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Hemmungslos durch die Nacht

Sie kommen von überallher, und das seit beinahe zwanzig Jahren. Was treibt während fünf Wochenenden Tausende Leute in die alte Berner Festhalle?

Bewährtes Konzept in alter Halle: Blick auf das Barstreet-Festival mit seinen vierzig Bars. Auf dem Podest tanzen Mickey und Minnie Mouse.
Bewährtes Konzept in alter Halle: Blick auf das Barstreet-Festival mit seinen vierzig Bars. Auf dem Podest tanzen Mickey und Minnie Mouse.
Christian Pfander
Sie haben sich gefunden: Festbesucher und Panda-Dame.
Sie haben sich gefunden: Festbesucher und Panda-Dame.
Tobias Marti
Publikumsmagnet: Gegen Mitternacht ist Anstehen angesagt.
Publikumsmagnet: Gegen Mitternacht ist Anstehen angesagt.
Christian Pfander
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Wochenende für Wochenende spielt sich derzeit in Bern eine Riesenkiste ab – nur merkt es in der Stadt kaum jemand. Bis zu 6000 Menschen besuchen freitags und samstags das Barstreet-Festival.

Tausende Leute, die in der alten Festhalle auf dem Expo-Areal lachen und heulen, rumtrampeln und zechen, schreien und feiern – an fünf Wochenenden am Stück. Und sie kommen von überallher: aus der ganzen Region, aus Freiburg, der Romandie, dem Oberland.

Dabei hat sich seit knapp zwanzig Jahren am Konzept des Barstreet nicht viel verändert, von den technischen Neuerungen abgesehen: eine riesige Halle mit vierzig Mottobars, günstigem ­Alkohol und Volksfeststimmung. Und genau das dürfte das Erfolgsrezept sein. «Vielleicht sind die hiesigen Besucher weniger verwöhnt», sagt Adrian von Niederhäusern, Gründer und Organisator der Fete.

In Bern jedenfalls funktioniert noch, was andernorts längst passé ist. In Luzern machte das Barstreet rote Zahlen und musste 2014 die Segel streichen. Hier könnte allerdings in ein paar Jahren die geplante neue Festhalle das Aus bedeuten. Höchste Zeit, dem Anachronismus einen Besuch abzustatten.

«Es geht hier ums Saufen»

Zehn Uhr: Mani Matter würde von Hemmungen singen. Noch sitzen die Leute an der Bar und halten sich an ihren Getränken fest. Für die Animation sorgen andere: Ein Mann in abenteuerlicher Tracht stakst wie im Zirkus auf Stelzen durch die Gänge. In einem Käfig zeigen halb nackte Tänzerinnen mit Mickey-Mouse-Ohren ihre Verrenkungen.

«Klar, geht es hier ums Saufen.»

Festbesucherin Sina

Mitternacht:Zeit für die erste Runde in der Menschenmenge. Sina*, eine tüchtig geschminkte Blondine, bringt auf den Punkt, was viele nicht auszusprechen wagen: «Klar, geht es hier ums Saufen.»

Aber das Argument, man sei vor allem hier, um Bekannte zu treffen, töne halt einfach besser. Sie hat von «den Mädels» eine Memberkarte geschenkt bekommen. Damit kommt sie jedes Wochenende rein. Ihre Freundinnen hätten ihr damit einen Gefallen gemacht. Sie meint das ernst.

Ein Heimspiel für DJ Ötzi

Halb eins: Alvaro Soler, der Star des Abends, tritt auf. Der spanisch-deutsche Popsänger trällert seine Nummer-eins-Hits, aber er hat einen schweren Stand. Grosses Gedränge, viel Geschiebe vor der Bühne. Keine Chance, das Konzert angemessen zu würdigen. Aber niemanden scheint das zu kümmern. Zum Schluss geht sein Konzert in Luftballons auf. Zugaberufe folgen keine.

«Schalala», das Publikum grölt jetzt lieber einen Schlagerhit. DJ Ötzi mit seinem weissen Häkelkäppi grinst wissend von der Bühne. Eine Leinwand, so gross wie ein Tiroler Heuschober, kündigt dort oben für nächsten Freitag seinen Auftritt an. Es dürfte ein Heimspiel werden.

Eine Bierflasche zerbricht, der Boden klebt, ein Paar tanzt über die Scherben hinweg. Mit Mühe klettert ein junger Mann von einem massiven Tisch herunter, auf dem er zuvor noch den Hampelmann machte. Ein anderer Unseliger wird von seinem Anhang dazu gedrängt, den freien Platz einzunehmen. Über Schuhe stolpernd, geht es zurück an eine der vielen Bars.

