Der Könner mit Fäustel und Knüpfel

Stadt Bern

Manche Junge brauchen zwei Anläufe, bis sie den richtigen Beruf gefunden haben. So erging es auch Michael Egli. Zuerst entschied er sich für eine Lehre als Gärtner, nun ist er Steinmetz.

In seinem Beruf sei viel Fingerspitzengefühl gefragt, sagt Steinmetz Michael Steiner.

In seinem Beruf sei viel Fingerspitzengefühl gefragt, sagt Steinmetz Michael Steiner.

(Bild: Susanne Keller)

Den meisten Leuten sagen die Begriffe Fäustel und Knüpfel auf Anhieb nichts. Michael Egli jedoch braucht die hammerähnlichen Werkzeuge jeden Tag. Er ist Steinmetz und verwendet sie, um Naturstein zu bearbeiten. Derzeit arbeitet er an der Fassade der Nationalbank in Bern. Doch die Berufswahl war für ihn nicht immer klar. Ursprünglich begann er eine Lehre als Gärtner und wechselte jedoch nach einem Jahr zu den Steinmetzen.

Der 25-Jährige absolvierte die vierjährige Lehre als Steinmetz bei der Firma Carlo Bernasconi. Michael Egli weiss, welche Eigenschaften ein Steinmetz mitbringen sollte: «Der Beruf verlangt viel Fingerspitzengefühl. Eine falsche Bewegung, und das ganze Werk ist kaputt», sagt er. «Die Härte kann stark variieren, je nach Art des Gesteins.»

Je nach Region bearbeitet ein Steinmetz einen anderen Stein: In Biel ist es der Kalkstein, in Bern der Sandstein. «Der Berner Sandstein ist schwierig zu bearbeiten, da er sehr weich und fragil ist und leicht bricht.»

Ein Jahr Training

Michael Egli steht jeden Sommer im Steinbruch in Ostermundigen. Dort baut er den Berner Sandstein ab.In Blöcken wird der Sandstein aus dem meterhohen Felsen gesägt und anschliessend mit einem Kran Richtung Boden transportiert. Später verarbeitet er den Stein zu Gebäudeteilen weiter. Er meisselt mit Fäustel und Knüpfel beispielsweise Bogen und Gesimse aus dem Sandstein. Wobei ein Grossteil der Arbeit mit Maschinen erledigt wird.

«Der Beruf ist sehr vielseitig. Wir machen Restaurierungsarbeiten, sind aber auch für die Konservierung von Gebäuden zuständig.» Auch das Herstellen von den Werkzeugen, die ein Steinmetz verwendet, gehört zum Beruf. Die meisten Steinmetzbetriebe haben eine eigene Schmiede. So auch die Firma Carlo Bernasconi. Jeden Frühling schmiedet Egli dort Meissel und Handeisen.

«Berner Sandstein ist schwierig zu bearbeiten, da er sehr weich ist.»?Michael Egli

«Ein Steinmetz braucht aber viel Geduld», sagt er. Es sei auch schon vorgekommen, dass er zwei Wochen an einem Stück Stein gemeisselt habe. Durch­haltevermögen zeigte er auch im September an den Euroskills in Budapest. Als Vorbereitung auf den Wettkampf trainierte er ein Jahr lang. Seine Geduld hat sich am Ende ausgezahlt: Michael Egli holte die Goldmedaille. «Der Sieg kam überraschend. Umso grösser war dann meine Freude und die Erleichterung», erinnert sich Egli. Er erhielt eine Vielzahl von Reaktionen: «Viele gratulierten mir zum Sieg und luden mich zum Apéro ein.»

Engagement für Jugendliche

Auf die Frage, was sein Beruf so faszinierend mache, antwortet Michael Egli mit leuchtenden Augen: «Die Häuser, an denen ich arbeite, erzählen eine Geschichte. In jedem Objekt steckt die Arbeit meines Vorgängers», sagt er. Jedoch ist ihm auch bewusst, dass sein Handwerk gefährdet ist. «Es stimmt, dass der Beruf in Europa langsam ausstirbt» sagt der 25-Jährige. Die Branche hat Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Auch er kam nur über einen Umweg zu seinem Beruf. Egli fing die Lehre als Gärtner an und brach sie nach einem Jahr ab. «Nur dank der Hilfe von vielen Seiten habe ich es geschafft, mich aufzuraffen und einen Beruf zu erlernen», erinnert er sich.

«Solange die Berner Altstadt existiert, gibt es auch noch Steinmetze.»Michael Egli

Deswegen liegt ihm die Integration von jungen Menschen in die Berufswelt am Herzen. Egli engagiert sich für jugend­liche Asylsuchende. «Es ist paradox, dass Tausende Lehrstellen unbesetzt sind und gleichzeitig so viele Asylsuchende nicht wissen, wo sie in unserer Gesellschaft stehen und wie sie sich unabhängig machen können», sagt er.

Sichere Zukunft

Und wie sieht er die Zukunft seines Berufs? «Solange die Berner Altstadt existiert, gibt es auch noch Steinmetze.» Denn sein Beruf sei noch echtes Handwerk. «Jedes Werkstück, das wir herstellen, ist ein Unikat.» Zurzeit besucht Michael Egli eine Weiterbildung zum Handwerker in der Denkmalpflege. Ein Steinmetz hat nie ausgelernt.

Berner Zeitung

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