Der Traum von entschleunigten Festtagen

Manche Menschen geniessen die Adventszeit, manche finden sie stressig. In den nächsten Wochen erzählen vier Menschen, wie sie den Dezember erleben. Bernmobil-Chauffeur Dieter Fuchs lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Die erste Kerze unseres Adventskranzes zündet Chauffeur Dieter Fuchs an.

Die erste Kerze unseres Adventskranzes zündet Chauffeur Dieter Fuchs an.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Annic Berset

Seinen wachsamen Augen scheint nichts zu entgehen. Und das ist auch gut so. Denn in seinem Job muss Dieter «Didi» Fuchs aufmerksam sein, alles erfassen, was links und rechts von ihm geschieht und dabei die Augen stets auf die Strasse gerichtet haben. Der 50-Jährige ist schon sein halbes Leben lang Bus- und Tramchauffeur für Bernmobil. Wegen einer Mehlallergie, die beim gelernten Bäcker nach der Lehre auftrat, wechselte er zum Berner Verkehrsunternehmen.

«Ich versuche immer so Bus zu fahren, wie ich es damals an der Carprüfung machen musste», erzählt Fuchs. Der Fahrlehrer habe vor der Prüfungsfahrt ein Getränk aus dem Automaten geholt, fast bis zum Rand sei es gefüllt gewesen. «Dann hat er mir mit dem randvollen Kaffeebecher in der Hand gesagt, ich könne jetzt losfahren – natürlich, ohne dass etwas verschüttet wird.»

Genauso ruhig will Dieter Fuchs auch seine Fahrgäste von A nach B bringen. Das war aber nicht immer sein Fahrstil. «Früher standen wir noch viel mehr unter Stress. Beim Loeb-Egge kontrollierten sie mit der Uhr in der Hand, wie viel Verspätung wir hatten.» Mit strenger Miene seien die Kontrolleure ans Fahrerfenster getreten. «Didi, drei Minuten zu spät!» Da habe er manchmal schon richtig Gas geben müssen, um rechtzeitig am Ziel anzukommen.

Der Gelassene

Heute lässt sich Dieter Fuchs nicht mehr aus der Ruhe bringen. Weder vom einzuhaltenden Fahrplan noch vom zunehmenden Verkehr. «Der etwas rasantere Fahrstil ist Vergangenheit.» Auch jetzt, während der hektischen Adventszeit, bleibt er gelassen. «Wenn massiv mehr Leute in der Stadt unterwegs sind als im Sommer, muss ich in meinem Fahrzeug ruhig bleiben.»

Apropos Fahrzeug: Am liebsten sitzt Fuchs im Führerhaus des Trams. «Das ist ein bisschen relaxter, weil ich schienengebunden bin.» Und ausserdem hätten die Leute mehr Respekt vor den Trams als vor den Bussen. «Es laufen weniger vor dir über die Strasse, wenn du mit einem solch grossen Fahrzeug angefahren kommst», erzählt Fuchs.

Die Strategie in der Hektik

Die ganze Hektik, die vor allem in der Innenstadt wächst, wenn Weihnachten vor der Tür steht, will Fuchs nicht an sich herankommen lassen. Es gab aber eine Zeit, da gelang ihm das nicht gut. «Ich konnte mich gar nicht mehr richtig auf Weihnachten freuen, weil ich die gestresste Menschenmenge quasi mit nach Hause genommen habe.»

«Ich konnte mich nicht mehr richtig auf ­Weihnachten freuen, weil ich die gestresste  Menschenmenge quasi mit nach Hause genommen habe.»Dieter Fuchs

Je mehr heute während seiner Fahrten auf ihn einprasselt, desto mehr fährt Dieter Fuchs heute einen Gang runter. Sogar wenn ein Fahrgast das Gefühl hat, seinen defekten Roller im Tram unterbringen zu können, löst Fuchs diese Situation mit einem Spruch, statt sich aufzuregen. «Ich bin ja selber für mein Glück verantwortlich», sagt er, und dieser Satz klingt bei ihm einfach umsetzbar.

Das schönste Weihnachtsfest

Ein «entschleunigtes Weihnachtsfest» ist denn auch die Idealvorstellung von Fuchs. «Mein Traum wäre es, Weihnachten mit vielen Menschen in einem grossen Zelt zu verbringen.» Dabei sollten das gemeinsame Essen und die Stunden zusammen im Vordergrund stehen. «Der ganze Kommerz und all die Geschenke machen mir Mühe.» Zu Hause mit seiner Frau und den beiden Söhnen habe man das abgeschafft. «Wir wichteln und legen dabei einen Betrag fest.»

An ein bestimmtes Weihnachtsfest erinnert sich Dieter Fuchs besonders gerne. Dieses hat er mit der ganzen Familie im Wald verbracht. «Wir haben uns einen Baum ausgesucht, Kerzen mitgenommen, angezündet und die Weihnachtsgeschichte erzählt.» Am Abend habe er über dem Feuer in einem Kessel Risotto und Würstchen gekocht. «Meine Söhne sprechen noch heute von diesem speziellen Fest.»

Der Gerechtigkeitssinn

Dieter Fuchs transportiert nicht nur alle Fahrgäste und ihre Geschenke für andere. Es ist auch schon vorgekommen, dass er selber ein Geschenk erhalten hat. «Das letzte Mal ist aber bestimmt schon fast 10 Jahre her.» Vor allem von älteren Leuten habe er schon eine Flasche Wein oder ein Zehnernötli zusammen mit einem «Merci» erhalten.

Fuchs stellt aber auch fest, dass sich die Gesellschaft in den 25 Jahren, die er auf Berns Strassen unterwegs ist, verändert. «Es gibt wirklich viele gute Menschen», sagt er. Die, die es aber nicht seien, würden immer egoistischer. «Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn ich einen Fahrgast auffordern muss, für eine blinde Person Platz zu machen, macht mich das hässig.»

Glücklicherweise erlebt Dieter Fuchs solche Szenen aber nicht allzu oft. Viel häufiger freut er sich, wenn er mit «seinem» Fahrzeug unterwegs ist – über die Kornhausbrücke zum Beispiel. «Da fahre ich auch schon mal weniger schnell als vorgegeben, um einen Blick auf das Bergpanorama zu erhaschen.»

Adventsserie: Zu jedem Adventssonntag spricht diese Zeitung mit einer Person über ihr Leben und die Weihnachtszeit.

Berner Zeitung

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