Bern

Die Public Viewings rüsten auf

BernGrössere Bildschirme, bequemere Sitzplätze und neue Anbieter. Das Fussball-WM-Schauen als ­Gemeinschaftserlebnis hat den Zenit noch nicht ­erreicht. Am Donnerstag gehts los.

Bereit fürs Eröffnungsspiel: Beat Hofer in der Strandlandschaft auf der Grossen Schanze. Der 26 Quadratmeter grosse Bildschirm ist installiert.

Bereit fürs Eröffnungsspiel: Beat Hofer in der Strandlandschaft auf der Grossen Schanze. Der 26 Quadratmeter grosse Bildschirm ist installiert. Bild: Beat Mathys

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Es ist definitiv kein Strandwetter: Beim Besuch des Summer Beach auf der Grossen Schanze am Montagnachmittag regnet es ­ununterbrochen. Doch das tut der guten Stimmung von Beat Hofer keinen Abbruch: «Für das Public Viewing der Fussball-WM ist fast alles bereit», sagt der Unternehmer aus dem Berner Oberland.

Er ist der Initiant der temporären Strandlandschaft auf der Grossen Schanze. Und seit der Fussball-WM 2010 in Südafrika stellt er jeweils während der Grossanlässe einen Bildschirm auf. Und jedes Mal werden die Schirme grösser. Was mit Fernsehgeräten angefangen hatte, ist heute ein hochauflösender LED-Schirm, der eine Fläche von 26 Quadratmetern aufweist.

Vor zwei Jahren war der Bildschirm noch 20 Quadratmeter gross. Die Miete des Schirms lässt sich Hofer einen mittleren fünfstelligen Betrag kosten. «Zum Glück fanden wir im letzten Moment einen Partner, der uns bei der Finanzierung unterstützt», sagt er.

Das Logo des Telecomanbieters ist rund um den Bildschirm platziert. Hofer ist es gewohnt, mit so grossen Summen zu jonglieren. «Der Aufbau und der Betrieb des Summer Beach kostet jährlich einen fünfstelligen Betrag», betont er.

Eine Lounge für 100 Franken

Hofer glaubt, dass das Geschäft mit dem Public Viewing nur funktionieren kann, wenn man den Gästen auch einiges bietet. «Es reicht heute nicht mehr, auf einer Asphaltfläche einen Bildschirm aufzustellen», betont er.

Deshalb legt er Wert darauf, den Komfort der ­Besucher zu verbessern. Sie können zwischen Lounge-Sesseln, Barhockern sowie Hoch- oder Liegestühlen auswählen. Aber natürlich hat es auch viele Stehplätze.

Wie in früheren Jahren können die Gäste auf einer Reservationsplattform gegen eine Gebühr von 100 Franken eine Lounge reservieren, die zwischen sieben und zehn Sitzplätze bietet. Getränke sind da nicht inbegriffen.

Ein nicht ganz billiger Spass. Hofer hält entgegen: «Wir verlangen keinen Eintritt. Unsere ­Kosten müssen wir mit dem Getränkeverkauf, dem Sponsoring und den Reservationsgebühren einspielen.

Unsere ­Getränkepreise sind zudem ziemlich moderat.» Das Bier kostet zwischen sechs und acht Franken. Da der Brauereikonzern Carlsberg Sponsor des Summer Beach ist, stammen fast alle 21 verkauften ­Biersorten aus diesem Haus.

Die Kosten deckt der Summer Beach vor allem über die ver­kaufte Menge: Der 47-jährige Hofer erwartet, dass an einem schönen Abend mehrere Tausend ­Besucher das Public Viewing ­besuchen. Doch er muss in ­seiner Rechnung auch regnerische Tage einkalkulieren. Sonst geht sie nicht auf.

Neuer Anbieter im Zentrum

Und bei jedem Grossanlass treten neue Anbieter auf. So gibt es in diesem Jahr ein Public Viewing auf dem Waisenhausplatz. Die Aufbauarbeiten beginnen am Mittwoch. Es ist in Bern das einzige Public Viewing auf einem öffentlichen Platz, das nur während der WM-Spiele geöffnet ist.

