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Gemeinderätin Olibet: ein gebremstes Energiebündel

Sozialdirektorin Edith Olibet ist dieses Jahr gebremst worden. Ein Beckenbruch behindert ihren persönlichen Bewegungsdrang, heftige Kritik an der Sozialhilfe schränkt ihre politische Bewegungsfreiheit ein.

Mit stoischem Gesichtsausdruck versucht Edith Olibet ihre Krücken zu positionieren und gleichzeitig ihre Tasche umzuhängen. Sie ächzt. «Es ist schon etwas umständlich, sich so fortzubewegen», sagt sie. «Ich bin kein sehr geduldiger Mensch.» Es klingt fast entschuldigend. Im August, in den Wanderferien in Saas Fee, hat sich Edith Olibet das Becken gebrochen. Seither muss sie an Krücken gehen. Sie lächelt, aber ihre Körpersprache signalisiert, dass sie die Einschränkung kribbelig macht.

Ausdauernd und zäh

Edith Olibet ist ein Mensch mit Bewegungsdrang. Zackigen Schrittes ist die Gemeinderätin der SP normalerweise in der Stadt unterwegs. In Turnschuhen und sportiv-modischem Outfit sieht man sie auf den Fotos ihrer Wahl-Homepage. Und wer die 56-Jährige einmal in Laufkleidung gesehen hat, zweifelt nicht daran, dass sie ausdauernd und zäh ist, wenn sie ein Ziel erreichen will. Ihr Ziel für den 30.November: Sie will als politische Chefin der Direktion Bildung, Soziales und Sport (BSS) vom Volk bestätigt werden.

Seit 2005 leitet Olibet die BSS. In den Gemeinderat wurde sie 2001 gewählt, nach acht Jahren als Stadträtin. «Ich habe 16 Jahre Rot-Grün-Mitte-Mehrheit mitgetragen», sagt sie. Sie findet, RGM habe in dieser Zeit gute Arbeit geleistet. «Bern ist eine prosperierende Stadt, aber wir haben Sorge getragen, dass es auch eine soziale Stadt ist.»

Früher mit Dauerwelle

Edith Olibet weiss, was sie will. Diesen Eindruck hinterlässt sie als Gemeinderätin. Es zeigt sich aber auch in alltäglichen Kleinigkeiten. «Edith will eine praktische Frisur», sagt ihre Coiffeuse Claudine Anken. Die beiden Frauen duzen sich. Edith Olibet lässt sich schon seit 20 Jahren von Claudine Anken frisieren. «Meine Frisur ist seit Jahren die gleiche», sagt Olibet, «nach einer kurzen Experimentierphase mit Dauerwellen.» Die beiden Frauen lachen. Dauerwellen? Es fällt einem in der Tat schwer, sich Edith Olibet mit verspielten Locken vorzustellen. Ihr klarer, fast akkurater Haarschnitt passt hingegen gut zu ihrem Typ.

Pflegeleicht die Frisur, pflegeleicht nicht unbedingt die Trägerin, wenn man Olibets Kritikern glauben will. Diese waren zahlreich, seit im Juli 2007 ein Missbrauchsfall in der städtischen Sozialhilfe zu einer Grundsatzdebatte über die Arbeit der Sozialdirektion geführt hat.

Ihr schwierigstes Jahr

«Ich habe in meiner bisherigen Amtszeit nie eine schwierigere Phase erlebt», sagt Edith Olibet. Vor allem die Angriffe auf ihre Person seien «kein Honigschlecken» gewesen. Während der Debatte im Stadtparlament sei «pickelhart auf die Frau gespielt» worden. «Ich finde es bedenklich, dass sich der Ton in den letzten Jahren allgemein verschärft hat.» Sie erzählt mit gelassener Stimme von ihren Erfahrungen. Es ist nicht herauszuhören, ob die Angriffe sie verletzt haben.

Dann leitet Edith Olibet geschickt von ihrer Person weg und zur Sache über – wie sie das im Laufe des Gesprächs noch öfter tut: «Eine funktionierende Sozialhilfe ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Gesellschaft. Sie sichert den sozialen Frieden.» Darum betone sie «immer und immer wieder», wie wichtig diese Einrichtung sei. «Menschen, die das Recht auf Hilfe haben, sollen sich auch trauen, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen.»

Stur oder führungsstark?

Kritiker warfen Edith Olibet vor, sie sei stur und gebe keine Fehler zu. «Im Kontrollsystem der Sozialhilfe besteht Handlungsbedarf», sagt sie. «Ich habe sofort meine Führungsverantwortung wahrgenommen, als Missstände bekannt geworden waren.» Eine «riesen Büetz» sei es gewesen, das Massnahmenpaket zur besseren Kontrolle in der Sozialhilfe umzusetzen – «neben dem Alltagsgeschäft». Natürlich sei es richtig, genau hinzuschauen und Missbrauch zu sanktionieren, betont sie. «Aber», und ihre Stimme wird lauter und eindringlicher, «wer ungerechtfertigt Sozialhilfe bezieht, wird an den Pranger gestellt, während Steuernhinterziehen fast ein Kavaliersdelikt ist.» Obschon Edith Olibet nun engagiert argumentiert, sitzt sie völlig ruhig auf dem Coiffeursessel. Claudine Anken schneidet die Kontur am Hinterkopf. Meistens, so sagt sie, rede sie mit Edith nicht über Politik. «Sie soll sich hier entspannen können.»

Statistik aus dem Stegreif

Edith Olibet wirkt entspannt, zitiert aber blitzschnell aus Studien zur Sozialhilfe, hat Zahlen und Fakten parat. Langenthal habe eine Sozialhilfequote von 6,4 Prozent, sagt sie. Bern lediglich 5,1 Prozent. «Aber weil wir ein Zentrum sind, werden wir an anderen Massstäben gemessen.»

Krimifan und Jasserin

Ist Edith Olibet immer Gemeinderätin, nie Privatperson? Sie lächelt. «Ich bin ein politischer Mensch. Ich mag die politische Diskussion.» Also ist sie immer im Amt? Wenn sie in die Ferien fahre, sagt sie, dann wolle sie «weit weg sein». Vor allem gedanklich. Ist sie in den Bergen, am Wandern und Klettern, mit ihrer Familie zusammen, beim Jassen oder Krimilesen schaltet sie ab. «Heilig» ist ihr auch der Sonntagabend, wenn sie den «Tatort» schaut. «Dann nehme ich das Telefon nicht ab.»

Dieses Jahr ist das Energiebündel Olibet gebremst worden. Was treibt sie trotzdem weiter an? «Mir sind die Menschen wichtig, alle Menschen. Darum führe ich auch die richtige Direktion», sagt sie. Sie wolle dazu beitragen, dass alle die gleichen Chancen bekämen. «Auch ein Kind aus einer sozial schlecht gestellten Familie soll eine gute Schulbildung bekommen, eine Lehrstelle finden.» 104 neue Lehrstellen habe sie in den letzten zwei Jahren mit dem Programm «Inizio» geschaffen, sagt Edith Olibet und ist nach einem kurzen Abstecher ins Private wieder ganz die bewegungsfreudige Gemeinderätin.

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