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Die Hebamme für Härtefälle

Nicht alle Kinder werden in ein stabiles Umfeld hineingeboren. Rita Müller aus Evilard betreut als Familienhebamme etwa minderjährige Mütter, Suchtkranke oder Migrantinnen.

Sibylle Hartmann
Rita Müller kümmert sich um Kinder, die in ein sozial belastetes Umfeld hinein­ge­boren werden.
Rita Müller kümmert sich um Kinder, die in ein sozial belastetes Umfeld hinein­ge­boren werden.
Christian Pfander

Friedlich schlummernd liegt Yuna* auf dem Sofa. Rita Müller übersieht das vier Wochen alte Baby im weissen Strampler auf der hellen Decke im ersten Moment glatt, als sie von Ramona* in deren Wohnzimmer empfangen wird. Die frischgebackene Mutter ist total erstaunt. Yuna habe seit dem letzten Besuch der Hebamme bestimmt ein halbes Kilo zugenommen.

Behutsam hebt sie ihre Tochter hoch, läuft schnurstracks ins Kinderzimmer zum Wickeltisch und zieht sie aus. Müller schnappt sich ein frisches Handtuch aus dem Regal und legt es auf die mitgebrachte Waage. Und diese gibt Ramona recht. «530 Gramm hat Yuna zugenommen. Sehr gut», lobt sie die junge Mutter.

Empfang mit der Schrotflinte

So weit, so normal der Alltag einer freischaffenden Hebamme auf Hausbesuch. Oft ist es aber auch anders. Während sich die meisten Gespräche mit frischgebackenen Müttern um die Gewichtskurve, den Stillrhythmus oder die Körperpflege des Babys drehen, musste Rita Müller in der Tat schon mal ein Baby unter einem Haufen schmutziger Wäsche suchen, weil die Mutter nicht mehr wusste, wo sie es hingelegt hatte. Und nicht jeder ­Besuch verläuft so friedlich wie der bei Ramona und ­Yuna. «Einmal wurde ich von einem Vater mit einer Schrotflinte empfangen.»

Rita Müller kommt dann zum Einsatz, wenn ein Kind in ein sozial belastetes Umfeld hineingeboren wird. Als sogenannte Familienhebamme kümmert sie sich um Minderjährige, Suchtkranke, geistig und körperlich Behinderte, Migrantinnen oder Mütter, die selbst misshandelt wurden oder vor­bestraft sind. Während sich die reguläre Wochenbettbetreuung über zwei Monate erstreckt und maximal 16 Besuche beinhaltet, steht Rita Müller Frauen aus Risikogruppen bis ein Jahr nach der Geburt einmal wöchentlich zur Seite. Diese Zeit sei extrem wichtig für die gesunde Entwicklung eines Kindes, erklärt Müller. Deshalb sei der Aufbau einer sicheren Bindung zentral.

Mutter mit Vergangenheit

«Yuna schläft manchmal schon im eigenen Zimmer», verkündet Ramona stolz, als die Hebamme nach den Nächten fragt. «Es ist wichtig, dass Yuna ganz viel Nähe bekommt», betont Müller und lobt die 28-Jährige dafür, dass sie ihre Tochter tagsüber oft im Tragetuch hat. «Sie macht das wirklich sehr gut, und man spürt, dass sie eine Verbindung zu ihrer Tochter hat», sagt Müller nach dem Besuch. Keine Selbstverständlichkeit. Denn Ramonas Leben verlief bis zu Yunas Geburt alles andere als einfach. Um sie zu schützen, wird an dieser Stelle nicht näher auf ihre Vergangenheit eingegangen.

Im Gespräch mit Ramona versichert sich Müller, dass sie sich mit Yunas Kinderarzt über die aktuelle Situation der Familie austauschen darf. «Bei der Zusammenarbeit mit den medizinischen Fachleuten und den Behörden ist mir das Thema Transparenz sehr wichtig», sagt Müller. Sie wird nicht wie im Normalfall von der Mutter selber kontaktiert, sondern entweder vom Sozialdienst oder von den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) mit ins Boot geholt.

Während gerade Letztere nach diversen Negativschlagzeilen bei vielen Eltern auf Abneigung stossen, fungiert Müller oftmals als Puffer. «Als Hebamme muss ich mir das Vertrauen nicht erst erarbeiten. Das ist durch den Beruf gegeben. So kann ich zwischen den Parteien vermitteln, ohne dass es zur Eskalation kommt.» Vom Vater mit der Schrotflinte wurde sie mit den Worten empfangen, dass er geschossen hätte, wenn sie von der Behörde gewesen wäre.

Weiterbildung in Deutschland

Nebst dem Vermitteln mit Behörden gehört es zu den Aufgaben einer Familienhebamme, die Eltern bei ihrer Rollenfindung und der Erziehung zu unterstützen, den Tagesablauf zu strukturieren und ein tragendes Netzwerk aufzubauen. «Auf diese Weise ist jemand da, der die Familie regelmässig sieht und genau hinschauen kann», sagt Müller. Sonst könne es passieren, dass ein Kind erst im kindergartenpflichtigen Alter wieder von offizieller Seite gesehen werde. «Dann ist es für vieles zu spät.»

Damit die Unterstützung von solchen Kindern zwischenzeitlich nicht abreisst, dafür setzt sich Rita Müller ein. Der Beruf der Familienhebamme ist in der Schweiz noch kaum etabliert. Eine spezifische Weiterbildung wie in Deutschland gibt es hierzulande nicht. In ihrer Hebammenpraxis in Herzogenbuchsee, die sie 1999 gründete, begann Müller 2009 mit der Betreuung von Schwangeren und Müttern in sozial schwierigen Situationen. Sie besuchte Weiterbildungen zum Thema Kinderschutz und machte einen Abschluss in systemisch-lösungsorientierter Kurzzeittherapie und Beratung.

Vieles selber beigebracht

Vieles musste Rita Müller sich selber beibringen, Arbeitsabläufe neu erfinden. Etwa die ganzen Wege der Abrechnung. So bezahlt die Krankenkasse regulär nur die 16 Besuche. Danach muss eine Behörde der Familienhebamme einen Auftrag erteilen. Da die Nachfrage deutlich gestiegen ist und viele Kolleginnen sich in solchen Fällen an sie wenden, ist sie im Kontakt mit dem Hebammenverband. Dabei ist es ihr Ziel, Lösungen zu suchen, um diese Abläufe besser zu koordinieren und Lücken im System zu schliessen.

Bevor Rita Müller Waage und Koffer wieder einpackt, zeigt sie Ramona noch, wie sie Yuna mit einem zusammengerollten Tuch gut lagern kann. «Guck mal, da hat sie total viele Haare verloren», fällt die junge Mutter der Hebamme ins Wort. Das urplötzliche Wechseln von Themen und das unkonzentrierte Zuhören ist Müller bereits bei den vorherigen Besuchen aufgefallen. «Aber ich habe das Gefühl, dass sie versteht, was ich ihr sage», sagt sie nach dem Besuch. Sollte das nicht mehr der Fall sein, hat Müller ein Netzwerk gespannt, das die Familie auffängt. Für die Zeit nach ihrer Betreuung wird sie Ramona mit der örtlichen Mütter- und ­Väterberatung vernetzen, damit sie weiterhin begleitet wird.

* Name der Redaktion bekannt.

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