Dies bestätigt Norbert Esseiva, Leiter der Orts- und Gewerbepolizei, auf Anfrage. Dort werden während der Fussball-WM alle Spiele live auf Grossleinwand und mehreren Fernsehern übertragen. 300 bis 500 Leute sollen dort Platz ­haben. Dahinter stecken die ­beiden Berner Teddy Wassmer und Piotr Tollik von der Holepole GmbH. Wassmer stammt aus Holland, Tollik aus Polen.

Für die Verpflegung wird ein Barbetrieb sorgen. Daneben ­sollen Bäume und Blumen für «Fussballgarten-Stimmung» sorgen, wie es Piotr Tollik formuliert. Der Eintritt ist kostenlos, dies jedoch zwangsläufig. Denn für solche Veranstaltungen auf öffentlichem Grund darf gemäss städtischen Vorschriften kein Eintrittsgeld verlangt werden, wie Norbert Esseiva ausführt.

Eine weitere Richtlinie der ­Gewerbepolizei schreibt vor, dass die Public-Viewing-Zone frühestens eine Stunde vor Match­beginn geöffnet werden darf. ­Zudem darf eine ­Dezibelgrenze nicht überschritten werden.

Lange Tradition im Bierhübeli

Schon länger ist das Konzert­lokal Bierhübeli im Public-Viewing-Geschäft aktiv. Das Traditionshaus zeigt auch in diesem Jahr ­alle WM-Spiele. Im vorderen Teil des Saals werden Festbänke aufgestellt, im hinteren Bereich hat es Stehplätze. Insgesamt hat es Platz für 800 Gäste. Der Eintritt ist gratis.

«Wir verlangen keinen Eintritt. Unsere ­Kosten müssen wir mit dem Getränke­verkauf, dem Sponsoring und den Reservations­gebühren wieder einspielen.»Beat Hofer, Summer Beach

Die regelmässigen ­Besucher des Bierhübeli wissen offenbar, dass sich eine frühzeitige ­Reservation für Sitzplätze mit Verpflegung vom Grill lohnt. «Diese Plätze sind für die Spiele der Schweiz bereits ausverkauft», freut sich ­Geschäftsführer Dave Naef. Aber es gebe bei jedem Spiel Sitzplätze, die man nicht reservieren müsse.

Dank dem Konzertsaal ist das Bierhübeli weniger wetterabhängig als der Summer Beach. Naef hegt auch keine Befürchtungen, dass die Gäste bei schönem ­Wetter ausbleiben werden, weil sie einen Anlass unter freiem Himmel vorziehen: «Wir ­haben auch dann gute Besucherzahlen. Viel wichtiger als das Wetter ist die Attraktivität der Partien.» Doch die Besucherzahl vorauszusagen, sei nach wie vor schwierig.

Wer mit Gleichgesinnten die Spiele schauen will, hat in und um Bern eine grosse Auswahl an Public Viewings.

Die WM-freien Beizen

Doch längst nicht alle Berner und Bernerinnen lassen sich von der Euphorie anstecken. Dies, weil sie mit Fussball nicht viel am Hut haben, gegen Massenveranstaltungen eine Aversion haben oder die Politik des Gastgeberlandes Russland verurteilen.

Dazu gehören die Initianten der Internet­site Fussballfrei.be. Auf dieser haben sie eine Liste von Restaurants aufgeschaltet, in denen kein Fussball ­gezeigt wird. Dazu ­gehören beispielsweise die ­Kaffeebar Adrianos, der Kornhauskeller, das Kornhauscafé und das Einstein-Café.

Tifosi werden fehlen

In diesem Jahr gibt es einen Faktor, der die Besucherzahl bei den Public Viewings ­negativ beeinflussen wird. «Da Italien nicht dabei ist, werden die italienischen Fans fehlen», ­bedauert Hofer. Und sein Bedauern ist nicht nur geschäftlicher Natur: «Immer wenn Italien an einem Gross­turnier spielt, ist unser Areal blau. Das war jeweils wunderschön.» Ein Bild, das es in diesem Jahr nicht geben wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.06.2018, 21:11 Uhr

Das müssen die Betreiber beachten

Weshalb Wirte beim Über­tragen von WM-Spielen auf die Bildschirmgrösse achten und warum es für die Fifa in der Schweiz nichts zu holen gibt.

