Was Baze und Geigerin Meret Lüthi gemeinsam haben

Das Beste aus zwei Welten: Rapper Baze und Geigerin Meret Lüthi erhalten am Dienstag den Musikpreis des Kantons Bern. Die beiden sind sich ähnlicher, als man denkt.

«Klar checke ich hin und wieder ab, was meine Quartiergspänli machen», sagt Geigerin Meret Lüthi zu Rapper Baze.

«Klar checke ich hin und wieder ab, was meine Quartiergspänli machen», sagt Geigerin Meret Lüthi zu Rapper Baze. Bild: Christian Pfander

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Rap und klassische Musik, das sind komplett verschiedene Dinge, oder? Meret Lüthi (39) macht Alte Musik mit ihrem Ensemble «Les Passions de l’Ame», das sie leitet und mitbegründet hat. Ausserdem ist sie Dozentin für Barockvioline an der Hochschule der Künste Bern und Mama.

Auch Rapper Basil Anliker alias Baze (37) ist beruflich hoch im Kurs. Ihn kennt man etwa als Mitglied der Hip-Hop-Combo «Chly­klass». Anfang des Jahres kam sein neues Soloalbum «Bruchstück» raus, zudem ist Baze Gra­fiker. Was haben sich also eine Konzertmeisterin und ein Berner Rapper zu sagen? Überraschend viel.

Meret Lüthi und Baze, Sie kennen sich?
Meret Lüthi: Ja, wir sind beide im Berner Obstberg-Quartier aufgewachsen!

Ihr Beruf besteht daraus, kreativ zu sein. Was heisst das für Sie?
Baze: Einen Weg zu finden, meiner Musik einen eigenen Stempel aufzudrücken. Auch wenn andere denselben Musikstil haben.

Lüthi: Ich ringe um den persönlichen Ausdruck meiner Wahrheit, deren Anwältin ich bin. Ich bin ein Kreativitätsjunkie. Das brauche ich einfach.

Bei Baze kann man sich vorstellen, wie er einen Song schreibt. Was passiert bei Ihnen, Meret Lüthi, wenn Sie ein Konzertprogramm fürs Orchester kreieren?
Lüthi: Dann bestelle ich eine Unmenge an Büchern, schreibe mir Komponisten und Werke raus, die nach dem Thema des Konzerts riechen, und mische daraus ein Programm zusammen. Punkto Machbarkeit muss ich auf die Raumgrösse und die instrumentale Besetzung achten.

Baze: Du recherchierst viel! Ich bin dagegen sehr intuitiv, rede davon, was mir in den Sinn kommt.

Lüthi: Auch ich kann Eigenes einbringen, etwa, welche Verzierungen ich wähle oder wie ich eine Barockpartitur besetze.

Wie geht es Ihnen mit derjeweils anderen Stilrichtung?
Lüthi: Klar checke ich hin und wieder per Mausklick ab, was meine Quartiergspänli von Wurzel 5 machen. Meine Kinder sollen ohne Wertekanon aufwachsen. Bei meinem Mann können sie zeitgenössische Konzerte besuchen, bei mir lernen sie die Musik des 17. und des 18. Jahrhunderts kennen, wir sind aber auch happy mit Popmusik im Radio.

Baze: Genau, bei Musik muss man nicht Farbe bekennen. Von afrikanischer Musik über Elektro und Hip-Hop bis zu Bob Dylan höre ich alles. Zu Klassik finde ich den Zugang noch nicht wirklich. Auf SRF 2 läuft Klassik, da bleib ich manchmal hängen. Aber wie man da über die Musik spricht, finde ich sehr elitär.

Lüthi: Danke!

Baze: Redest du dort?

Lüthi: Ja, oft!

Baze: Versteh mich nicht falsch, ich finde bloss die Analytik sehr brutal, mit der die Musik auf den Punkt gebracht wird.

