Das Wachstumsdorf auf der Sonnenterrasse

Riggisberg

So viel wurde im Dorf am Fusse des Längenbergs noch nie gebaut. Bis zu 25 Prozent mehr Einwohner soll die Gemeinde bald zählen – auch dank der Fusion mit Rümligen. 

Gemeindepräsident Michael Bürki ist stolz auf die Bautätigkeit in Riggisberg.

Gemeindepräsident Michael Bürki ist stolz auf die Bautätigkeit in Riggisberg.

(Bild: Christian Pfander)

Marco Spycher

Am besten ist das Alpenpanorama von Riggisbergs Kirche aus betrachtet. Die erhabene Ruhe wird aber durch den Lärm von Baumaschinen gestört. Im Dorfzentrum fügt sich Baustelle an Baustelle.

Die Nachfrage nach Wohnungen in Riggisberg ist so gross wie noch nie. Bei der letzten Ortsplanungsrevision vor fünf Jahren beschloss die Gemeinde, dass neu eingezontes Bauland innerhalb von zwölf Jahren überbaut werden muss. Ansonsten verpflichteten sich die Grund eigentümer ohne Entschädigung zu einer Rückführung in die Landwirtschaftszone.

Sowohl für die Landbesitzer als auch für investitionsfreudige Bauherren war das offenbar ein Steilpass, erklärt Gemeinde präsident Michael Bürki (SVP). «Aber dass dies bereits nach fünf Jahren so konsequent umgesetzt wird, hätten wir nicht erwartet», räumt er ein. Bei der Gemeinde liegen aktuell Bauvorhaben für insgesamt achtzehn Mehrfamilienhäusern vor, die teilweise schon im Bau sind.

Mix ist wichtig

Zwar prägen Einfamilienhäuser das Ortsbild, derzeit überwiegt aber die Nachfrage nach Eigentums- und Mietwohnungen. Besonders ältere Personen, die bereits ein Einfamilienhaus be sitzen, suchen vermehrt nach einer Wohnung im Dorfzentrum. Dies zeigte sich beim alten Coop, welcher 2013 komplett abgerissen wurde. Auf dem Gelände entstand ein Mehrfamilienhaus mit Eigentumswohnungen. In kürzester Zeit waren diese bezogen. «Erstaunlich war, dass 80 Prozent der Neueinziehenden bereits Riggisberger waren», sagt Bürki.

Er ist sicher, dass der aktuelle Wandel der Gemeinde zugutekommt. «Die Mischung zwischen Einfamilienhäusern und Wohnungen ist für unser Dorf extrem wichtig.» Momentan ist das Angebot an Eigentumswohnungen in Riggisberg zwar gut, wer aber eine Mietwohnung sucht, muss sich gedulden. Dies soll sich in Zukunft ändern.

Mehr Zu- als Wegpendler

Zum Beispiel auf dem Schmid-Areal, wo direkt neben dem Realschulhaus sechs Mehrfamilienhäuser geplant sind. Nach der Baupublikation vom März gingen keine Einsprachen ein. Bereits im Frühjahr 2019 starten die Bauarbeiten. Auf dem Grundstück sollen 2½- bis 3½-Zimmer-Mietwohnungen entstehen.

«Die MischungzwischenEinfamilienhäusern und Wohnungen ist für unser Dorfextrem wichtig.»Michael Bürki (SVP) Gemeindepräsident Riggisberg

In diesem Segment gibt es aktuell in Riggisberg nur gerade zwei Angebote. Laut Roland Schlegel, Beauftragter für Projektentwicklung von der Bauherrin Priora Generalunternehmung AG, ist die Nachfrage nach grösseren Mietwohnungen geringer. «Oft entscheiden sich Interessenten eher für eine Eigentumswohnung oder ein Einfamilienhaus statt für 4½-Zimmer-Mietwohnungen», fügt er hinzu. 

Gemäss der Pendlerstatistik pendeln mehr Personen nach Riggisberg als umgekehrt. Vor allem das Spital oder der Schlossgarten für Menschen mit psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen ziehen Arbeitskräfte an. Für sie wollen die Baufirmen Wohnraum schaffen. Beim Gespräch mit Neuzuzügern fällt Bürki auf, dass vor allem die gute Lage zwischen Bern und Thun und die guten Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln für Riggisberg sprechen.

Bedenken der Einwohner

Bürki findet es spannend, diese Wachstumsphase als Gemeindepräsident zu begleiten. Allerdings erkennt er auch eine Kehrseite der Medaille: Die Nach frage nach Wohnraum nimmt zu, nicht allen Riggisbergern gefällt aber diese Bautätigkeit.

In der Gemeinde hört man unterschiedliche Bedenken. Auf Misstrauen stösst insbesondere, dass alles zur selben Zeit gebaut wird. Einwohner fragen auch, ob Riggisberg diese Entwicklung verkraften kann. Bürki selber kann dies nicht mit Sicherheit beantworten. «Aber der Gemeinderat und die Verwaltung arbeiten mit Hochdruck an verträglichen Lösungen», sagt er.

700 Einwohner mehr

Aktuell zählt die Gemeinde gut 2500 Einwohnerinnen und Einwohner. Und in ein paar Jahren? Momentan ist die Fusion mit der Nachbargemeinde Rümligen in Vorbereitung, welche auf den 1. Januar 2021 geplant ist. Diese Erweiterung und die Bautätigkeit dürften Riggisbergs Einwohnerzahl auf 3200 erhöhen, rechnet Bürki. Das wären also rund 700 mehr als heute. Wie weit das Wachstum geht, kann zurzeit nicht gesagt werden. «Da die Bauarbeiten fast alle zur selben beendet werden, können sich die Wohnungen mittelfristig verteuern», sagt Bürki.

Die nächste Ortsplanungs revision kommt in knapp zehn Jahren. Dann wird vor allem die Entwicklung nach innen ein wichtiges Thema sein. Bürki vermutet, dass man aus Platzgründen auf Bedürfnisse wie einen eigenen Garten oder viel Umschwung verzichten muss. 

Jetzt werden aber zuerst mal die aktuellen Projekte fertig gestellt. Dann verschwinden die Baumaschinen vorerst aus dem Dorf. Und Riggisberg hat eine Verschnaufpause, bis in ein paar Jahren die nächsten Zuzüger kommen.

Berner Zeitung

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