Freimaurer wollen Licht ins Dunkel bringen

Seit 300 Jahren ranken sich um die Freimaurer Verschwörungstheorien. In Bern wollen die Schweizer Logen mit einem Museum eine Transparenzoffensive starten.

ImageCaption. Foto: Fotograf Winkelformen und Blautöne dominieren im Freimaurer-Museum. Ort der Reflexion: Manfred Vollenwyder in der «Kammer des stillen Nachdenkens».

ImageCaption. Foto: Fotograf Winkelformen und Blautöne dominieren im Freimaurer-Museum. Ort der Reflexion: Manfred Vollenwyder in der «Kammer des stillen Nachdenkens».

(Bild: Raphael Moser)

Michael Bucher@MichuBucher

Am äusseren Rand des Wittigkofenquartiers mit seinen Plattenbauten sticht das vierstöckige Gebäude mit seiner hellblauen Glasfassade ins Auge. An der Fassade prangen Winkelmass und Zirkel. Es ist das Logo jener geheimnisumwobenen Gemeinschaft, um die sich massenhaft Mythen und Verschwörungstheorien ranken. Hier also – mitten in einem Wohnquartier im Osten Berns – sind die Schweizer Freimaurer mit ihrer Kanzlei und einem eigenen Museum domiziliert.

Im Innern des Kubus gibt Manfred Vollenwyder dem illustren Geheimbund ein Gesicht. Der selbstständige Architekt aus Etzelkofen ist seit 13 Jahren Mitglied der Berner Loge zur Hoffnung. Der 55-jährige Familienvater von vier Kindern trägt Jeans und Veston. Die Haare sind kurz, der Händedruck einladend, das Lachen ansteckend. Das Auftreten wirkt in seiner Normalität schon fast künstlich.

Ist das echt oder schon Teil einer gewieften Selbstdarstellung? Vollenwyder lacht und versichert: «Ich bin ein ganz normaler Mensch.» Diese banale Erkenntnis sei ja mitunter ein Grund für die Transparenzoffensive. Denn ab nächster Woche machen die hiesigen Freimaurer das zuvor private Museum für die Öffentlichkeit zugänglich. Am Samstag findet die feierliche Eröffnung statt – inklusive Ansprache des Berner Stadtpräsidenten. «Wir wollen der Gesellschaft zeigen, dass wir keinesfalls weltfremde Typen sind», begründet Vollenwyder den wohlüberlegten Schritt in die Öffentlichkeit.

Allgegenwärtige Symbolik

Das auf einer eher kleinen Fläche von 300 m² gehaltene Museum gewährt Einblicke in die Historie, die Rituale und die Symbolik der Freimaurer. Die Ursprünge in den Steinmetzbruderschaften werden ebenso ergründet wie die zahlreichen Insignien der Zusammengehörigkeit.

Dazu gehören etwa die Schürzen und Abzeichen, die den Status seines Trägers verraten und die an den im Verborgenen stattfindenden Treffen getragen werden. Eine Tafelrunde wird gezeigt, die verzierten Gläser sind präzise auf einem blauen Stoffband platziert. Sogar das gemeinsame Tafeln läuft hier nach vorgeschriebenem Muster ab.

Winkelformen und Blautöne dominieren im Freimaurer-Museum. Bild: Raphael Moser

Der Hang zur Symbolik ist allgegenwärtig, auch ausserhalb der ausgestellten Exponate. Die für Freimaurer zentrale Farbe Blau etwa ziert nicht nur die Fassade des Gebäudes, auch im Museum liefert sie an Decke und Boden den Grundton. Rechtwinklige Formen sind überall im Raum anzutreffen.

Der rechte Winkel sei einerseits beim Bauen wichtig, bei den Freimaurern stehe er ausserdem für Rechtschaffenheit, erklärt Manfred Vollenwyder. Sogar die Gebäudeform ist mit Symbolik befrachtet: «Ein Kubus kann in ein Mauerwerk eingefügt werden», führt der Architekt des Museums aus. So sehen sich auch die Freimaurer. «Wir sind Teil der Gesellschaft und keine Elite», so Vollenwyder weiter.

Kolportierte Verschwörung

Seit Beginn haftet den Freimaurern etwas Bedrohliches an. Die Symbolik, die quasireligiösen Rituale, die geheimen Bräuche – das alles ist ein fruchtbarer Nährboden, auf dem Verschwörungstheorien gedeihen. Die Organisation ziehe angeblich im Versteckten die Fäden, strebe den Sturz aller Autoritäten und sogar die Weltherrschaft an, heisst es. Schriftsteller wie Dan Brown («Das verlorene Symbol») kolportieren diesen Mythos zum Teil in ihren Büchern.

