Der Staatsanwalt hat Beweise, der Verteidiger Zweifel

Worb

Der Staatsanwalt fordert für den angeklagten Autofahrer im Prozess um den tödlichen Unfall eines 10-jährigen Jungen in Worb 46 Monate Gefängnis. Es gebe sechs klare Beweise für seine Schuld. Die Verteidigung verlangt einen Freispruch.

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Johannes Reichen

Am 2.November 2011 um 18.53 Uhr schickte ein Mann seiner Freundin eine Kurzmitteilung. Er schrieb ihr, dass sein Fahrzeug beschädigt worden sei. Ein Ast sei aufs Auto gefallen. Keine 60 Minuten zuvor war in Worb ein 10-jähriger Junge bei einem Fussgängerstreifen tödlich verunfallt. Er war von einem Auto angefahren und durch die Luft geschleudert worden.

Diese SMS ist für Staatsanwalt Cesar Lopez nicht nur der letzte Hinweis darauf, dass der Absender auch der Unfallverursacher sein muss. Sie ist für ihn auch Beleg dafür, dass er den Unfall in Worb mitbekommen haben muss. Es gebe nicht den geringsten Zweifel. «Er hat nicht nur den Aufprall realisiert, er hat auch die Beschädigung am Auto gesehen.»

Betrunken am Steuer

Doch der 73-jährige Angeklagte sieht sich als unschuldig. Dass er an jenem Abend betrunken am Steuer sass und durch Worb fuhr, das bestreitet er aber nicht. Jetzt muss er sich wegen fahrlässiger Tötung vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland verantworten. Zudem soll er zahlreiche weitere Delikte begangen haben, die meisten stehen im Zusammenhang mit dem Unfall. Heute fällt das Urteil.

Lopez fordert eine Freiheitsstrafe von 46 Monaten. Für das objektive Tatverschulden kommt Lopez auf 30 Monate. Je 8 Monate solle das Gericht wegen der Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz und wegen des subjektiven Verschulden des Angeklagten verhängen.

Sechs eindeutige Beweise

Aus Sicht des Staatsanwalts gibt es sechs Beweise. Die ersten beiden sieht er in den Erkenntnissen der rechtsmedizinischen sowie der kriminaltechnischen Untersuchung. Zwei Experten kamen unabhängig voneinander zum Schluss, dass das Auto des Angeschuldigten in den Unfall verwickelt gewesen sein muss.

Drei Autofahrer als Zeugen

Die Beweise drei bis fünf sieht der Staatsanwalt in drei Zeugenaussagen. Zuerst fuhr eine Autofahrerin zwischen Gümligen und Worb hinter einem silberfarbenen Auto her, das immer wieder mal abrupt bremste und wieder losfuhr. Zweimal sei er fast mit einem Velofahrer zusammengestossen, einmal mit einem entgegenkommenden Auto. Sie konnte zwar nicht die genaue Autonummer nennen, aber einzelne Zahlen daraus, die auf den silberfarbenen Mitsubishi des Angeklagten zutreffen.

Ein zweiter Zeuge beobachtete aus etwa 50 Metern den Unfall. Er sah, wie ein Fahrer beim Fussgängerstreifen sein silberfarbenes Auto plötzlich nach rechts zog. Dann sah er etwas durch die Luft fliegen – wohl das Trottinett. Der dritte Zeuge fuhr kurz darauf von Enggistein nach Worb. Kurz nach der Unfallzeit kreuzte er ein auffälliges Fahrzeug. Ihm fiel ein beschädigter Scheinwerfer auf.

Der letzte Beweis: das widersprüchliche Aussageverhalten samt Lügen. «Zur Tatzeit will er in Burgdorf gewesen sein – das ist reine Erfindung», so Lopez.

Zweifel an Gutachten

Verteidiger Peter Saluz verlangt einen Freispruch. Schuldig sei er einzig wegen Fahrens im angetrunkenen Zustand, Nichtbeherrschen des Fahrzeugs und weil er einmal ein Rotlicht überfuhr. Eine Geldstrafe von 75 Tagessätzen sei angemessen.

Zum Zeitpunkt des Unfalls hatte der Angeklagte 1,79 Promille Alkohol im Blut, das wurde später errechnet. «Darum muss er es auf seine Kappe nehmen, dass er als Unfallverursacher angeklagt sei», sagte Saluz. Mehr nicht. Die Ergebnisse der Gutachten zog der Anwalt in Zweifel. Sie deuteten lediglich darauf hin, dass sein Mandant das Unfallauto gefahren haben könnte. Auch der zeitliche Ablauf könne nicht stimmen.

Berner Zeitung

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