Copacabana-Strand von Rio mitverfolgte.

«Nie», sagt sie, «nie in meinem Leben habe ich eine so traurige Situation erlebt.» Es sind apokalyptische Zustände, welche die Restaurantbesitzerin von jenem Abend schildert. Nach dem Schlusspfiff hätten am Himmel Dutzende Helikopter gekreist, unten formierte sich die Polizei. Wie in einem Weltkrieg sei sie sich vorgekommen. «Man hatte Angst, dass die Leute alles kaputt machen.» Und dann sei eine riesige Wolke vom Meer her über Rio eingebrochen und habe es nur noch regnen lassen. «Es war, als würde ganz Brasilien weinen.»

Tränen hat es zuletzt auch bei Christian Haas gegeben. Allerdings waren es Tränen der Freude, ausgelöst durch den Meistertitel der Young Boys Ende April. «Ich habe diesen Frühling fast nur gefeiert», sagt der YB-Fan. Dies sei auch der Grund, weshalb sich seine WM-Vorfreude bislang in Grenzen gehalten habe.

Der Schweizer WM-Reisende

Lange dürfte sie aber nicht mehr auf sich warten lassen. Denn am Sonntagabend wird der 49-jährige Informatiker beim Spiel der Schweiz gegen Brasilien im russischen Rostow im Stadion sitzen. Es sei eine Tradition geworden, zusammen mit seinem Bruder die grossen Fussballturniere live mitzuerleben. «Seit 1998 war ich als Fan bei jeder WM dabei.»

Und Dragan Kuzmanovic? Für den Serben sind Fussballend­runden jeweils eine besondere Angelegenheit. Der Thuner ist der Cousin von Ex-Basel-Profi Zdravko Kuzmanovic, der 2010 für die serbische Nationalmannschaft an der WM im Einsatz stand. «Sehr, sehr, sehr speziell» sei auch diese WM wieder für ihn, auch wenn sein Cousin heuer nicht spiele. «Ich werde jeweils nostalgisch und wünschte mir, selber Fussballprofi geworden zu sein.» Allzu weit davon entfernt war der 27-Jährige, der in der Schweiz geboren ist und beim FC Thun im Nachwuchs spielte, nicht. Ganz gereicht hat es aber nicht. Heute spielt Dragan Kuzmanovic in der Drittliga bei SV Slavonija Bern.

Die «Balkanjungs»

Einmalig macht für den Migrationsfachmann beim diesjährigen Turnier das Aufeinander­treffen zwischen Serbien und der Schweiz. «Das wird hitzig», glaubt er. Grund seien die vielen «Balkanjungs» in der Schweizer Nati. In den serbischen Medien sei das ein grosses Thema – ebenso in seinem Freundeskreis, zu dem unter anderem Serben, Albaner, Kroaten und Bosnier gehören. «Am Fussball scheiden sich nun mal die Geister», sagt Kuzmanovic. Auch er werde sich in seine Community zurückziehen und bei Grillfleisch und Bier seine Serben anfeuern.

Jeweils auf ihre Art und in ihrem Umfeld werden auch die anderen Fans der Schweizer Gruppengegner die Spiele ihrer Landesauswahlen verfolgen. «Ich muss arbeiten», sagt etwa Rosana Preter, die seit nunmehr fünfzehn Jahren in der Schweiz lebt und im Kirchenfeldquartier ein brasilianisches Grillrestaurant führt. Natürlich werde sie die Spiele aber auf Leinwand zeigen – und dabei selber auf das Geschehen auf dem Rasen schielen.

Bei Ivannia Quesada wird die WM derweil zur Familiensache. Da sie zwei kleine Töchter hat, wird sie die Spiele zu Hause schauen – und parallel mit ihren Verwandten in Costa Rica Nachrichten und Videos hin und her schicken. «Bei der WM wird das Heimweh jeweils stärker», sagt sie. Jetzt umso mehr, da ihr Heimatland auf ihre Wahlheimat trifft. Diese Ausgangslage mache die Dinge auch kompliziert. «Meine ältere Tochter hat mir kürzlich klargemacht, dass sie die Schweiz unterstützt.» Bei der jüngeren, die erst ein paar Monate alt ist, hat die Mutter dann ­Einfluss genommen und ihr ein Costa-Rica-Trikot gekauft. Da ihr Mann Schweizer ist, sei die WM für sie letztlich aber «sowieso eine Win-win-Situation».

Die Prognosen

Und wer aus der Gruppe schafft es nun wie weit? «Wir holen ­diesmal wieder den Pokal», ist die Brasilianerin überzeugt. «Wir werden Gruppenzweiter, schlagen im Achtelfinal die Deutschen und lassen uns danach überraschen», hofft der Serbe. «Mindestens Viertelfinal» lautet das Ziel der Costa Ricanerin. Und der Schweizer? Gehe es nach dem Kopf, überstehe man die Gruppe gar nicht erst. «Das Herz sagt mir aber, dass wir das Halbfinale erreichen.»

Berner Zeitung

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