«Die Schweiz ist erfolgreicher als Österreich»

Die spröde Magie des «bilateralen Erstbesuchs»: Der neue österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Gastgeberin Doris Leuthard loben sich gegenseitig als vorbildliche Nachbarn.

Rot-weisse Harmonie: Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundespräsidentin Doris Leuthard tauschen Komplimente aus.

Rot-weisse Harmonie: Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundespräsidentin Doris Leuthard tauschen Komplimente aus. Bild: Keystone

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Zack, zack, es ist das krasse Kontrastprogramm zum China-Staatsbesuch vor exakt einem Monat: Um 10.30 Uhr begrüsst Bundespräsidentin Doris Leuthard ihren österreichischen Amtskollegen Alexander Van der Bellen auf dem Münsterplatz in Bern mit militärischen Ehren zum offiziellen Besuch.

Zehn Minuten später sind die beiden zum Von-Wattenwyl-Haus unterwegs – beäugt von einer Handvoll Zaungästen. Fünf Minuten später sind die Uniformierten der Ehrenformation und des Militärspiels verschwunden, die rot-weissen Fahnen weg, und die Polizei entsorgt ihre rot-weissen Absperrbänder. Noch bevor die Sonne den Münsterplatz ganz erobert hat, gehört er wieder den wenigen Touristen.

Einen «bilateralen Erstbesuch» nennt Leuthard die Antrittsvisite des 73-jährigen österreichischen Staatspräsidenten. Diesen sperrigen Terminus kreiert sie, weil Van der Bellens erste Auslandreise letzte Woche Brüssel galt. Doch auch er lobt die «enge Verbundenheit». So wirklich klar aber war ihm die Symbolik des Besuchs noch vor kurzem nicht wirklich.

«Bern hat offenbar Tradition», erklärte Van der Bellen vor drei Wochen kurz nach Amtsantritt vor Wiener Gymnasiasten lapidar den Grund für seine baldige Reise in die Schweiz. Keinerlei Mühe hatte er dagegen, ihnen die Wichtigkeit Brüssels zu erklären: «Weil das, salopp gesagt, die Hauptstadt Europas ist».

Folgerichtig fühlte sich der überzeugte Europäer dort letzte Woche bei seinem Antrittsbesuch auch nicht wirklich im Ausland: «Wir sind alle Teil der Europäischen Union.» Und vor dem Europaparlament in Strassburg sagte er tags darauf: «Wir können unsere Heimat lieben. Und die Europäische Union.»

Der Präsident lädt Leuthard zum Gegenbesuch in die Hofburg ein. An diesem für die Habsburgermonarchie symbolträchtigen Ort residiert er seit dem 26. Januar. Doch selber ist der neue Präsident durchaus weniger Habsburger als seine Gastgeberin aus dem Aargau: Dort liegt immerhin die Stammburg der Habsburger.

Van der Bellens Eltern waren aus Russland und Estland nach Österreich geflüchtet. Er ist 1944 in Wien geboren und im Kaunertal in Tirol aufgewachsen. Die estnische Regierung war besonders angetan von seiner Wahl und bot ihm umgehend die Staatsbürgerschaft an.

In Bern trifft Van der Bellen auf eine alte Bekannte: Ursula Plassnik vertritt seit letztem Herbst die Interessen Österreichs in der Schweiz. 2009 hatte der damalige Grünen-Parteichef gemeinsam mit der damaligen ÖVP-Politikerin eine Aktion gegen die «geistige Verzwergung der Republik» gemacht.

Als frühere Aussenministerin war Plassnik die Vorvorgängerin von Sebastian Kurz, dem Van der Bellen in Bern «zur Seite steht», wie der Präsident das nennt. Der jüngste Aussenminister in einem EU-Land könnte altersmässig sein Enkel oder der Sohn von Plassnik sein. Dank seiner harten Haltung in der Flüchtlingsfrage ist der 30-Jährige zum Shootingstar der ÖVP und deren Hoffnungsträger bei den nächsten Parlamentswahlen geworden. Während der präsidialen Medienkonferenz konsultiert Kurz diskret sein Smartphone und nickt gelegentlich, Plassnik steht abseits und lächelt.

«Die Schweiz ist erfolgreicher als Österreich», schmeichelt Van der Bellen. Er meint damit weniger die Skifahrer in St. Moritz als das Innovationspotenzial im Forschung- und Industriebereich. Deswegen stehen heute Abstecher zu Roche in Basel und an die ETH in Zürich auf dem Programm des früheren Volkswirtschaftsprofessors.

«Wolkenfrei» seien die bilateralen Beziehungen, sagt Van der Bellen. Der Himmel sei blauer als in Wien. Das jedoch kann sich ändern, wettermässig und politisch. Dann nämlich, wenn der rot-schwarzen Koalition nichts einfällt, den Höhenflug der Blauen, der rechtspopulistischen FPÖ, zu stoppen. Gegen deren Kandidaten Norbert Hofer hatte sich Van der Bellen im Dezember in der Stichwahl um die Präsidentschaft durchgesetzt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 21:25 Uhr

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