«Die Patienten haben den Willen, ihren Platz in der Welt zu finden»

Die Neuropsychologin Barbara Kohler kennt die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit einer Hirnverletzung.

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Barbara Kohler ist Neuropsychologin am Inselspital Bern und kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die eine Erkrankung oder einen Unfall haben, welcher das Hirn betrifft. Das kann etwa ein Schlaganfall sein, ein angeborener Herzfehler oder auch eine Chemotherapie, die sich auf die Hirnfunktionen auswirken kann. Zum Teil begleitet sie ihre Patienten über Jahre hinweg auf ihrem Weg zurück in einen möglichst selbstständigen Alltag.

Was passiert, wenn ein Schlaganfall junge Menschen trifft?
Sprechen wir von Kindern und Jugendlichen, dann trifft der Hirnschlag auf ein sich noch entwickelndes Gehirn. Die Entwicklung kann sich dadurch verändern oder verlangsamen. Insbesondere in der Pubertät kann die Schere zwischen gesundem Kind und einem mit einer Hirnverletzung weit aufgehen. Schon bei jungen Erwachsenen ist das Hirn schon relativ weit ausgereift, aber noch immer sehr empfindlich. Vor allem die höheren Funktionsbereiche Emotionskontrolle oder Aufmerksamkeitssteuerung befinden sich noch in der Ausbildung. Ausserdem trifft ein Schlaganfall bei Jugendlichen im Vergleich zu Erwachsenen diese in der Phase der Ablösung. Für sie kann es besonders schwierig sein, danach wieder komplett von anderen Menschen abhängig zu sein. Eine Hirnverletzung im Kindesalter hat aber genau aufgrund des sich entwickelnden Gehirns auch Chancen auf bessere Erholung.

Wie sehen diese Chancen aus?
Je nach Alter können gewisse Funktionen von anderen Hirnteilen übernommen werden. Es gibt neue Forschungen, die zeigen, dass etwa die Sprachfunktionen komplett von der rechten Hirnseite übernommen werden können, wenn ein Schlaganfall die linke Seite betrifft. Je jünger ein Patient bei der Hirnverletzung ist, desto besser scheint er seine Sprache entwickeln zu können.

Barbara Kohler ist Neuropsychologin am Inselspital. Foto: Raphael Moser

Wie gross sind die Chancen auf eine Heilung?
Im Kindes- und Jugendalter sehen wir zum Glück bei sehr vielen Patienten, dass sie relativ selbstständig durch den Alltag gehen können, insofern man diesen auf ihre Bedürfnisse anpasst. Dafür ist es nötig, dass die Gesellschaft solche angepassten Rahmenbedingungen für sie schafft; in der Schule, der Freizeit und vor allem für berufliche Massnahmen und Ausbildungen.

Weshalb ist das so wichtig?
Viele junge Betroffene haben im Gegensatz zu Erwachsenen noch keinen Beruf, in den sie im besten Fall wieder zurückkehren können. Es geht also nicht um eine Umschulung oder eine Reintegration am alten Arbeitsplatz, sondern um das Herausfinden, wo die Begabungen und Interessen des Betroffenen liegen. Und dann muss man abwägen, was die Gesundheit überhaupt zulässt.

«Es geht nicht um eine Reintegration am alten Arbeitsplatz, sondern um das Herausfinden, wo die Begabungen des Betroffenen liegen.»Barbara Kohler

Mit welchen gesundheitlichen Folgen kämpfen hirnverletzte Patienten?
Das ist sehr individuell, es kommt darauf an, in welcher Region der Hirnschlag passiert. Fast alle Betroffenen leiden unter Aufmerksamkeitsschwierigkeiten und Einschränkungen in der Belastbarkeit. Auch die «Fatigue» – Erschöpfung, Müdigkeit – ist ein sehr grosses Thema. Ausserdem sind kognitive Funktionen, wie Dinge zu planen und diese flexibel zu ändern, oft eingeschränkt. Die Patienten müssen viel mehr Energie für dieselben alltäglichen Aufgaben aufwenden als gesunde Menschen.

Weshalb ist es so wichtig, dass diese jungen Patienten so viel Aufmerksamkeit und Unterstützung erhalten?
Meist haben diese Patienten den grossen kämpferischen Willen, wieder ganz zu genesen und ihren Platz in der Welt zu finden. Sie brauchen eine Gesellschaft, die das unterstützt, in der sie sich wertvoll fühlen, und sie brauchen Aufgaben, für die sie jeden Tag gerne aufstehen wollen.

Erstellt: 07.10.2019, 08:41 Uhr

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