Oder da wäre etwa die häufig weitererzählte Geschichte, wonach sich Freimaurer untereinander dreimal Hilfe in Not anbieten. Kommt eine neuerliche Notlage hinzu, erhält der Betroffene eine Patrone zugeschickt, mit er er sich selbst richten muss. Manfred Vollenwyder verbannt solche Geschichten ins Reich der Märchen.

Nichtsdestotrotz, die Verschwörungstheorie um einen geheimen Machtzirkel kommt nicht von ungefähr. So waren doch nebst Dichtern und Denkern (Goethe, Schiller, Voltaire) auch auffällig viele Staatsmänner Mitglied einer Freimaurerloge. Winston Churchill etwa oder eine ganze Reihe US-Präsidenten wie Washington, Monroe, Johnson, Roosevelt (Theodore und Franklin D.).

Auch drei der sieben ersten Bundesräte der Schweiz, alle Freisinnige, waren Freimaurer. Das allsehende Auge, mitunter ein Symbol der Freimaurer, prangt auf der Rückseite der 1-Dollar-Note. Und Mozart, einst bekennender Freimaurer, arrangierte seine «Zauberflöte» mit massenhaft Symbolik der Freimaurer.

Ausgeschlossene Frauen

Vollenwyder, ausgestattet mit dem Grad des Meisters, macht kein Geheimnis aus seiner Mitgliedschaft. «Familie und Freunde wissen darüber Bescheid», sagt er. Untersagt sind ihm einzig: Rituale bei der sogenannten Tempelarbeit auszuplaudern und andere Mitglieder zu outen. Letztere erkennt er übrigens überall – stillschweigend, wie er sagt. Wie bitte? «Bei Gesprächen in der Menge sind es Handlungen oder Gesten, mit denen sich Freimaurer untereinander zu erkennen geben», sagt Vollenwyder. Wie diese aussehen, will er natürlich nicht verraten.

Wie kommt man in eine solch verschworene Gemeinschaft? Fest steht: Man muss sich quasi dazu berufen fühlen. «Wir werben keine Mitglieder an, wir nehmen lediglich Suchende auf», erklärt Vollenwyder. Nach ihrem Selbstverständnis vereint die Freimaurerei Menschen aller sozialen Schichten, Bildungsgrade und Glaubensvorstellungen. Doch vor einer wichtigen gesellschaftlichen Gruppe macht die freimaurerische Toleranz halt: den Frauen. Diesen Widerspruch kann auch Vollenwyder nicht wegdiskutieren. Zwar gibt es sehr wohl Frauenlogen, in der Schweiz sind es 20, eine Vertretung in der übergeordneten Grossloge bleibt ihnen jedoch verwehrt.

«Männer sind nicht gleich, wenn Frauen dabei sind», scheut sich Freimaurer Vollenwyder nicht zu sagen. Auch er ist der Überzeugung, dass bei der brüderlichen Tempelarbeit keine Frauen zugegen sein sollten. Er macht sich jedoch stark für einen besseren Austausch mit den Frauenlogen. Das sei mit ein Grund, warum er sich einen kritischen Freimaurer nennt.

Ethische Selbstreflexion

Am Ende des Rundganges steht eine abgedunkelte Kammer. Wenn ein Aspirant das rund ein Jahr andauernde Aufnahmeprozedere abgeschlossen hat, wartet hier eine letzte Probe. Während rund eineinhalb Stunden sitzt er in der «Kammer des stillen Nachdenkens», wie sie genannt wird. Auf dem Pult blickt einen – quasi als Memento mori – ein Totenschädel an.

Auf einem Blatt gibt es drei existenzielle Fragen zu beantworten, die im Anschluss der Versammlung vor Ort laut vorgelesen werden. Danach erfolgt die Abstimmung der Logenmitglieder zur definitiven Aufnahme.

«Erkenne dich selbst» steht auf einem Spiegel in der dunklen Kammer. Nach Manfred Vollenwyder ist es ein Satz, der das Wesen der Freimaurerei auf den Punkt bringe. Wer bin ich, und was kann ich bewirken? Darum gehe es. Die Freimaurer als ein Männerbund, in dem es verpönt ist, über Politik und den eigenen beruflichen Status zu reden, wo man sich zu ethischer Selbstreflexion trifft. Dieses Bild soll nach aussen transportiert werden.

Was bleibt am Ende des Rundgangs? Wohldosiert versuchen die Freimaurer etwas Licht in ihre Dunkelkammer zu bringen. Der geheimnisumwobene Nimbus, von dem der Verein seit je umgeben wird, soll dabei aber bewusst erhalten bleiben.

Mehr Infos über das Freimaurer-Museum Schweiz finden Sie hier: www.freimaurermuseum.ch

Berner Zeitung

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