Die Migros in der Zwickmühle

Köniz

Das juristische Hickhack lässt die Migros ihre Ausbaupläne für den Bläuacker in Köniz überdenken. Der Trend spreche ohnehin nicht nur für die Einkaufszentren.

Im Fokus: Wie geht die Migros mit dem juristischen Streit auf dem Bläuacker um?

Im Fokus: Wie geht die Migros mit dem juristischen Streit auf dem Bläuacker um?

(Bild: Walter Pfäffli)

Stephan Künzi

Bis der öde Kiesplatz neben der Migros Bläuacker überbaut ist, wird wohl noch viel Zeit verstreichen. Das ist spätestens seit Mitte März klar, als sich sogar das Verwaltungsgericht mit dem Projekt im Zentrum von Köniz befassen musste. In Gang gesetzt hatte das Verfahren das Architekturbüro Reust AG, das im benachbarten Scherzhaus das Café Scherz betreibt.

Es fürchtet, dass die beiden geplanten Neubauten mit Läden, Bank, Restaurant und Wohnungen zu viele Autos anziehen – und konnte mit seinen Argumenten einen vorläufigen Sieg erringen: Das Gericht wies das Dossier zur Neubeurteilung an die kantonale Baudirektion zurück. Die Zahlen zum heutigen Verkehr beruhten nur auf groben Schätzungen und seien nicht von vornherein schlüssig.

Diese neuerliche Verzögerung muss die Behörden, Investoren und Planer insofern schmerzen, als sie noch im Herbst 2016 von einem baldigen Baubeginn ausgingen. Köniz entschied damals an der Urne, für das Projekt ein Baurecht zu gewähren, und Gemeinderat Urs Wilk (FDP) hielt dabei voller Zuversicht fest: Nach dem Ja werde es auf dem Areal, das grösstenteils der Gemeinde gehört, schon im Frühling 2017 losgehen.

Wilk gab auch preis, wer die Gewerbeflächen im hinteren, mit dem heutigen Einkaufszentrum direkt verbundenen Neubauten nutzen wird: Die Migros werde hier gleich selber geschäften, stellte er in Aussicht.

Debatte um Gastrofläche

Das juristische Hickhack hat also auch für den Grossverteiler Folgen, und Sprecherin Andrea Bauer bestätigt: Man habe mit den neuen Flächen tatsächlich «bereits 2018 oder 2019» gerechnet. Zugleich relativiert sie aber, dass wegen all der Unklarheiten sehr vieles wieder offen sei. Deshalb will sie sich auch nicht mehr konkret dazu äussern, in welcher Art die Migros im Neubau präsent sein wird. Und ob sie dies überhaupt noch zu tun gedenkt.

Sie bestätigt nicht einmal, was das Verwaltungsgericht schreibt. Über mehrere Seiten machen sich die Richter nämlich Gedanken darüber, inwieweit Gastro­flächen Verkehr anziehen und damit auf ihre Umweltverträglichkeit zu überprüfen sind. Weil die Migros, wie sie schreiben, im Neubau ja ihr heutiges Restaurant erweitern wolle – das stimme so nicht, hält Bauer dem entgegen. Wenn schon, verlege man das bestehende Lokal als Ganzes und mache so im heutigen Gebäude Platz frei.

Nicht etwa zugunsten des Mi­gros-Markts, der schon heute sehr weitläufig ist. Bauer betont, dass dieser in seinen Dimensionen belassen werden soll. Dank der Züglete wäre es vielmehr möglich, die eigentlich zu knappen Lagerflächen zu erweitern, sagt sie. Und ja, vielleicht käme das Einkaufszentrum dann auch insgesamt etwas grosszügiger daher. Die Kunden wüssten es sicher zu schätzen.

Kritik am Neuhausplatz

Bauer sagt es nicht von ungefähr. Seit der Eröffnung im Frühling 2004 gilt die Migros Bläuacker als Erfolgsgeschichte. So meldeten die Verantwortlichen schon nach dem ersten Jahr, dass der Umsatz im Migros-Markt um 15 Prozent und im Restaurant gar um 35 Prozent über den Erwartungen liege. Die Folge waren lange Schlangen an den Kassen, auch an gewöhnlichen Wochentagen war Anstehen angesagt.

Der Andrang hält unvermindert an, «die Nachfrage ist erfreulicherweise sehr gross», formuliert es die Sprecherin. Dass dem so ist, hat sich der Grossverteiler nicht zuletzt selber zuzuschreiben. Auf die Eröffnung im Bläuacker hin schloss er nicht nur die alte Filiale in Köniz, sondern auch die kleine Migros am etwas weiter entfernten Neuhausplatz – zum Leidwesen der dortigen Ladeninhaber.

Immer wieder klagten sie mit harschen Worten darüber, dass die Leute mit dem Fehlen des Lebensmittelladens nicht mehr automatisch ins Quartier kämen. Ihre Existenz stehe auf dem Spiel.

Heute würde die Migros dem Neuhausplatz wohl nicht mehr den Rücken kehren. Sprecherin Bauer sagt es zwar nicht direkt, sie hält aber immerhin fest: «Wir prüfen laufend verschiedene weitere Kleinflächen in Köniz – auch als Entlastung für den Bläuacker.»

Die Zeiten hätten halt geändert, schiebt sie zur Erklärung nach. Heute sei nicht mehr nur das grosse Zentrum mit der riesigen Auswahl gefragt, sondern genauso auch der überblickbare Laden im Quartier. Mit den kleinen Voi-Läden nehme die Migros diesen Trend auf.

Berner Zeitung

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