«Du Stinktopf»

Bern

Die Märchenbühne Bern lässt es schneien. Alain Thélins «Frau Holle» – zurzeit im Theater National zu sehen – ist peppig. Bühnenbild und Tanz begeistern, die Lautstärke eher weniger.

Denkt nur ans Goldkleid: Ursula (Pascale Schüpbach, links) bei Frau Holle.

Denkt nur ans Goldkleid: Ursula (Pascale Schüpbach, links) bei Frau Holle.

(Bild: Monika Mullis / zvg)

Chantal Biner (16) ist mutig und vermutlich ein bisschen nervös. Allein auf der Bühne stimmt sie ihr Lied an, während sie vor der bunt gemalten Kulisse eines Hauses Arbeiten umtreiben. Chantal Biner ist Barbara, die Goldmarie in Alain Thélins Fassung von «Frau Holle». Und das Haus ist ­jenes ihrer Stiefmutter (Sarah Manta) und ihrer Stiefschwester Ursula (Pascale Schüpbach, 19).

Die Rolle des lieben und fleissigen Mädchens ist wie für Chantal Biner geschaffen, ihre positive Ausstrahlung dringt bei der Premiere im Theater National bis in die hintersten Reihen.

Peppig, aber laut

Das grimmsche Märchen ist an verschiedener Stelle modern aufgepeppt. Zwar wird Barbara von ihrer Stiefmutter und Ursula gemein behandelt, hat aber in Alain Thélins Fassung auch Freunde an ihrer Seite. So etwa Isa und Mäxu und eine Bande Kamin­feger, die immer wieder Teil der Geschichte werden. So tanzen die Kaminfeger in Holzschuhen mit Barbara, oder es wird lautstark ums Wort gezankt.

Diese Rahmenhandlung lockert das Stück auf, macht es jugendlich – es wirkt aber an manchen Stellen etwas überspitzt und durch die Verstärkung zeitweise zu laut. Auf die kindliche Sensibilität für Gut und Böse wird zu wenig vertraut, der Gegensatz wird vorgekaut, als gäbe es kein Morgen.

Tritt Ursula auf den Plan, pöbelt sie gegen Barbara, wo sie nur kann, langt tief in die Kiste kindlicher Be­leidigungen. Hier wäre etwas mehr Spiel als Sprache effektiver gewesen. An Pascale Schüpbach liegt das nicht. Sie mimt die Rolle der aufsässigen Ursula vergnüglich giftig, könnte ihr Talent aber besser entfalten, müsste sie nicht übertrieben schnippische und etwas altbackene Sätze sprechen.

Schöner Tanz und Riesenbrote

Gelungen ist indes die Märchenwelt der Frau Holle (Pascale Thélin). Besonders der augenrollende Backofen, aus dem Barbara Riesenbrote hervorholt (hier lacht der ganze Saal), der sprechende Apfelbaum und von der Decke fallender Schnee verzaubern Kinder wie Erwachsene. Die Kleinsten spielen Schmetterling, Fuchs und andere Waldtiere. Ihr Spiel ist nicht nur rührend, sondern auch lustig, wenn sie Ursula etwa einen «Stinktopf» nennen.

Wirkungsvoller als im Dialog kommt die Abneigung der Märchenlandbewohner gegen Ursula im Tanz zur Geltung. Harmoniert der Tanz der Waldelfen – in bunten Röcken mit Lichtern – mit Barbara, so ist es ein jagender, treibender Tanz gegen Ursula, als diese bei Frau Holle ebenfalls ihr goldenes Kleid verdienen will. Im Grimm-Märchen bleibt das Pech am bösen Mädchen kleben – ­Thélins Fassung lehrt über diese Moral hinaus: Menschen können sich ändern.

«Frau Holle»:bis 27. 1., Theater National, Bern. Info und Tickets: www.studiobuehnebern.ch.

Berner Zeitung

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