Ein Uhr:Die Bar gehört Jörg Grossen, Wirt des Gasthofes Maygut in Kleinwabern und seit sieben Jahren Barbetreiber am Festival. Er schaut belustigt in Richtung Gedränge: Eigentlich sei es ja paradox, die Leute würden Eintritt bezahlen, um fürs Trinken nochmals bezahlen zu müssen. «Aber die Atmosphäre ist dafür halt schon toll.» Grossen hat gute Laune, seit heute ist er mit seiner Bar auf null. «Ab jetzt gehts vorwärts», sagt er. Und vier Abende kommen noch.

Halb zwei:Im Fumoir rauchen auch junge Leute einen Stumpen. Ein junger Mann – weil er noch fahren muss, einer der wenigen nüchternen – erklärt, dass es mit Alk schon «ringer» gehen würde. Eine Frau findet einen Ring auf dem Boden und begutachtet ihn interessiert. Einer trampelt aus unerfindlichen Gründen auf seiner Sonnenbrille herum.

Auch ausserhalb des Fumoirs ist die Luft zum Schneiden. Die Musik in der Festhalle ist beeindruckend laut. Es gibt nur noch wenig Platz, um rumzulaufen. Trotzdem – oder gerade deshalb – sind alle auf den Beinen. Die Leute drehen ihre Runden, wohin sie genau wollen, ist rätselhaft.

Die ersten Leute gehen

Zwei Uhr:Der erste Exodus setzt ein. Paar- und gruppenweise strömen die Leute zum Ausgang, viele sehen abgekämpft aus. Ein Trunkenbold wird von seinen Strohhutfreunden herausgeschleift. Schauderhaftes Delirium. Seine Beine schlenkern über den Boden, als er im Tunnel verschwindet, der ins Freie führt. Auch der Stelzenmann ist weg, wohl aus ­Sicherheitsgründen.

Halb drei: Allgemeine Auflösungserscheinungen bei Mensch und Infrastruktur. Auf der Herrentoilette straucheln sie auf dem seifigen Boden. Was wäre bei einem Sturz schlimmer, der Aufprall oder das Bad in der Kloake? Eine junge Frau warnt ihre Freundin vor der WC-Kabine hinten links. Da habe jemand zum Znacht Rüebli gegessen.

In der Halle tragen Männer ihre Begleiterinnen auf den Schultern. Der Boden ist nun überall klebrig. Auf der Bühne tanzen und krakeelen sie ein Mitmachlied aus den Neunzigern. Ein Mann, offenbar orientierungslos, trägt unter dem Jackett nichts weiter als seine Wampe.

Zerfall überall

Drei Uhr: Manche halten die Drinks mit beiden Händen, um sie sich reinzuschütten. Andere dösen bereits. Der Sitznachbar zündet sich eine Zigarette an. Die Security – trotz der Sauferei gab es bisher nicht die geringsten Anzeichen eines Krawalls – ist sofort zur Stelle: «Rauchen verboten!» Fünf Minuten später zündet sich der Nachbar wieder eine an.

Während zwei Frauen eine eindeutige Tanzeinlage vor dem Tresen abziehen, schwadroniert der Barmann über seine Eroberungen. Vis-à-vis klammert sich ein Mann an einen Plüschpanda. Und die, die noch können, singen «W. Nuss vo Bümpliz» von Patent Ochsner. Die Band weigert sich übrigens seit Jahren beharrlich, am Barstreet aufzutreten.

Halb vier:Tessla Radziejewski hat eine Mission. Wenn das Licht angeht, muss sie schnell sein. Bevor die Wischmannschaft anrückt, bleiben ihr zehn Minuten für ihre «Barstreet-Runde». Die Zwanzigjährige aus Bern sucht den Boden nach Bargeld ab. Lukrativ sei der Bereich vor dem Tresen, wo den Betrunkenen beim Bezahlen gerne was runterfalle. Stolz zeigt sie zum Beweis auf dem Telefon ein Bild von sich samt 100er-Note.

Kurz vor vier Uhr:Gölä ertönt, das Licht geht an.

* Name der Redaktion bekannt.

Das Barstreet-Festival findet noch 3. und 4.2. sowie am 10. und 11.2. statt.

Weitere Infos unter www.barstreet.ch

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