Die Flucht von Andrii ist kein Einzelfall

Aegerten

Fluchten wie die des 13-jährigen Andrii aus Aegerten kommen laut dem Psychologen Allan Guggenbühl immer öfter vor.

«Es ist wichtig, dem Kind ­mitzuteilen, dass es nicht geht, einfach zu ­verschwinden.» Allan Guggenbühl, Psychologe und Psychiater

«Es ist wichtig, dem Kind ­mitzuteilen, dass es nicht geht, einfach zu ­verschwinden.» Allan Guggenbühl, Psychologe und Psychiater

Wenn ein Kind zweimal abhaut, muss dies nicht zwingend auf Missstände in der Familie hindeuten. Dieser Meinung ist der Psychologe und Psychotherapeut Allan Guggenbühl. «Natürlich gibt es das. Aber jemand, der ausbricht, kann unter Umständen auch einfach verwöhnt sein», hält er fest.

Guggenbühl hat die Geschichte von Andrii verfolgt. Der 13-Jährige ist kurz vor Weihnachten aus Aegerten bei Biel verschwunden. Kurz vor dem Jahresende tauchte er im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz auf– um nur Stunden später von neuem abzutauchen.

Solche Fluchten seien nichts Neues und kämen nach dem 13. Altersjahr immer öfter vor, fährt Guggenbühl fort. Konkret zum Fall äussern will er sich nicht, er sagt nur allgemein: «In der Jugendphase gibt es Differenzen zwischen Eltern und heranwachsenden Kindern, das macht Mühe.» Er glaubt aber nicht, dass das Zusammenleben der Generationen schwieriger sei als früher. Denn: «Unruhiges Verhalten gehört zur Jugend.»

Fehlt der Vater?

Welchen Rat erteilt Guggenbühl Eltern, deren Kind geflüchtet ist? «Dass sie es auf jeden Fall suchen sollen», antwortet er. Ein schwieriger Moment sei allerdings die Rückkehr. Da sollten Eltern nicht zu Strafmassnahmen greifen. «Sie sollen zwar sagen, dass es nicht geht, einfach zu verschwinden. Aber wichtig ist es, dem Kind mitzuteilen, dass man froh über seine Rückkehr ist.»

Bekannte von Andriis Familie sagten gegenüber der Zeitung «20 Minuten», dass der Junge seinen leiblichen Vater vermisse. Dieser soll im Ausland leben, während die Mutter mit einem neuen Partner zusammenwohnt. Das kann, muss aber kein Problem für den Jugendlichen sein. Guggenbühl warnt, Schwierigkeiten in der Kindheit voreilig als krankhaft abzustempeln. 

Polizei schweigt

Die Polizei in Rheinland-Pfalz hat Andrii noch immer zur Suche ausgeschrieben. Er ist 165 Zentimeter gross, hat braune, mittellange Haare und eine schlanke Statur. Zuletzt sei er am 28. Dezember in Bobenheim-Roxheim nördlich von Mannheim gesehen worden. Dies, nachdem ihn Polizisten in der Wohnung eines 21-Jährigen aufgegriffen und in ein Kinderheim gebracht hatten. Von dort ist er noch am selben Tag wieder geflüchtet. 

Zugeknöpft gibt sich die Kantonspolizei Bern. Sprecherin Jolanda Egger sagt, dass zum Fall Andrii derzeit keinerlei Auskünfte erteilt würden, auch nicht solche allgemeiner Art. Die Frage, ob in der Polizeistatistik eine Zunahme von Vermisstmeldungen ausgebüxter Jugendlicher zu verzeichnen ist, bleibt somit unbeantwortet. 

Berner Zeitung

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