«Die Analytik, mit der man im Radio über klassische Musik spricht, ist brutal.»Baze

Wann merken Sie, dass ein ­Konzert funktioniert?
Baze: Manchmal ist es einfach schön, man ist eins mit dem Song und der Raum atmet mit. Aber die Stimmung ist bei Rap-Konzerten oft fragil. Da wird getrunken und geraucht, die Leute feiern bis morgens um fünf. Bei ruhigen Passagen hängt das Publikum gerne mal ab. Wenn mir einer in der ersten Reihe den Rücken zukehrt oder ständig redet, kippt meine Laune. Dann spreche ich die Leute schon mal an. Bei einem klassischen Konzert ist man sich gewohnt, konzentriert zu sein.

Lüthi:Unser Publikum sitzt zwar, aber auch ich merke, wenn die Aufmerksamkeit der Leute absackt. Wir sind auf wachsame Ohren angewiesen. Wenn mir wichtig ist, dass eine interessante Stelle in der Dramaturgie gehört wird, setze ich verbal ein Spotlight.

Baze: Du sprichst, während das Orchester spielt?

Lüthi: Nein, das nicht. Ich kündige es einfach im Voraus an.

Sie haben die Konzertbesucher im Griff.
Lüthi: Ein Publikum kann sich aber im Lauf der Zeit ändern. Bei meiner ersten Russland-Tournee 2007 waren die Besucher sehr aufmerksam, fast devot. Sieben Jahre später war ich noch mal in Russland, da war die Stimmung ganz anders, ein einziges Geraschel und Getuschel. Da leidet man auf der Bühne.

«Als Frontfrau muss ich die gekippte Stimmung im Saal wieder ins Lot bringen.»Meret Lüthi

Baze sagt in so einem Fall seine Meinung. Was tun Sie?
Meret Lüthi: Wenn ich genervt bin, beeinträchtige ich mich energetisch. Deshalb ist mir wichtig, immer wieder zu ver­geben. Schliesslich muss ich als Frontfrau die gekippte Stimmung wieder ins Lot bringen.

Baze: Ja, manche machen das vernünftiger, manche weniger. Ich mache es oft auch mit Humor. Man ist ja nicht Erzieher.

Der Kanton Bern verleiht Ihnen je einen Musikpreis. Sie erhalten 15 000 Franken. Sind Sie stolz?
Baze: Man hat mich eines Morgens um zehn Uhr angerufen, da habe ich mich sehr gefreut. Ich habe sogar das Plakat für den Musikpreis gestaltet und überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich ihn gewinnen könnte. Es ist eine schöne Anerkennung, vor allem, weil man noch vor fünf Jahren den Preis wohl nicht einem Rapper verliehen hätte. Sprechgesang wurde als Musikstil lange nicht richtig ernst genommen. Trotzdem denke ich jetzt nicht, ich hätte alles erreicht. Ich bin immer noch auf dem Weg.

Lüthi:Es ist ein Markstein. Schön, dass es kurz vor dem zehnten Geburtstag meines Ensembles diese Anerkennung von aussen gibt. Ich bin zu mir selbst die Strengste, und durch die Verleihung des Musikpreises kann ich kurz innehalten und zurückblicken.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 14.11.2017, 14:01 Uhr

Film- und Musikpreise des Kantons Bern

Nicht nur Baze und Meret Lüthi, auch der DJ und Produzent Deetron sowie der Klarinettist Ernes­to Molinari werden heute mit dem kantonalen Musikpreis ausgezeichnet (je 15 000 Fr.). Die Sängerin Rea Dubach erhält den mit 3000 Franken dotierten Coup de Coeur. Gemeinsam mit den Musikpreisen werden auch die kantonalen Filmauszeichnungen vergeben. Die beiden Berner Dokfilme «Spira Mirabilis» von Massimo D’Anolfi und Martina Parenti (25'000 Fr.) und «Encordés» von Frédéric Favre (10'000 Fr.) kommen zu Ehren, ebenso «Kinder machen» von Barbara Burger (10'000 Fr.). Die Kostümbildnerin Linda Harper erhält den Anerkennungspreis, die Animationsfilmerin Aline Höchli den Nachwuchspreis. mk

Preisverleihung: Dienstag, 14. November, 19.30 Uhr, Grosse Halle der Reitschule, Bern.

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