Grün – aber überzeugt von der Atomenergie

Mühleberg

Über vier Jahrzehnte arbeitete Peter Lüthy im Atomkraftwerk Mühleberg. Der überzeugte Befürworter der Atomenergie bedauert, dass das Werk stillgelegt und abgebrochen wird. Er würde einen Neubau begrüssen.

Peter Lüthy vor dem AKW Mühleberg, in dem er jahrzehntelang gearbeitet hat.

Peter Lüthy vor dem AKW Mühleberg, in dem er jahrzehntelang gearbeitet hat.

(Bild: Urs Baumann)

Seit acht Jahren ist Peter Lüthy pensioniert, nachdem er über vier Jahrzehnte im Atomkraftwerk Mühleberg gearbeitet hatte. Zusammen mit seiner Ehefrau Therese wohnt der 72-Jährige in der Siedlung Steinriesel, die Ende der Sechzigerjahre zeitgleich mit dem AKW gebaut wurde. Die Wohnungen werden mit einem Teil des Dampfes der Niederdruckturbine des Atomkraftwerks geheizt.

Unweit des Hauses sind Schrebergärten, auch Lüthy hatte einen. «Als ich aber mehrmals für längere Zeit in den USA war, hab ich den Garten abgegeben», sagt er in seinem Wohnzimmer, an dessen Wänden Bilder von New York hängen. Der Schichtelektriker und spätere Operateur war 1995 beim Bau des Simulators für das AKW Mühleberg in Columbia tätig. Nach dessen Inbetriebnahme konnten in Mühleberg Stör- und Notfälle trainiert werden. Das tat auch Lüthy, und bestand 21 so genannte Requalifikationsprüfungen.

Im AKW Mühleberg erlebte er indes nur eine einzige, «harmlose» Panne, wie Lüthy sagt: 1986, als Tschernobyl brannte, entwich wegen eines defekten Filters radioaktiver Staub in die Umgebung. «Vernachlässigbar» sei die Strahlung gewesen. «Die Grenzwerte wurden nicht überschritten. Aber wenn so ein Vorfall medial aufbereitet wird, wird das Vertrauen in die Kernenergie natürlich geschwächt.»

Er habe nie befürchtet, dass Mühleberg zum zweiten Tschernobyl werden könnte. «Vielleicht weil ich weiss, wie sicher es ist.» Der Unfall in Tschernobyl habe sich wegen eines Versuchs ereignet, der in Mühleberg niemals hätte durchgeführt werden dürfen, sagt Lüthy. Er sitzt auf dem cremefarbenen Ledersofa im Wohnzimmer. Nach einer Atempause sagt er etwas, das sich wie ein Glaubensbekenntnis anhört: «Ich bin grün und ein 100-prozentiger Befürworter der Kernenergie, weil sie die einzige Energie ist, die den Treibhauseffekt verhindert.»

Abschalten als Rückschritt für die Energiewende

Lüthy ist überzeugt, dass das für 2019 geplante Abschalten des AKW für die Energiewende einen Rückschritt bedeutet. Bis jetzt konnte erst rund ein Prozent der Energie ersetzt werden, die das AKW produziert. Wie sieht es mit Wind aus? «Dafür bräuchte es zwischen Genf und dem Bodensee eine Doppelreihe von Windrädern», sagt Lüthy. Und um den Atomstrom mit Photovoltaik zu kompensieren, würde eine Fläche so gross wie der Thunersee benötigt.

Deshalb werde die Schweiz Strom aus dem Ausland beziehen, wo er mit Braunkohle oder in Atomkraftwerken produziert werde, ist Lüthy überzeugt. Letztere seien eine grössere Gefahr als Mühleberg, glaubt er. Deshalb bedauert er, dass die Pläne für den Bau eines neuen AKW begraben wurden. «Schade. Es wäre genug hervorragendes Fachpersonal vorhanden.»

«Stilllegung ist politisch motiviert»

Als am 3. März das Abschalten des AKW bekannt gegeben wurde, war auch Regierungsrätin Barbara Egger (SP) zugegen. Sie sagte: «Wir wollen mittelfristig aus der Atomenergie aussteigen. Mit dem Stillegen von Mühleberg ist das erreicht.» Diese Aussage erachtet Lüthy als Beweis, dass das Abschalten politisch motiviert ist. «Beznau 1 ist älter, aber dort ist Stilllegen kein Thema.»

Geschichten von mutierten Insekten und vermehrten Krebserkrankungen in der Umgebung von Mühleberg seien «alle nicht belegt», sagt Lüthy. Und die Risse im Reaktormantel hätten keinerlei Auswirkungen, weil alles vollständig abgedichtet sei. 1986 liess sich der überzeugte AKW-Befürworter in Inseraten zitieren, posierte mit Bild: «Hätte ich Angst, so würde ich nicht dort arbeiten.»

Heute sagt er, seine Haltung sei immer noch unverändert. «Die Sicherheit wird so stark gewichtet, dass nichts passieren kann.» Sicherheit hat auch rund um das AKW viel Gewicht. Beim Fotoshooting vor der Kulisse des Atomkraftwerks kommen schon nach Minuten zwei Sicherheitsleute mit Hund vorbei und verlangen, dass sich der Fotograf und die Journalistin ausweisen. Per Handy erkundigen sie sich im Werk, ob Lüthy bekannt sei. Das ist er, obschon längst in Rente.

Den Lebensabend kann er dort verbringen, wo er seit Jahrzehnten wohnt. Sicher ist, dass die Siedlung 2019 eine neue Heizung kriegt. Ist das Werk stillgelegt, gibt es keinen Dampf mehr.

Berner Zeitung

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