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Ein Leben für den Reaktor

Sein ganzes Leben lang arbeitete Urs Leuenberger im Atomkraftwerk. Was mit ihm nach dessen Stilllegung passiert, ist noch unklar.

Laut Urs Leuenberger ist das AKW Mühleberg technisch auf dem höchsten Stand. Dennoch wird es abgeschaltet. Foto: Christian Pfander
Laut Urs Leuenberger ist das AKW Mühleberg technisch auf dem höchsten Stand. Dennoch wird es abgeschaltet. Foto: Christian Pfander

Hinter Urs Leuenberger ragt der Kamin des Atomkraftwerks indie Höhe. Rot-weisse Streifen, 125 Meter Beton. Die Technik, die in den Hallen daneben eingesetzt wird, kennt Leuenberger wie seine Westentasche.

Er weiss, wie die Generatoren funktionieren, wie lange die Brennstäbe genutzt werden, wie viel Leistung die Pumpen erbringen. Er kennt die verwinkelten Gänge des Kraftwerks, die langjährigen Angestellten, die Geschichte des Reaktors.

Seit 25 Jahren arbeitet der Mann, der mal breit lächelt und dann wieder ernst blickt, im Atomkraftwerk Mühleberg. Heute nimmt er eine der Führungspositionen wahr. Als Leiter An­lage fällt alles in seine Verantwortung, was mit der Elektro-, Maschinen- und Bautechnik zu tun hat.

Der technische Aspekt stellt jedoch nur einen Teil seiner Aufgaben dar: In den letzten Jahren beschäftigte sich Leuenberger auch mit der bevorstehenden Abschaltung des KKW. Und den damit verbundenen Kon­sequenzen für ihn und seine Mitarbeitenden.

2013, zwei Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima, entschied die BKW, den Betrieb des Atomkraftwerks ein­zustellen. «Rein unternehmerisch kann ich voll hinter diesem Entscheid stehen», betont Leuen­berger auf dem Weg zum Eingang des Kraftwerks. Etwas später, in einem der Sitzungszimmer beim Empfang, wird er dann doch etwas wehmütig.

Eigentlich stehe das Kraftwerk auf seinem Höhepunkt, das Bild vom brüchigen und alten Meiler, das in der Öffentlichkeit manchmal herumgeistere, stimme keineswegs. Technisch sei die Anlage auf ihrem höchsten Stand.

«Ich vergleiche es gern mit einem Spitzensportler, der es schafft, auf dem Höhepunkt seiner Karriere auszusteigen», so Leuenberger. «Genauso wie er tritt auch das KKW als Sieger ab.»

Schreibtisch statt Maschine

Als Jugendlicher betrat der gebürtige Worber das Kernkraftwerk zum ersten Mal. Damals, 1988, half er als Elektromonteurlehrling bei der Revision der Generatoren. Es sei ein bleibendes Erlebnis gewesen, erinnert sich der heute 50-Jährige: «Die Qualität, die Sauberkeit, die fortschrittliche Technik – das war eine ganz andere Liga, als ich es bis dahin gewohnt war.»

Losgelassen hat ihn das AKW seither nicht mehr. Während des Studiums zum Elektroingenieur führten ihn verschiedene Pro­jekte zurück nach Mühleberg, und nach dessen erfolgreichem Abschluss in den 90er-Jahren wurde er von der BKW direkt als Projektleiter eingestellt.

Seine erste Aufgabe: Die Generator­erregung erneuern. Teile ersetzen, die seit der Inbetriebnahme des Kraftwerks 1972 ihren Dienst geleistet haben. «Eine grosse Aufgabe, verbunden mit viel Verantwortung.»

Urs Leuenberger ist niemand, der neue Herausforderungen scheut. Gleich zu Beginn ein so bedeutendes Projekt leiten zu dürfen, habe ihn mit Stolz erfüllt, sagt er rückblickend. Leuenberger arbeitete sich immer weiter zur Spitze durch – vom Projektleiter zum Zuständigen für die Mess- und Regeltechnik bis hin zum Abteilungsleiter für die Elektrotechnik.

