Der Eisenhauer von Bolligen

Walter Baumann hat mehr als 600 Eisenobjekte geschaffen. In Bolligen hinterlässt er damit Spuren. Zu Besuch im Atelier eines nimmermüden Künstlers.

Walter Baumann neben einem seiner ersten Werke. «Der Vogel» entstand bereits 1972.

Walter Baumann neben einem seiner ersten Werke. «Der Vogel» entstand bereits 1972.

(Bild: Christian Pfander)

Mathias Gottet

Immer wieder fallen sie im Dorf Bolligen auf: die Eisenskulpturen von Walter Baumann. Sie hängen an Häuserwänden oder stehen in den Gärten der Einfamilienhäuser. Oder zieren die Fassade des Bahnhofs Bolligen: Das Eisen zeigt dort geschwungene Linien. Wie ein Gleis, das sich seinen Weg durch eine weite Landschaft bahnt. Ein paar Farbtupfer zieren das Werk, einige im Orange der RBS-Züge. «Hommage an die Eisenbahn» heisst die Skulptur. 

Walter Baumann geht durch den Garten, der sein Einfamilienhaus umgibt. Der Rasen ist gestutzt, der Gartenschlauch eingerollt. Überall stehen Eisenplastiken, eine ist ihm besonders wichtig. Er blickt in die Augen des Vogels, den er bereits 1972 geschaffen hat. «Der Vogel» war die vierte Eisenplastik, die Walter Baumann in seinem Leben entworfen hat. «Ich habe lange nach einem Ausdrucksmittel gesucht. Das Werk zeigte mir, dass ich es endlich gefunden hatte.» 

Werke sind stets filigran

Walter Baumann wurde in eine kunstfreie Welt geboren. In Bürglen, im Dorf des Nationalhelden Wilhelm Tell, gab es den Lebensentwurf des Künstlers nicht. Er musste sich für eine Lehre entscheiden: «Ich wurde Mechaniker», sagt er, «das hat mir gestunken.» Später bildete er sich zum Ingenieur weiter, studierte und arbeitete in den USA und kehrte als Betriebswirtschafter in die Schweiz zurück.  

Eine Ausstellung im Kunstmuseum Bern zeigte ihm, was mit Eisen alles möglich ist. Und einige Zeit später hämmerte und formte er das Material selber. Seit den frühen 1970er-Jahren sind so über 600 Werke aus Eisen entstanden. Viele davon sind in abstrakten Formen gehalten, einige von Tieren inspiriert. Durch das Schaffen des Künstlers zieht sich eines hindurch: Das Eisen wirkt trotz seines unfreundlichen Charakters stets filigran. Ein Vierteljahrhundert lang lebt Walter Baumann bereits als freischaffender Künstler. 

Eine steile Wendeltreppe führt in das Atelier des Künstlers. Mehr als ein Dutzend fertige Skulpturen umringen seinen Arbeitstisch. Darauf liegt die Skizze seines aktuellen Werks. «Ich investiere viel Zeit in die Planung. Es ist der Horror, wenn ich mit der Arbeit beginne und merke, dass die Balance nicht stimmt», sagt er. Die gröberen Elemente formt er auf einem Amboss in der Schmitte in Ferenberg. In seinem Atelier schweisst er die Teile dann zusammen. Zum Schluss setzt er einige Farbakzente.

Gegen die Monotonie

Allein in Bolligen sind über30 Werke von Walter Baumann im öffentlichen Raum zu sehen. Mit der Kunst an verschiedensten Gebäudefassaden verfolgt der Eisenhauer ein Ziel: Er will die Monotonie der modernen Architektur durchbrechen. Die quaderförmigen Gebäude, die viel zu oft in die Landschaft gewürfelt werden, langweilen den kreativen Kopf. Die heutige Architektur sei auf einem Tiefpunkt angelangt. Graue Wände gäben einem Passanten nichts mit, sagt er. «Ich bin froh, dass ich dazu beitragen darf, dass Bolligen etwas weniger grau ist.»

Walter Baumann sitzt im Wintergarten, sein Bein baumelt über die Lehne des Stuhls. Er wirkt viel jünger, als es der ausgedruckte Steckbrief verrät: Baumann hat Jahrgang 1936.

Auch mit 83 Jahren will er keine längeren Schaffenspausen einlegen. Im September eröffnet seine nächste Ausstellung in der Galerie Hess in Wabern. «Für mich ist es eine tägliche Herausforderung, neue Ideen zum Ausdruck zu bringen.» Einen Block und einen Stift trägt der nimmermüde Künstler immer bei sich. Denn gute Ideen kennen keine Bürozeiten.

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