Ein Rapper startet durch

Als Rapper Nativ hat der Berner Thierry Gnahoré gerade einen ziemlichen Lauf. Die Auftritte häufen sich, und 2017 darf er mit einem Stipendium der Stadt ein halbes Jahr in New York leben.

Auf dem Sprung nach New York: Thierry Gnahoré – Rapper unter dem Künstlernamen Nativ – bei einem Bier im Garten der Brasserie Lorraine.

Auf dem Sprung nach New York: Thierry Gnahoré – Rapper unter dem Künstlernamen Nativ – bei einem Bier im Garten der Brasserie Lorraine.

(Bild: Urs Baumann)

Christoph Hämmann

Ursprünglich, roh, direkt. Die Bedeutungen von «nativ» passen zu Thierry Gnahoré und zur Musik, die er unter dem Namen Nativ macht. In seiner Muttersprache, Englisch «native tongue», rappt der 22-Jährige über sein Leben und benennt, was ihn stört an der Welt und der Gesellschaft.

Das Ergebnis: zwischen Steuerschulden und dem Wunsch nach Weltfrieden pendelnder berndeutscher Sprechgesang, der ein stetig grösseres Publikum findet.

«Ich bin auf dem Land auf­gewachsen», sagt Gnahoré bei einem Bier und meint Niederscherli. Dort brachte er sich als 6-Jähriger das Spiel auf der Djembe bei, einer afrikanischen Bechertrommel. Mit neun Jahren begann er Rap zu hören, mit elf schrieb er die ersten Reime, spielte Schlagzeug, machte Beats.

Sein Vater stammt aus der Elfenbeinküste und verliess die Familie früh, blieb aber in der Schweiz wohnhaft. «Ich bin musikalisch stark von Afrika beeinflusst», sagt Gnahoré, der den Kontinent schon einige Male bereist hat. Seine Hautfarbe thematisiert er in einem Song mit einem Zweizeiler, der klingt, als gäbe es nichts mehr hinzuzufügen: «Füdlibürger sind der Grund, wieso ich mich so schwarz fühle.»

«Füdlibürger sind der Grund, wieso ich mich so schwarz fühle.»Nativ

Ehrliche Musik ohne Zwang

Landesweit für Furore hat Gnahoré 2015 mit einem Fauxpas gesorgt (siehe Infokasten). «Es ist jetzt mal gut damit», sagt er. Er sei gerügt worden, und es sei über ein Jahr her. «Es gibt Interessanteres über mein Leben zu berichten.»

Sorgte für Wirbel: Gnahorés Selfie mit François Hollande. Bild: Keystone

Etwa, dass er in den letzten Monaten zwei Alben veröffentlicht hat, eins solo und eins mit seinem Kollegen Dawill. Zusammen nennen sie sich S.O.S – Saviours of Soul –, Erlöser der Seele. Zu S.O.S. gehören Produzent Questbeatz und ein Live-DJ, aber eigentlich sei das Ganze viel mehr als eine Musikgruppe. «S.O.S. ist Teil einer Gemeinschaft, die offen ist für alle, die aus der Welt einen besseren Ort machen möchten.»

Die Alben sind im Internet gratis erhältlich. «Wir wollen den Leuten etwas geben, nicht nehmen», sagt Gnahoré, wohl wissend, dass mit Plattenverkäufen kaum mehr Geld zu machen ist. Man glaubt ihm, wenn er sagt, dass es beim Musikmachen bisher nie ums Geld gegangen sei, dass er und seine Leute «ehrliche und dreckige» Musik machen wollten, «voller Leidenschaft und ohne jeden Zwang».

Musik auch, die von Kommerzradios nie gespielt werden wird. Dafür werden die Bühnen grösser, auf denen sie spielen, die Jugendsender Joiz und Virus luden ins Studio. Wo das hinführe? Er glaube, dass das Leben schon geschrieben sei. Derzeit sei sein Traum, Musiker zu sein, aber er wisse nicht, ob das in fünf Jahren noch gleich sei.

«Candomblé» ist einer der beliebtesten «S.O.S.»-Songs. Der Videoclip wurde von Filmer Tim Dürig produziert. Video: Youtube/S.O.S. Saviours of Soul

Von Ost- zu Elfenbeinküste

Für 2017 hat Gnahoré konkrete Pläne. Er und der Film- und Videoschaffende Tim Dürig erhielten das New-York-Stipendium und werden dort von Februar bis Juli das Atelier der Stadt Bern bewohnen. Die amerikanische Ostküste sei die Gegend, deren Rap den seinen mehr als alles andere geprägt habe, sagt er.

«Ich reiste schon einmal nach New York und war vom Spirit und Schaffensdurst der Musikszene tief beeindruckt.» Davon will er sich anstecken lassen, sich austauschen, sich weiterentwickeln und her­auszufinden versuchen, welchen Einfluss die Umgebung auf die Musik hat. Vor allem Letzterem wird er sich mit Co-Stipendiat Dürig annehmen, der auch schon Videos zu seinen Songs gedreht hat.

«Ich reiste schon einmal nach New York und war vom Spirit und Schaffensdurst der Musikszene tief beeindruckt.»Thierry Gnahoré

Vielleicht wird er auch von dort aus mal seinen Halbbruder in der Elfenbeinküste anrufen. Er tue dies manchmal, rappt er in einem Song, wenn er «asoziale Erste-Welt-Gedanken» habe. Wenn ihm der Halbbruder von einem Mord in der Nachbarschaft erzähle, dann wisse er wieder: «Ich darf mich nicht beklagen.»

S.O.S.-Konzert: Heute Montag, Sol-Stage auf der Schützenmatte, ab 20 Uhr.

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