Gurlitt: Kunstmuseum stellt sich seiner Verantwortung

Bern/München

In einem Interview äussert sich Marcel Brülhart, Vizepräsident der Dachstiftung des Kunstmuseums Bern, zum Rechtsstreit um das Gurlitt-Erbe.

«Wir kämpfen nicht um das Erbe, sondern stellen uns einer moralischen Verantwortung, die mit der Annahme verbunden ist», sagt Marcel Brülhart.

«Wir kämpfen nicht um das Erbe, sondern stellen uns einer moralischen Verantwortung, die mit der Annahme verbunden ist», sagt Marcel Brülhart.

(Bild: Urs Baumann)

Als das Kunstmuseum Bern den Nachlass von Cornelius Gurlitt annahm, trat es ein schwieriges Erbe an. Seit fast zwei Jahren läuft ein Rechtsstreit, Museumsprojekte und eine grosse Ausstellung müssen warten. Ein dpa-Gespräch mit Marcel Brülhart von der Dachstiftung.

Der Rechtsanwalt leitete die Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Bayern und dem Museum über den Umgang mit der Sammlung Gurlitt. Marcel Brülhart ist auch an dem Verfahren vor dem Oberlandesgericht München massgeblich beteiligt.

dpa: Bereut das Kunstmuseum Bern inzwischen, das Gurlitt-Erbe angetreten zu haben?
Brülhart: Nein, überhaupt nicht. Der Stiftungsrat hat damals eine Grundsatzentscheidung gefällt. Wir haben das Erbe angenommen, weil wir einen Beitrag leisten wollen zur Restitution von NS-Raubkunst, zur Provenienzforschung und zur Zugänglichmachung gegenüber der Öffentlichkeit, nicht zuletzt in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Bundesregierung. Wir kämpfen nicht um das Erbe, sondern stellen uns einer moralischen Verantwortung, die mit der Annahme verbunden ist. An dieser Haltung hat sich nichts geändert.

In erster Instanz wurde das Testament für gültig erklärt und auch vor dem OLG kam ein gerichtlich bestellter Gutachter zu dem Schluss, es sei rechtmässig. Was glauben Sie, zu welcher Entscheidung das Gericht letztendlich kommt?
Ich kann nur so viel sagen, dass man das Gericht seine Arbeit tun lassen sollte.

So wertvoll, wie zu Anfang der Affäre Gurlitt kolportiert, ist die Sammlung ja auch nicht...
Wenn man ehrlich ist, ist dieses Konvolut - von Ausnahmen abgesehen - tatsächlich nicht extrem wertvoll. Zumindest nicht in dem Umfang, wie ursprünglich kolportiert. Aber es ist unter anderem deshalb bedeutend, weil es in Museen in der Schweiz und auch in Deutschland die Provenienzforschung in Gang gebracht oder beschleunigt hat. Wir selber sind da auch gefordert und in der Schweiz hat sich seither einiges getan. Die Museen beginnen, ihre Bestände systematisch aufzuarbeiten.

Führen Sie die Entwicklung in der Schweiz darauf zurück, dass Bern und nicht ein deutsches Museum das Gurlitt-Erbe angetreten hat?
Die Diskussion in der Schweiz wäre sonst zumindest verzögert erfolgt. Das Thema Gurlitt hat in der Schweiz auch das Interesse der Politik geweckt und insofern schon den entscheidenden Kick gegeben, die Thematik anzugehen. Diskutiert wird nun endlich auch, wie eine zeitgemässe Auslegung der Washingtoner Erklärung aussehen müsste.

Das Museum hat eine Stelle zur Provenienzrecherche geschaffen für den Umgang mit der Sammlung, die seit nunmehr fast zwei Jahren brach liegt. Gibt es inzwischen auch finanzielle Einbussen?
Es ist so, dass es zwar Pläne gibt, wie man es machen würde, und dass es Spendenzusagen in insgesamt siebenstelliger Höhe gibt. Das ist alles blockiert, solange der Rechtsstreit nicht entschieden ist. Wenn wir obsiegen, fliesst dieses Geld in die Provenienzforschung Gurlitt.

Gibt es über die Geschichte der Sammlung hinaus überhaupt etwas, das das Kunstmuseum Bern an den Werken interessiert?
Ich denke, in unsere Sammlungen würden die Werke hervorragend reinpassen, weil wir in der klassischen Moderne sehr stark sind. Aber das Interessante ist und bleibt schon, wie sie zustande gekommen ist und welche Geschichten damit verbunden sind.

Eine geplante Doppel-Ausstellung in Bern und der Bundeskunsthalle in Bonn musste verschoben werden...
Ja, aber an den Plänen hat sich nichts geändert. Da laufen die Vorbereitungen weiter. Wir wollen nicht, dass die Öffentlichkeit noch länger warten muss, wenn die Entscheidung einmal da ist. Wir versuchen, möglichst weit zu kommen.

Wie soll die Ausstellung aussehen?
Das Konzept hat eher einen didaktischen Fokus. Man thematisiert den Umgang von totalitären Regimen mit Kunst und versucht zum Beispiel zu zeigen, wie es zur Begrifflichkeit der «Entarteten Kunst» kam, welche Biografien eine Rolle spielten, insbesondere welche jüdischen Sammler Opfer des Kunstraubs und des Holocaust wurden. Und wie geraubte Werke später wieder zurück in die Museen und privaten Sammlungen gelangten.

Und was soll nach der Ausstellung passieren?
Das ist noch völlig offen. Es ist ja auch offen, wie viel wir wirklich nehmen. Ich gehe schon davon aus, dass ein Teil der Werke zumindest als Leihgaben oder auch dauerhaft in Deutschland bleibt. Werke der «Entarteten Kunst» werden wir sicherlich grosszügig an deutsche Museen ausleihen und wenn die Werke in ihrer Provenienz nicht sauber sind, dann gilt nach wie vor, dass wir sie nicht übernehmen.

Auf jeden Fall sauber sind die Werke von Mitgliedern der Familie Gurlitt. Wie werden sie mit denen umgehen?
Das müssen wir mit der Familie besprechen.

Ist es aus Museumssicht nicht schade, dass inzwischen schon so viel Zeit verstrichen ist? Das ganz grosse Interesse am Fall Gurlitt scheint abgeflaut zu sein.
Das Interesse des Museums war es nie, das Erbe zu akzeptieren und dann mit der Präsentation der Werke Geld zu verdienen – im Gegenteil. Man überlegt sich ja sogar, ob man freien Eintritt in die geplanten Ausstellungen gewährt.

mb/sda

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