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Ein Time-out für schwierige Schüler

Im Schulzentrum Worbboden gibt es eine sogenannte Time-out-Klasse für Problemschüler. Jugendliche mit Schulschwierigkeiten aus Worb und sechs Nachbar­gemeinden versuchen dort, in der Schule und im Leben wieder Tritt zu fassen.

In der Spezialklasse: Lehrer Michael Birnstiel mit seinen Jungs bei einem Gruppengespräch.
In der Spezialklasse: Lehrer Michael Birnstiel mit seinen Jungs bei einem Gruppengespräch.
Urs Baumann

Die Situation im Klassenzimmer scheint nicht ungewöhnlich. Es sitzen zwar nur sechs Jugend­liche einzeln an einem Pult, doch die Atmosphäre ist ruhig und gesittet. «Geht doch zu unserem Gast und begrüsst ihn», sagt Lehrer Michael Birnstiel. Artig erhebt sich ein Knabe nach dem andern, streckt die Hand hin und nennt seinen Namen.

Die höfliche Haltung der Schüler zeigt aber nur eine ihrer Seiten. Denn alle besuchen diese Klasse, weil sie im normalen Unterricht Schwierigkeiten gemacht haben. Weil sie störten, nicht lernten oder sich aggressiv verhielten. «Time­-out-Klasse» steht neben der Zimmertür. Wer dort ein und aus geht, ist «verhaltensauffällig» oder steckt in einer schulischen Krise.

Schläge und schlechte Noten

«Ich konnte mich schlecht kon­trollieren», begründet Diego* (14), warum er hier ist. Er sei rasch wütend geworden. «Einmal habe ich ein Kind meiner Klasse im Streit verletzt.» Lucca * (13) erzählt, er sei nicht motiviert gewesen zu lernen und könne sich nicht gut organisieren.

Jonas * (15) nimmt zum zweiten Mal ein Time-out: «Ich hatte Mühe mit der Konzentration. Und schlechte Noten», sagt er. Als er wieder in seiner Klasse war, musste er bald von der Sek in eine Realklasse wechseln, und seine Probleme begannen erneut.

«Einmal habe ich ein Kind meiner Klasse im Streit verletzt.»

Schüler der Timeout-Klasse

Die jetzige Gruppe sei recht schwierig, sagt Michael Birnstiel. Der 40-Jährige muss es wissen, er betreut die Spezialklasse mit wechselnder Kundschaft schon seit zehn Jahren. «Unter den Jungs kann es schnell explosiv werden. Konflikte gibt es, das gehört dazu, aber daraus können sie lernen.»

Neben dem ordentlichen Unterricht lehrt Birnstiel sie, über ihr Verhalten nachzudenken, sich mit ihren Gefühlen zu beschäftigen. «Sie müssen erkennen: Wer bin ich? Was kann ich gut, was nicht? Wie reagiere ich?» Er selbst habe eine Coachfunktion. «Wir können hier innehalten und über Emotionales reden. Das ist in einer Regelklasse viel schwieriger.»

Training im Boxkeller

Dem Time-out-Lehrer kommt dabei sein Hobby zugut. Birnstiel boxt seit seiner Jugend und ist Boxtrainer. Zwischendurch fährt er mit seinen Schülern – seltener sind es auch Schülerinnen – zum Boxkeller in Bern. «Dort spielen wir Situationen durch und besprechen, wie man darauf reagieren kann. Ob mit Wut, Angriff, Verteidigung, mit Sichverstecken oder aber damit, nach Lösungen zu suchen.»

Boxen sei eine Lebensschule, sagt er: «Etlichen, die hier waren, hat es geholfen, ihren Weg zu finden.» Birnstiel streitet nicht ab, dass ihm sein Boxstatus bei seinen Knaben Achtung verschafft.

Mittlerweile präsentieren die Jugendlichen ihren Mitschülern, welche Wege nach der Schulzeit möglich sind: Berufslehre, Brückenangebote, Vorlehre, Berufsmatur, Motivationssemester. Die Kurzvorträge fallen unterschiedlich aus. Die meisten Schüler lesen vom Blatt ab, zeigen an der Wandtafel auf ihre Stichworte. Einer gesteht aber, sich nicht vorbereitet zu haben. Birnstiel reagiert ruhig, aber bestimmt: «Bis Montag hast du das erledigt.»

«Ich kann hier viel lernen»

Jeder Schüler kann nur eine begrenzte Zeit in der Time-out-Klasse bleiben, maximal zwölf Wochen. Dort einzutreten, sei «Scheisse» gewesen, sagen mehrere Jugendliche. Nach kurzer Zeit haben sie sich aber eingelebt. «Mir gefällt es, ich kann hier viel lernen», sagt Wilson * (16).

Die Schüler seien erwachsen. «In meiner richtigen Klasse sind es noch Kinder.» Placido * (14) erzählt, im Time-­out könne er sich besser konzentrieren, «es ist nicht so stressig». Auf die Frage, was hier positiv sei, antwortet Marco * (14): «Dass ich meinen Klassenlehrer nicht sehe.»

«Mir gefällt es, ich kann hier viel lernen.»

Schüler der Timeout-Klasse

Michael Birnstiel attestiert den meisten eine Verbesserung ihres Verhaltens. Sie seien weniger aggressiv und hätten sich mehr im Griff. Ein Schüler sagt: «Jetzt habe ich Ordnung im Kopf.» Je nach Entwicklungsstand kann ein Schüler wieder stundenweise in seine Klasse gehen, bevor er ganz zurückwechselt.

«Die Time-out-Klasse ist ein Erfolgsmodell», sagt der für die Worber Schulen zuständige Gemeinderat Christoph Moser (SP), Es sei die letzte Massnahme vor einem Schulausschluss. Einfach ist der Eintritt eines Schülers nicht. Ein längeres Prozedere mit Anträgen und Gesprächen ist erforderlich. Eltern und Schüler müssen mit dem Klassenbesuch einverstanden sein.

Das Angebot betreibt Worb zusammen mit Münsingen, Bolligen, Stettlen, Vechigen, Biglen und Grosshöchstetten. Nur so kommen genug Schüler für eine Klasse zusammen. Laut Schulleiter Oliver Rüesch erhält die Schule «gute Rückmeldungen» von den Lehrkräften der Timeout-Schüler. Und: «Es gab noch nie Eltern, die einen Abbruch verlangten.» Rüesch betont, den betroffenen Jugendlichen tue es gut, einmal durchzuatmen. Aber: «Ziel ist, sie wieder in die Regelklasse einzugliedern.» Geklappt hat dies in all den Jahren fast bei allen.

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