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Eigentlich wäre sie jetzt gern daheim

Der Liebe wegen ist Yulia Krebs von Russland in die Schweiz gezogen. Von hier aus verfolgt sie gespannt mit, wie in ihrer Heimat um Weltmeisterehren gekämpft wird.

Ihre Wurzeln liegen in Russland: Yulia Krebs mit einer Matrjoschka in ihrer neuen Schweizer Heimat.
Ihre Wurzeln liegen in Russland: Yulia Krebs mit einer Matrjoschka in ihrer neuen Schweizer Heimat.
Reto Oeschger

Als Erstes beeindruckt das tadellose Deutsch, mit dem sich Yulia Krebs vorstellt. Die 27-Jährige, die unter dem Namen Yulia Vovchenko im russischen Wolgograd geboren und aufgewachsen ist, erzählt mit lebhaften Gesten und einem charmanten Akzent von ihrer Heimat Russland.

Kurz vor Beginn der Fussball-Weltmeisterschaft hat sie ihr noch einen Besuch abgestattet. «Den Flughafen etwa habe ich vor lauter Leuten nicht mehr richtig erkannt», fasst sie ihre Eindrücke zusammen.

Auch die wenigen Fussgängerzonen Moskaus seien vor Besuchern übergequollen. «Vor allem sah man überall Männer mit Sombreros. Die mexikanischen Fans waren klar in der Überzahl.»

«Einzig die russische Spontaneität vermisse ich bei manchen Schweizern ein bisschen.»

Yulia Krebs

Gern wäre sie jetzt in Russland, um die Stimmung aufzusaugen und allerlei verschiedene Menschen zu treffen. «Mir gefällt die Idee, dass alle Kulturen in meiner Heimat zusammenkommen und feiern. Ich hoffe auch, dass die Fans bei ihrem Besuch die wahre russische Gastfreundschaft kennen lernen.»

Erst nur Berndeutsch

Bevor Yulia Krebs den Weg in die Schweiz fand, absolvierte sie an der Uni im finnischen Turku ein Austauschsemester. Schon der erste Abend sollte für die junge Russin wegweisend sein. «Am ­allerersten Tag habe ich meinen zukünftigen Mann getroffen.» Im Studentenheim, wo auch Sebastian Krebs für ein Semester einquartiert war. Der Liebe wegen zog Yulia Krebs schliesslich – nachdem sie in St. Petersburg ihren Studienabschluss gemacht hatte – nach Bern.

«In der ersten Zeit hier habe ich Berndeutsch tatsächlich viel, viel besser verstanden als Hochdeutsch», erinnert sich die junge Russin. Mit ihrem Mann unterhielt sie sich zunächst auf Englisch. «Nach einem Intensivkurs wusste ich aber: ‹Jetzt musst du deine Hemmungen ablegen.›»

Von diesem Zeitpunkt an habe sie mit all ihren Bekannten aus der Schweiz nur noch Deutsch gesprochen. Nach vier Jahren in Bern und einem weiteren Marketing-Studienabschluss an der Uni Freiburg zogen Yulia und Sebastian Krebs schliesslich nach Zürich – die Chancen auf einen Job seien dort einfach höher gewesen, sagt sie.

Aus der Ferne verfolgt sie nun mit, wie in ihrer Heimat Fussball gespielt wird. «Obwohl ich mich eigentlich nicht als Fan bezeichne: Es ist sehr spannend, den Anlass mitzuverfolgen», sagt sie.

In den Schlagzeilen

Ihre Heimatstadt geriet prompt schon in der Vorrunde in die Schlagzeilen. «Mückenplage in Wolgo­grad», so titelten die Medien, und Yulia Krebs lacht. «Ja, ich habe mit meiner Grossmutter telefoniert, und sie hat mir erzählt, dass es schon seit vielen Jahren nicht mehr so schlimm war wie im Moment.»

Auch viele ihrer Freunde fiebern an der WM mit und wollen die Spiele live im Stadion mitverfolgen. Das hat natürlich auch mit den Resultaten der russischen Nationalmannschaft zu tun. Mit zwei Siegen qualifizierte diese sich souverän für den Achtelfinal und darf nun am Sonntag gegen Spanien antreten. «Vor dem Turnier hat niemand erwartet, dass das Team so spielen wird, jetzt ist die Euphorie umso grösser.»

Transsibirischer Traum

Positiv am Fussballfieber findet Yulia Krebs auch, dass ihre Landsleute Russland selber besser kennen lernen. «So viele wollen immer nur ins Ausland und kennen ihr eigenes Land gar nicht so gut.» Das könnte sich jetzt ändern, wenn die russischen Fans die verschiedenen Austragungsorte besuchen.

Ihr gehe es ja genau gleich. «Je länger ich von meiner Heimat weg bin, desto mehr will ich wieder in ihre Kultur eintauchen», erzählt sie. Deshalb träume sie davon, einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren. «Als ich noch in Russland wohnte, wäre mir das nie in den Sinn gekommen.»

Nach sechseinhalb Jahren habe sie sich aber durchaus an das Leben in der Schweiz gewöhnt, einen Freundeskreis aufgebaut, eine Arbeit gefunden. Und es gefällt ihr hier. «Einzig die russische Spontaneität vermisse ich bei manchen Schweizern ein bisschen.»

WM-Serie: 32 Nationen messen sich derzeit an der Fussball-WM in Russland. Wir stellen regelmässig Fans aus den Teilnehmerländern vor, die in der Region leben und mit ihren Farben mitfiebern.

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