Und seit einem halben Jahr ist er Leiter der Anlage. Seine Karriere habe aber auch viel mit Glück zu tun: «Ich erfüllte stets das Profil, das gerade gesucht wurde.»

Ein Werdegang weg von den Maschinen hin zum Schreibtisch. Kabel verlegen, Schrauben eindrehen, Ersatzteile montieren – solche Dinge tut Leuenberger heute nur noch zu Hause, in seiner kleinen Werkstatt, wo er mit Leidenschaft an alten Töffli herumbastelt. Seine Arbeitstage wiederum bestehen hauptsächlich aus Sitzungen, Telefonaten und Gesprächen.

Ob ihm das Handwerkliche nicht fehle? Urs Leuenberger überlegt einen Moment und schüttelt dann entschlossen den Kopf. Er fühle sich wohl. «Und wenn mal keine Sitzung ansteht, suche ich den Austausch mit meinen Mitarbeitenden, etwa in den Werkstätten – so bin ich trotzdem nahe dran.»

Abwechslung in der Wehr

Für die Abwechslung, die ihm so wichtig sei, sorgte indes die Feuerwehr des Atomkraftwerks. Dieser trat er bereits am Anfang seiner Karriere bei – nebenamtlich, so wie fast alle Mitarbeitenden im KKW in der hauseigenen Notfallorganisation dienen müssen.

«Neben den aufregenden Übungen hat mir daran besonders gefallen, dass man nah an den Menschen ist. Und dass viel Vertrauen mitspielt.» Irgendwann übernahm Leuenberger auch hier eine Führungsposition: Mehrere Jahre war er als Kommandant im Einsatz.

Zeit für die Feuerwehr bleibt heute keine mehr. Urs Leuen­bergers Tage sind gut gefüllt. Etwas, das seit dem Stilllegungsentscheid 2013 häufiger auf seinem Programm steht, sind Gespräche mit den Mitarbeitenden. Ähnlich wie er arbeiten viele seiner Kollegen schon seit Jahren im Kernkraftwerk.

Und die meisten werden auch noch in den kommenden Jahren eine Aufgabe haben: Bereits 2015 bot die BKW allen Mitarbeitenden des KKW eine Funktion für die Zeit nach der endgültigen Einstellung des Betriebs an. Die meisten werden bei der Stilllegung im Einsatz sein und wurden entsprechend weitergebildet.

Keine Jobgarantie

Dass die Angestellten nach der Stilllegung noch einen Platz in den Reihen der BKW haben, kann das Unternehmen hingegen nicht versprechen. Entsprechend vielseitig sind die Fragen: Was geschieht in fünf Jahren? Muss ich mir einen neuen Job suchen? Und habe ich überhaupt noch Aussichten auf dem Arbeitsmarkt? Eine einfache Antwort auf solche Fragen hat Leuenberger nicht.

«Ich versuche, den Mitarbeitenden Mut zu machen. Eine langfristige Jobgarantie gibt es zwar keine, ein grosser Konzern eröffnet aber viele Möglichketien.» Und, so sei er sich sicher: Mit Leidenschaft und Engagement finde jeder einen Weg. Immerhin bringe jeder Mitarbeitende einen grossen Erfahrungsschatz mit, der für den weiteren beruflichen Werdegang wertvoll sei.

In den letzten Jahren führte Leuenberger ein Motivationsgespräch nach dem anderen. Dies, obwohl auch für ihn die Zukunft alles andere als sicher ist. Während der Ausserbetriebnahme der Systeme in den nächsten Jahren wird er sicherlich noch vor Ort sein, um diese zu koordinieren und dafür zu sorgen, dass die Systeme korrekt der Demontage übergeben wird.

Was jedoch in vier oder fünf Jahren kommt, bleibt auch für ihn offen. «Ein konkretes Angebot habe ich noch keines. Sollte sich aber etwas innerhalb der BKW ergeben, würde mich das sehr freuen.» Und falls nicht, so meint Leuenberger gekonnt optimistisch, werde sich sicher etwas ergeben. «Immerhin ist jeder für seine Zukunft selbst verantwortlich.»

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