Ein Drahtseilakt

Grindelwald

Wie werden die Drahtseile der neuen V-Bahn miteinander verbunden? «Forum»-Leserin Carol Wymann aus Zollikofen konnte in Grindelwald dem aufwendigen Akt beiwohnen.

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Raphael Hadorn

Spleisser Ueli Merz schlägt mit einem Hammer unermüdlich auf die Stahlseile ein. «Forum»-Leserin Carol Wymann steht daneben – und staunt. Schauplatz ist eine grüne Wiese in unmittel­barer Nähe der sich im Bau befindenden Talstation der V-Bahn in Grindelwald. Hier werden die beiden Enden des über sechs Kilometer langen Förderseils der Gondelbahn Grindelwald–Holenstein auf einer Länge von 70 Metern ineinander verwoben, also gespleisst. Doch der Reihe nach.

Faszination für die V-Bahn

Das Wandern ist des Schweizers Lust. Und wer sich regelmässig die Bergschuhe schnürt, ist auch ab und zu mit einer Gondelbahn unterwegs. Von der Tal- zur Bergstation – oder umgekehrt. Man steigt ein, geniesst die Fahrt, bestaunt das Bergpanorama, macht Fotos und steigt wieder aus. Gedanken darüber, wie das Seil, das die Gondel trägt, vor der Inbetriebnahme wohl angebracht wurde, machen sich die wenigsten.

Nicht so Carol Wymann aus Zollikofen. Den Bau von Bergbahnen, das fasziniert die 51-Jährige von jeher. Besonders angetan ist sie von der V-Bahn in Grindelwald. Hier, inmitten der Berner Alpen, machen Wymanns seit zwanzig Jahren jeden Sommer Urlaub. Intensiv verfolge seine Frau das Projekt, schreibt René Wymann der «Forum»-Redaktion. «Seit Wochen interessiert es sie, wie das Tragseil der neuen Männlichenbahn montiert wird.» Und abschliessend fragt er: «Ist es möglich, dass sie bei der Montage im unteren Teil dabei sein kann?» Eine grössere Freude könne man seiner Frau derzeit nicht machen.

Das «Forum» kontaktiert in der Folge die Gondelbahn Grindelwald-Männlichen AG. Deren Geschäftsführer Daniel Zihlmann verweist an Samuel Kaufmann, Montageleiter der Seilbahnfirma Garaventa AG – und kurze Zeit später wird die Wunscherfüllung Tatsache.

Davon erfahren hat Carol Wymann, die hauptberuflich als Kita-Mitarbeiterin tätig ist, am Geburtstag der älteren ihrer beiden erwachsenen Töchter. «Plötzlich spielte sie ab ihrem Handy die Melodie der SRF-Sendung «Happy Day» und übergab mir in einem Couvert einige Papierschnipsel, die richtig aneinandergereiht den Satz: «Das isch di Happy Day, Besichtigung vor V-Bahn-Bousteu», ergaben. Und so erhielt das beste Geschenk für einmal nicht das Geburtstagskind.

Technisch, sehr technisch

Es ist ein schöner Herbsttag, als Carol Wymann am Bahnhof Grindelwald Grund von Samuel Kaufmann in Empfang genommen wird. Gemeinsam mit dem 13-köpfigen Team um Ueli Merz fährt sie in einem Minivan zum Ort des Geschehens. Hier wurde das Seil bereits aus drei Masten gehoben und am Boden auf einer Länge von 70 Metern auf Palettrahmen ausgelegt.

Es wird technisch, sehr technisch. Für viele wärs wohl zu technisch. Carol Wymann aber hört interessiert zu, als ihr Samuel Kaufmann das Innenleben des Seils – eine Seele, um sie herum sind sechs Litzen gewickelt – und den Vorgang beim sogenannten Spleissen erklärt: «Bei beiden Seilen werden je drei Litzen gelöst, in das jeweils andere Seil verwoben und mit dem Hammer festgeschlagen», erzählt der Fachmann.

«Unglaublich, dass alles von Hand gemacht wird. Beeindruckend die Kraft der Männer.»Carol Wymann

«Unglaublich, dass alles von Hand gemacht wird», staunt Carol Wymann und schwärmt: «Beeindruckend die Kraft der Männer.» In der Tat. Ein Meter Seil wiegt 10,5 Kilogramm. Insgesamt dreizehn starke Männer werden deshalb benötigt. Wenn ihre Arbeit nach rund anderthalb Tagen beendet ist, sieht der Laie nicht, wo die beiden Enden miteinander verbunden wurden – und wird das Seil der Belastung der 55 Gondeln im unteren Bereich der Männlichenbahn locker standhalten.

Eine riesige Baustelle

Samuel Kaufmann will der Leserin auch noch die Baustelle der Talstation zeigen. Auf dem kurzen Fussmarsch dorthin wird ­Carol Wymann mit einem Helm ausgestattet. Es geht vorbei an den riesigen Rollen, auf welchen das Seil aufgerollt war, als es auf zwei Lastwagen über den Brünig nach Grindelwald transportiert wurde. Die Baustelle der V-Bahn-Talstation beeindruckt durch ihre Grösse. «Hier werden dann die Busse halten, hier kommen die Leute von der Bahn, hier werden Laufbänder sein», erzählt Kaufmann. Und er zeigt der «Forum»-Leserin das 54 Tonnen schwere Spanngewicht, das dafür sorgt, dass die Stahlseile der Bahn immer richtig gespannt sind. Danach geht es zurück zum Spleisser-Team. Carol Wymann zieht ein erstes Fazit: «Ein unvergesslicher Tag.»

Dann wendet sie sich wieder der Arbeit von Ueli Merz zu. Der Spleisser haut unermüdlich auf das Stahlseil ein. Carol Wymann steht daneben – und staunt.

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