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Der Gipfelkampf am Gurten

Dieser Selbstversuch eignet sich nicht zur Nachahmung.

Es ist Sonntagmorgen, der erste im November. Das 9er-Tram Richtung Wabern füllt sich nach und nach mit Sporttaschen, ihre Trägerinnen und Träger haben alle das gleiche Ziel: die Gurten Classic, den alljährlichen Lauf auf den Berner Hausberg. Zum 29. Mal findet diese Lauf-, Bike- und Walking-Veranstaltung statt. Laut Sandra von Ballmoos, der Medienverantwortlichen im OK, stehen Jahr für Jahr fast 200 Helferinnen und Helfer im Einsatz, mehrere Mitglieder des Organisationskomitees arbeiten über 500 Stunden im Jahr, um den Anlass zu ermöglichen – ehrenamtlich, versteht sich.

Nächste Station Gurtenbahn, mit Sandra von Ballmoos’ Worten im Hinterkopf gehts Richtung Startgelände: «Die Kurzlaufstrecke ist mit 8,4 Kilometern und 312 Metern Höhendifferenz sicher nichts für gänzlich Untrainierte», hatte die Medienverantwortliche im Vorfeld gewarnt. Und hinzugefügt: «Diese nehmen lieber die gemütlichere Berg-Walkingstrecke in Angriff.»

Mit der Überzeugung, dass sporadisches Joggen im Flachen und eine Vergangenheit als aktiver Fussballer lediglich an der Grenze zu «gänzlich untrainiert» liegen, wurde die Anmeldung ausgefüllt. Eine Einschätzung mit Folgen.

Zuerst jedoch zurück zum Start: Bei schönstem Herbstwetter setzt sich das Feld gemächlich in Bewegung. Vom Schulhaus Morillon weg Richtung Stadt führt die Strecke mit geringer Steigung durch die Gemeinde Köniz: Spiegel, Blinzern. Bis Kilometer 4 ist alles im Lot. Das Feld hat sich verzettelt, die Spitzenläufer hetzen dem Berg entgegen. Sie werden für die Strecke etwas mehr als 30 Minuten benötigen.

Dann die erste echte Herausforderung: Kurz vor der Mittelstation der Gurtenbahn wird es steil genug, dass sich die Beine ein erstes Mal bemerkbar machen. Schwerer, immer schwerer werden sie, links zieht ein etwa 15-jähriges Mädchen des ST Bern vorbei. Ein kurzes Aufbäumen, doch schon bald beugt sich der Ehrgeiz der überforderten Lunge. Schlecht fürs Ego, aber ganz sicher besser für den weiteren Verlauf des Rennens.

Im Windschatten des Leichtathletiknachwuchses geht es am Verpflegungsstand vorbei, endlich wieder flaches Terrain, endlich etwas Schatten. Doch die Freude ist von kurzer Dauer: Kurz vor Kilometer 6 steigt die Strecke wieder stark an. «Achtung, Schulkinder, bitte Schritttempo!», sagt das Schild am Strassenrand. Wie passend. Doch laufen kommt nicht in Frage, auch wenn zeitweise der Verdacht aufkommt, ein Wanderer wäre womöglich schneller unterwegs.

Während die Zuschauer am Streckenrand freundlich applaudieren und das herrliche Panorama bewundern, keuchen die Mitstreiter von allen Seiten. Die Steigung will und will nicht aufhören. Wer sich bisher unter 312 Höhenmetern nichts Konkretes vorstellen konnte, lernt es nun auf eine schmerzhafte Weise. Immer mehr Zuschauer stehen am Rand und rufen den roten und dampfenden Gesichtern aufmunternde Worte zu.

Inmitten der gut gemeinten Zurufe dann endlich eine wirkliche Motivation: «Noch 1 Kilometer bis ins Ziel», sagt das Schild. Die Erlösung jedoch kommt schon früher, die letzten fünfhundert Meter geht es bergab Richtung Bergstation. Mit viel Schwung und letzter Kraft dann hinein ins lang ersehnte Ziel. 45 Minuten und 40 Sekunden zeigt die Uhr an. Keine gute Zeit zwar, aber für «gänzlich Untrainierte» nicht weiter von Bedeutung. Denn das Ziel ist schliesslich das Ziel.

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