Ein Kurde im Glück

Bern

Ein Demoteilnehmer kommt mit einem blauen Auge davon. Er trat in Bern im Streit zwischen Kurden und Türken heftig zu. Seine Gefängnisstrafe kann er in Halbgefangenschaft absitzen.

Am 12. September 2015 kam es in Bern zu Ausschreitungen zwischen Türken und Kurden.

Am 12. September 2015 kam es in Bern zu Ausschreitungen zwischen Türken und Kurden.

(Bild: Manu Friederich)

Das Regionalgericht Bern-Mittelland war sich am Freitag nicht ganz sicher. Es hatte eine Strafe zu prüfen, die in einem abgekürzten Verfahren von der Staatsanwaltschaft bereits festgelegt und vom Beschuldigten akzeptiert worden war.

In diesem Verfahren ging es um die Geschehnisse am Rande einer Manifestation von Erdogan-freundlichen Türken in Bern: Rund 300 Kurden versuchten an diesem 12. September 2015 die Demo der Türken mit ungesetzlichen und zum Teil gewalttätigen Mitteln zu verhindern. Mit dabei war eben auch jener Kurde, der am Freitag vor den Richtern stand.

Die Kurden blockierten den Helvetiaplatz und wichen auch nicht, als die Polizei den Platz räumen wollte. Sie bewarfen die Polizisten mit allem, was grad so zur Verfügung stand, und sorgten mit ihrem Sitzstreik dafür, dass niemand mehr die Kirchenfeldbrücke überqueren konnte. Das alles hätte dem Kurden vor Gericht erst einmal nur eine Geldstrafe wegen Landfriedensbruch und Drohung gegen Behörden und Beamte eingebracht. Denn er war dabei, das ist durch Videoaufnahmen gesichert.

Tritte gegen den Kopf

Doch es kam noch viel schlimmer. Auf der Strasse in Richtung Schwellenmätteli kamen der Kurdengruppe zwei Autos mit türkischen Insassen entgegen. Der Beifahrer des einen Wagens wurde wüst zusammengeschlagen. Der Kurde wurde dabei gefilmt, wie er diesen Mann mit einer Holzlatte traktierte.

Eines der Fahrzeuge wendete und fuhr wenig später in eine Gruppe von Menschen. Das war dem Kurden Anlass genug, wieder auf seinen Widersacher loszugehen und ihn mit Fusstritten einzudecken. Dies wertete die Staatsanwaltschaft als Angriff.

Noch gravierender waren seine Tritte gegen eine Frau, die auch in einem der Fahrzeuge sass. Videoaufnahmen zeigen, wie der Kurde dieser Frau mit dem Fuss gegen den Kopf trat, bis sie bewusstlos war. Sie erlitt dabei eine Hirnerschütterung und Prellungen der Halswirbelsäule. Für die Staatsanwaltschaft eine versuchte schwere Körperverletzung.

Das abgekürzte Verfahren

Wenn ein abgekürztes Verfahren angewendet wird, muss der Beschuldigte vollumfänglich geständig sein. Und er muss das Strafmass akzeptieren, das bereits festgelegt ist. «Von der Geständnisbereitschaft des Beschuldigen sind wir nicht überzeugt», erklärte Gerichtspräsident Urs Herren. Da sei eine klare Tendenz zu erkennen, die Schuld auf andere zu schieben.

Gestanden habe er nur, was ihm habe bewiesen werden können. Doch das Gericht habe ein Auge zugedrückt und habe dieses Verfahren nicht ohne Not verlängern wollen. «Denn die darin vorgeschlagenen Strafen sind für uns im Hick», erklärte Herren. Darum, so der Gerichtspräsident, könne sich das Gericht damit einverstanden erklären. So wurde die Anklageschrift vom Gericht zum Urteil erhoben.

Eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten teilbedingt: Davon muss der Kurde 6 Monate absitzen, 24 Monate bleiben bedingt, bei einer Probezeit von drei Jahren. Sechs Monate können nach schweizerischem Recht in sogenannter Halbgefangenschaft abgesessen werden. Das heisst für den Kurden, dass er in dieser Zeit tagsüber seiner Arbeit nachgehen kann und seine Freizeit im Gefängnis verbringen wird.

Damit ist das Ziel seines Verteidigers erreicht. Für ihn war klar, «dass mein Mandant nicht um eine Freiheitsstrafe herumkommt». Zu eindeutig seien die Bilder auf den Videofilmen. Sein Mandant habe in der Zwischenzeit geheiratet und sei Vater geworden. «Darum ist es für ihn sehr wichtig, dass er seinen Job nicht verliert.»

Beim Krawall zwischen Kurden und Türken im September vor vier Jahren kamen insgesamt 22 Menschen zu Schaden. Davon waren 5 Polizisten. 137 Straftäter wurden verfolgt, 96 von ihnen konnten identifiziert und angezeigt werden.

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