«Detailhandel ist Kannibalismus»

Bern

Nach 118 Jahren gibt die Ernst Dick AG ihr Geschäft für Herrenmode am Waisenhausplatz in Bern auf. Es ist das Ende einer Institution – und Folge des schwierigen Umfelds für Fachhändler.

Posieren für ein letztes Foto im Traditionsgeschäft Dick: Mitinhaber Marc Straub (links) und der stellvertretende Geschäftsleiter Edmond Berisha. Foto: Raphael Moser

Posieren für ein letztes Foto im Traditionsgeschäft Dick: Mitinhaber Marc Straub (links) und der stellvertretende Geschäftsleiter Edmond Berisha. Foto: Raphael Moser

Christoph Hämmann

Zu ihren besten Zeiten belegte die Berner Ernst Dick AG im Eckhaus Waisenhausplatz/Aarber­gergasse alle sechs Stockwerke. Im Geschäft liessen sich Bundesräte einkleiden, Geschäftsherren, Beamte aller Stufen ebenso wie Messieurs aus der Romandie, die für ihren Kleiderkauf zu Dick fuhren – als prominentester ­General Henri Guisan.

Es gab Samstage, da ging Herrenkonfektion für 10'000 Franken über die Ladentheke. «Dick macht schlank» lautete ein Werbe­slogan, den jedes Kind in der Stadt kannte. Die Ernst Dick AG, 1900 als Uniformfabrik an der Effingerstrasse gegründet und seit 1950 am Waisenhausplatz: eine Institution.

In den letzten Jahren gingen die Umsätze stetig zurück, das Büro befindet sich in einer ehemaligen Umkleidekabine, in den obersten drei Stockwerken sind Arztpraxen. Für Dicks reduziertes Sortiment reichen inzwischen drei Stockwerke – und bald braucht es auch diese nicht mehr. Am Donnerstag startete das Geschäft mit einem Liquidationsverkauf ins neue Jahr, Ende Mai schliesst das Geschäft für immer. «Wenn die Leute unser Angebot nicht mehr wollen, dann braucht es auch den Laden nicht mehr», sagt Christiane Straub.

Kosten reduziertbis zur Schmerzgrenze

Mit ihrem ein Jahr älteren Bruder Marc gehört die 56-Jährige zur Inhabergeneration, die der 118-jährigen Geschichte der Ernst Dick AG ein Ende setzt. Sie Keramikerin und Gestalterin, er Sozialpädagoge und Kaufmann, wuchsen sie immer stärker in das Geschäft hinein, das ihr Vater Anfang der 1960er-Jahre zusammen mit dessen Vater übernommen hatte.

Seit Jahren zeichnet sie für das Marketing verantwortlich, er für Administration und Personal; beide bewahrten sie die familiäre Atmosphäre im Betrieb. Dritte Teilhaberin ist die jüngere Schwester Tina, die im Ausland lebt.

Im Laden gaben die langjährige Geschäftsführerin Margrit Naef und ihr Team der Ernst Dick AG ihre Gesichter. «Wir haben die Kosten reduziert bis zur Schmerzgrenze, überall gespart, wo es möglich war – ausser bei den Löhnen.»

Schwingerkönig Hunspergerals Model für Massanzüge

Und jetzt also die Geschäfts­aufgabe. Die Geschwister Straub ­sehen viele Gründe dafür, dass sich ihr Geschäft einfach nicht mehr rechnet. «Im Detailhandel herrscht Kannibalismus», sagt Marc Straub. Von Jahr zu Jahr sei der Sonderverkauf früher los­gegangen, bis er sich schliesslich dauerhaft etabliert habe. So hatte es kaum einen Effekt, als Dick im letzten Frühling aus Freude über YBs ersten Meistertitel nach 32 Jahren 32 Prozent Rabatt gewährte. Kein Wunder, musste Marc Straub nach einem Spaziergang durch die Stadt konstatieren: «Überall gibts 30 Prozent, das ist inzwischen normal!»

Bis zuletzt hätten sie versucht, erzählen Marc und Christiane Straub, sich selber und der Marke Dick treu zu bleiben – und gleichzeitig das Angebot dem ­geänderten Kaufverhalten der Kundschaft anzupassen. Das hiess beispielsweise: Weniger Anzüge, mehr Freizeitkleidung, mehr Mode für Herren unter 40 – was leider kaum wahrgenommen worden sei.

Das hiess auch, dass die hauseigene Änderungsschneiderei bereits vor 5 Jahren aufgegeben wurde. Tatsächlich klingt es wie aus einer lange vergangenen Zeit, wenn Straubs erzählen, dass man sich früher wegen einiger Kilos mehr oder weniger den Anzug anpassen liess. Oder dass sich auch «einfache» Leute einen Massanzug schneidern liessen, insbesondere dann, wenn sie über «schwierige» Körpermasse verfügten – beispielsweise wie der hünenhafte Ex-Schwingerkönig Ruedi Hunsperger, der bei Vater Straub gleich noch als Model posierte.

Die hauseigene Schneiderei schloss vor fünf Jahren. Früher liess man sich dort den Anzug anpassen, wenn man zu- oder ab­genommen hatte. 

Marken aufgebaut, dieim Warenhaus landeten

Heute gibts im Internet fast alle Marken in fast allen Grössen und Farben. «Und Lieferanten begannen Warenhäuser mit Marken zu beliefern, die wir Fachhändler aufgebaut hatten», sagt Marc Straub. Während Dick früher bei vielen Marken habe aushandeln können, diese in der Region exklusiv anzubieten, verkaufe heute sogar die Migros Levi’s-Jeans – und Warenhäuser böten in einer Ecke Marken an, die bei Dick ein halbes Stockwerk belegten.

Kurz: «Der Markt ist übersättigt. Und das Bewusstsein für hochwertige Ware und fachmännische Beratung oder gar für Kleider mit lebenslanger Garantie gibt es kaum mehr.» 

Dann waren esnur noch zwei

Edmond Berisha, Stellvertreter der Geschäftsleiterin, werde auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein, sagt Marc Straub. Eine Verkäuferin werde frühpensioniert, von den anderen seien die meisten bereits im Pensionsalter. Der letzte Lehrabgänger in der ­Geschichte der Ernst Dick AG werde sich in einer anderen Branche weiterbilden. 

Nach manchem 10-Jahres-Vertrag für die Liegenschaft in der Berner Innenstadt unterzeichneten Christiane und Marc Straub vor 5 Jahren nur noch für die halbe Laufzeit. Heute fragen sie sich, wie es dem Berner Detailhandel in 5 Jahren gehen wird, und sind froh, nicht mehr selber kämpfen zu müssen.

Die übrigen Geschäfte in der Art von Dick haben schon früher geschlossen, sagt Marc Straub, übrig geblieben seien Zwald an der Neuengasse und der etwas teurere Fueter am Theaterplatz. An diese dachten Straubs, als sie in den letzten Wochen ihre 4500 Kunden «mit grossem Bedauern» darüber informierten, dass das Geschäft «aus wirtschaft­lichen Gründen» geschlossen werde – und als sie in ihrem ­Abschiedsbrief schrieben: «Wir hoffen, dass Sie auch in Zukunft in Fachgeschäften in der Stadt Bern einkaufen werden – und dadurch deren weiteres Bestehen sichern.»

Berner Zeitung

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