Alle zwei Jahre reiben sich Berner Wirte die Hände. Denn sie wissen, während vier Wochen regiert der Fussball. Und da Fussballfans eine WM- oder EM-Partie gern mit Freunden in einer Kneipe verfolgen, karren die Wirte ihre grossen TV-Apparate oder gar Lein­wände auf die Terrasse. Public Viewing nennt sich das neudeutsch.
Wenn am Donnerstag in Russland die Fussballwelt­meisterschaft beginnt, werden laut Gewerbepolizei 52 Bar­betreiber draussen ihren Fernseher anknipsen. Um ein Public Viewing anzubieten, müssen die Wirte jedoch einige recht­liche Bestimmungen beachten.
Die Stadt gibt sich pragmatisch: Will ein Berner Bar- oder Restaurantbetreiber einen Fernseher auf der Terrasse aufstellen, besteht für ihn gegenüber den Stadtbehörden lediglich eine Meldepflicht. Diese «pragmatische Lösung» habe sich in der Vergangenheit bewährt, sagt Norbert Esseiva, Leiter der Orts- und Gewerbepolizei. Eine Bewilligung ein­holen müssen hingegen Ver­anstalter von Public Viewings auf öffentlichen Plätzen wie etwa dem Waisenhausplatz (siehe Haupttext). Hierfür fallen zusätzlich Platzgebühren an. Ein heikles Thema sind jeweils die Lärmemmissionen. Bis eine halbe Stunde nach dem Spiel darf im Aussenbereich mit Ton übertragen werden. So hat es die Gewerbepolizei der Stadt Bern beschlossen. Dies jedoch erst nach lautem Protest bis ­hinauf in die Politik. Denn ursprünglich sahen die Vorschriften vor, dass die Barbetreiber während der Halbzeit und unmittelbar nach Spielschluss den Ton draussen hätten abstellen müssen.
Auf die Grösse kommt es an: Wer sowieso einen Fernseher und ein Radio in seinem Lokal hat und Billag-Gebühren ab­liefert, kann ohne zusätzlichen Papierkram seine Gäste mit der Liveübertragung versorgen. Dies allerdings nur, wenn der Fernseher oder die Leinwand eine Diagonale von unter drei Metern aufweist. Ist die Bild­fläche grösser, muss bei der Schweizer Urheberrechtsvereinigung Suisa eine Bewilligung eingeholt werden. Dabei fallen Gebühren an. Diese können von 62 Franken pro Tag (Bilddiagonale 3 bis 5 Meter) bis 250 Franken pro Tag (12 Meter und mehr) reichen. Verlangt die Bar zusätzlich Eintritt oder erhebt sie einen Zuschlag auf die Getränke, so verdoppelt sich die Entschädigung. Stellt ein Bar­betreiber mehrere Bildschirme auf, so zahlt er nur für jenen mit der grössten Bildfläche.
Die Fifa bleibt aussen vor: Während in umliegenden Ländern Betreiber eines kommerziellen Public Viewing der Fifa Gebühren zahlen müssen, geniesst die Schweiz eine Sonderstellung. Dies ist auf einen jahrelangen Rechtsstreit zurückzuführen. Diesen hatte zwar der Europäische Fussball­verband Uefa ausgefochten, doch das Resultat gilt auch für den Weltfussballverband Fifa. Bei der Fussball-EM 2008 wollte die Uefa durchsetzen, dass sämtliche Übertragungen auf Leinwänden von über drei Metern Diagonale eine Uefa-Lizenz benötigen. Das Bundesverwaltungsgericht entschied jedoch, dass die Uefa die Ver­anstalter nicht zur Kasse bitten darf. Die meisten Stadtberner Gaststätten hätten allerdings auch ohne den Schweizer Sonderstatus keine Fifa-Lizenz benötigt. Denn eine solche braucht nur, wer ein gewerb­liches Public Viewing betreibt. Will heissen: sobald ein Wirt fürs Fussballgucken einen Eintrittspreis verlangt. Michael Bucher

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