Bern

Herzspezialisten wollen Thierry Carrel nicht als Chef

BernDie Ärzte in der Herzklinik des Berner Privatspitals Beau-Site sind aufgebracht. Grund dafür ist der Berner Starchirurg Thierry Carrel. Dieser soll ­zusätzlich zu seinen Aufgaben am Inselspital im Teilzeitamt Leiter der Herzklinik im Beau-Site werden.

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Die Privatklinik Beau-Site gehört zu den noblen Adressen in der Stadt Bern. Sie liegt neben dem Kursaal am Aarehang. Die Patienten haben eine wunderbare Sicht auf die Altstadt und die Alpen. Auch für die Ärzte ist die Klinik eine gute Adresse. Vor allem die Herzchirurgie hat einen hervorragenden Ruf. Doch in den Gängen brodelt es.

Am Anfang der Geschichte steht die anstehende Pensionierung des erfahrenen Herzchirurgen Franz Leupi. Die beiden verbleibenden Ärztekollegen wollten die Nachfolge für den 70-Jährigen aufgleisen und nahmen Kontakt mit einem renommierten Chirurgen auf, der an einem Wechsel ins Beau-Site sehr interessiert war. Der Vertrag war ­bereit zur Unterschrift.

Das Beau-Site gehört zur Spitalgruppe Hirslanden. Die Unternehmensspitze legte aber dann ihr Veto gegen die Anstellung des ausgewählten Arztes ein. Die Hirslanden-Spitze will den Abgang von Franz Leupi nutzen, um den Berner Starchirurgen Thierry Carrel als Teilzeitleiter der Herzklinik im Beau-Site zu installieren.

Seine bisherige Aufgabe als Leiter der Herzklinik im Inselspital soll Carrel indes behalten. Die «NZZ am Sonntag» hatte Anfang Mai über dieses Vorhaben berichtet. Hirslanden-Sprecher Claude Kaufmann will die Pläne nicht erläutern. Er sagt nur so viel: «Aktuell prüfen die Vertragspartner Optionen, um die Kooperation gegebenenfalls mit weiterem ­Leben zu füllen.»

«Aktuell prüfen die Vertragspartner Optionen, um die Kooperation zwischen dem Beau-Site und dem Inselspital mit weiterem Leben zu füllen.»Hirslanden-Sprecher Claude Kaufmann

Maulkorb für die Ärzte

Dieses Vorgehen stösst dem verbleibenden Team von Herzspezialisten des Beau-Site sauer auf. Diesem gehören zwei Herzchirurgen und rund zehn Kardiologen an. Die meisten von ihnen sind nicht bei Hirslanden angestellt, sondern arbeiten als Belegärzte. Das heisst, sie operieren auf eigene Rechnung und bezahlen dem Spital eine Gebühr für die Nutzung des Operationssaals.

Einige der Ärzte wollen verhindern, dass der 56-jährige Starchirurg Thierry Carrel ihnen vor die Nase gesetzt wird. Die Nerven liegen blank: Hirslanden hat allen Ärzten einen Maulkorb verpasst.

Bei diesem Machtpoker geht es um viel Geld. Die Beau-Site-Ärzte befürchten, dass Carrel viele Operationen im Beau-Site künftig selbst vornehmen wird oder von Ärzten aus seinem Inselspital-Team wird durchführen lassen. Oder Patienten ins Insel­spital verschieben wird. Bislang führte die Herz­klinik im Beau-Site jährlich rund 400 Operationen am offenen Herzen durch.

Das Lohngefälle

Den Belegärzten des Beau-Site könnten also lukrative Operationen entgehen. Sie befürchten deshalb Einkommenseinbussen. ­Allerdings auf hohem Niveau: Ein Herzchirurg kann an einer Privatklinik auf ein Einkommen von über einer halben Million kommen.

Zum Vergleich: Ein Herzchirurg ohne ­Kaderfunktion verdient am Inselspital zwischen 150 000 und 200 000 Franken. Dieses Lohngefälle ist ein wichtiger Grund für die Tatsache, dass die meisten Schweizer Herzchirurgen früher oder später an ein Privatspital wechseln.

Wie gross die Einkommens­einbussen für die Ärzte ausfallen könnten, lässt sich derzeit indes kaum ­abschätzen. Vieles wird davon abhängen, wie genau die Abrechnung der erbrachten Leistungen erfolgen wird. ­Dazu wollen weder das Inselspital noch die Hirslanden-Gruppe Auskunft ­geben.

Lose Kooperation seit 2011

Die Pläne für ein Zusammen­rücken der Herzkliniken des Inselspitals und des Beau-Site sind nicht neu. Bereits im September 2011 haben das Inselspital und die Hirslanden-Gruppe bekannt gegeben, dass sie ihre Kräfte bündeln wollen. Die Vereinbarung sah einen Erfahrungsaustausch, eine Vereinheitlichung der Standards und der Qualitätskontrolle vor.

Zudem erhielt das Inselspital die Möglichkeit, in den Forschungsprojekten auch Beau-Site-Patienten einzubeziehen. Damals betonten die Partnerinstitutionen aber, dass beide als «medizinische Leistungserbringer rechtlich selbstständig und eigenverantwortlich» bleiben. Die Ernennung eines gemeinsamen Chefs für beide Herzkliniken war noch kein Thema.

Das Modell Aarau

Die Hirslanden-Gruppe und das Inselspital haben bereits Erfahrung mit Thierry Carrel als Teilzeitchef in einer Privatklinik: Seit 2014 führen der Starchirurg und sein Kollege Lars Englberger die Herzchirurgie der Hirslanden-Klinik in Aarau. Englberger ist Standortleiter, und Carrel operiert etwa an einem Tag in der Woche in Aarau.

Auch hier nutzten beide Institutionen die Pensionierung eines leitenden Arztes, um die neue Führungsstruktur einzuführen. In Aarau gab es indes weniger ­Widerstand als jetzt im Beau-Site, weil die Klinik damals nicht sehr gut aufgestellt war.

Der Hintergrund

Das Inselspital und Thierry Carrel haben ein hohes Interesse an einer Zusammenarbeit mit Privatkliniken. So können der Starchirurg und seine Ärzte ihre Fallzahlen erhöhen. Das erlaubt es dem Team, zusätzlich an Routine zu gewinnen und Forschungs­projekte breiter abzustützen.

Bei dieser Geschichte ist auch die nationale Ebene wichtig: Es geht dem Inselspital darum, Bern als Standort eines national wichtigen Herzzentrums noch besser zu verankern. Denn das Inselspital steht in einem Konkurrenzkampf mit Zürich, Basel und Laus­anne. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.05.2017, 06:21 Uhr

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