Der Tell lebt wieder

Ostermundigen

Stefanie Affolter hat aus dem brachliegenden Restaurant Tell das beliebte Kultur-Bistro gemacht. Sie pflegt einen unkonventionellen Stil – als Person wie auch als Gastgeberin.

Gastgeberin Stefanie Affolter inmitten von Mobiliar aus der Brockenstube.

Gastgeberin Stefanie Affolter inmitten von Mobiliar aus der Brockenstube.

(Bild: Manuel Zingg)

Markus Zahno

Zwei gleiche Schuhe? Zieht Stefanie Affolter selten an. Meistens trägt sie links und rechts zwar das gleiche Modell, aber in unterschiedlicher Farbe – heute zum Beispiel einen hellblauen Schuh am linken Fuss und einen dunkelblauen am rechten. Mag sein, dass das nicht alle cool finden. Aber ihr gefällts. «Ich bin, wie ich bin», sagt sie. «Und so können auch die Leute zu mir kommen: so, wie sie sind.»

Vor fünf Jahren hat Stefanie Affolter in Ostermundigen das brachliegende Restaurant Tell übernommen und darin «Stef’s Kultur-Bistro» eingerichtet. Ein mutiger Schritt, waren im Tell zuvor doch mehrere Pächter gescheitert. Aber das Kultur-Bistro hat überlebt. Hier sitzt man auf alten Sofas mit Blumenmustern und in tiefen Sesseln, aus denen man fast nicht mehr aufstehen kann. Daneben stehen hölzerne Salontischchen und eine Ständerlampe aus Grossmutters Zeit. Das meiste aus der Brockenstube. «Und dieses Teil hier», Affolter zeigt auf den Sessel, auf dem sie sitzt, «hat ein Gast im Abfall entdeckt und mir geschenkt.»

Ausgebucht

Stefanie Affolter ist 54-jährig, hat zwei erwachsene Söhne und einen Hund. Und sie liebt Kultur. In ihrem Bistro finden jede Woche zwei Anlässe statt, manchmal sogar drei. Musik von Klassik bis Blues, Kleintheater, Lesungen, Clownerie – alles hat Platz. Der Eintritt ist frei, am Schluss geht Affolter mit dem Hut herum und sammelt die Kollekte ein. Reich werden mit den Anlässen weder die Künstler noch die Gastronomin. «Es gibt Besucher, die während des ganzen Abends einen Zweier Eistee trinken», sagt Affolter. Das sei absolut okay. «Auch Leute, die nicht viel Geld besitzen, sollen Kultur erleben können.»

Die Künstler, die im Kultur-Bistro auftreten, erhalten Essen und Trinken, aber keine Gage. Trotzdem möchten viele die Auftrittsplattform nutzen. «Warten Sie», sagt Stefanie Affolter und holt den Jahreskalender, auf dem sie alle Anlässe einträgt. Stolz geht sie Woche für Woche durch. Fazit: Bis Mitte 2019 sind praktisch alle Daten ausgebucht. Ebenso voll ist der andere Jahreskalender, jener für die Ausstellungen. Die Wände im Bistro stehen jeden Monat einer neuen Künstlerin oder einem neuen Künstler zur Verfügung. Am Mittwoch ist Vernissage der Fotoausstellung «Farben der Intimität» von Adriana Machado.

«Aus dem Tell ist wieder ein Begegnungsort geworden. Das schätzen wir sehr», sagt der Ostermundiger Gemeindepräsident Thomas Iten (parteilos). Für ihr Engagement hat Stefanie Affolter von der Gemeinde den Kulturpreis 2016 erhalten.

Mietvertrag verlängert

Die Gemeinde ist aber auch Vermieterin des Tells und verlangt pro Jahr rund 10000 Franken Mietzins. Das ist weniger, als Affolter andernorts zahlen würde. Dafür weiss sie nicht genau, wie lange sie noch im Tell bleiben kann. Seit Jahrzehnten trägtsich die Gemeinde mit dem Gedanken, das Areal neu zu überbauen. Ideen gibt es viele, spruchreife Pläne noch keine. Deshalb hat die Gemeinde den Mietvertrag für «Stef’s Kultur-Bistro» unlängst bis Herbst 2022 verlängert.

Finanziell komme sie gerade so über die Runden, erzählt die Frau mit dem knallroten Lippenstift und der jugendlichen Undercut-Frisur. Sie beschäftigt im Kultur-Bistro fünf Leute, unter anderem ihren 26-jährigen Sohn Miro, der die Küche führt. Die Kücheneinrichtung hat die Wirtin auf eigene Rechnung eingebaut, mit Geld aus ihrer Pensionskasse. Auch das würde nicht jeder wagen. «Schon möglich», sagt sie. «Aber hey, ich lebe im Jetzt, nicht in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit.»

Von der Aushilfe zur Chefin

Aufgewachsen ist Stefanie Affolter im St. Galler Rheintal, mit 14 kam sie nach Bern. Hier hat sie die Lehre zur Optikerin absolviert, danach an verschiedenen Orten in der Schweiz und in Deutschland gearbeitet. Später zog sie mit den Söhnen nach Ostermundigen. Vor neun Jahren stieg sie in die Gastronomie ein: Im Kurven-Kafi des Motorrad-geschäfts Hess begann sie als Aushilfe und stieg nach kurzer Zeit zur Geschäftsführerin auf. Dort entdeckte sich auch ihre Leidenschaft für Töffs. «Heute fahre ich eine 1100er-Ducati.» Sie lässt den Satz einen Moment lang wirken und fügt dann an: «Ein Monster.»

«Ich bin, wie ich bin. Und so können auch die Leute zu mir ins Kultur-Bistro in Ostermundigen kommen: so, wie sie sind.»Stefanie AffolterWirtin Stef’s Kultur-Bistro

Irgendwann setzte sich Stefanie Affolter in den Kopf, sich noch vor ihrem 50. Geburtstag selbstständig zu machen. So übernahm sie mit 49 Jahren das Bistro im Tell. Sie sei halt «ein typischer Steinbock», sagt sie. «Immer mit dem Gring durch die Wand.»

Berner Zeitung

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