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In der ehemaligen Möbelfabrik wächst jetzt Cannabis

Der ehemalige Rennfahrer Levin Amweg hat mit Partnern mehrere Millionen Franken in eine Indoor-Hanfanlage investiert. Auf 1'500 Quadratmetern wachsen bereits 18'000 Cannabispflanzen.

Levin Amweg begutachtet Cannabispflanzen in der neuen Indooranlage in Fraubrunnen. Er hat mit Partnern das Hanfunternehmen Cannerald gegründet, ein Joint Venture gewissermassen.
Levin Amweg begutachtet Cannabispflanzen in der neuen Indooranlage in Fraubrunnen. Er hat mit Partnern das Hanfunternehmen Cannerald gegründet, ein Joint Venture gewissermassen.
Christian Pfander

Auf dem Chefparkplatz steht ein ziemlich teurer Sportwagen von McLaren. Auch sonst hat Levin Amweg (24) schon einiges erreicht, wovon andere träumen. Er wurde Junioren-Schweizer-Meister im Kartsport, gewann Rennen mit grösseren Formel- und Sportwagen, verdiente Geld mit Kryptowährungen.

«Ich hatte Glück im Leben, aber es gab auch harte Rückschläge», sagt Amweg, der in Bremgarten bei Bern aufgewachsen ist. Jetzt hat er mit Freunden Millionen auftreiben können, um in Fraubrunnen eine topmoderne Cannabisfabrik aufzubauen.

Solange Hanfpflanzen angebaut und verarbeitet werden, die weniger als 1 Prozent des psychoaktiven THC enthalten, ist dies in der Schweiz seit 2016 legal. Bereits sind Hunderte Händler und Produzenten ins Geschäft mit dem nicht berauschenden CBD-Hanf eingestiegen. Amweg will mit seinen Partnern bei der letztes Jahr gegründeten Firma Cannerald das Geschäft aufmischen. Seine Vision ist, Europas grösster Produzent und Exporteur von Cannabis zu werden.

Vor der ehemaligen Möbelfabrik wächst Mais, drinnen legaler Hanf.
Vor der ehemaligen Möbelfabrik wächst Mais, drinnen legaler Hanf.

Cannabis statt Möbel

Wie, das erklärt er bei einem Rundgang in der Fabrik. Sie befindet sich im Gebäude der ehemaligen Möbelfabrik Fraubrunnen, die 2016 nach 104 Jahren schliessen musste. Das Gebäude stand seither zu einem grossen Teil leer. Cannerald mietet nun 1500 Quadratmeter für Büros, ein Labor und zwei Hallen, in denen Hanf wächst. Das Gebäude ist speziell gegen Einbruchdiebstahl gesichert. Es riecht schon im Eingang nach Cannabis.

Amweg führt in eine Halle, in der 9000 Cannabispflanzen in Reih und Glied stehen. Dies in zweistöckigen Regalen, gepflanzt in Steinwollblöcken, die über Schläuche mit Wasser und Nährstoffen gespeist werden. Die vielen LED-Lampen brennen aber gerade nicht. Es ist zwar 13 Uhr, doch für die Pflanzen in diesem Raum ist dunkle Nacht. Die Halle wird gekühlt und die Feuchtigkeit geregelt. In einer zweiten, identischen Halle nebenan ist gerade Tag.

«Mit dem Kiffen kann ich nichts anfangen.»

Levin Amweg, Hanfunternehmer und Co-Gründer von Cannerald

Das heisst, die Halle wird beleuchtet und mit der Abluft der Kühlgeräte aufgeheizt. «Mit diesem System von gegenläufigen Tag- und Nachtphasen können wir Energie sparen und gleichzeitig das Wachstum der Cannabispflanzen mit perfekten Bedingungen optimieren», erklärt Amweg.

Vor wenigen Tagen haben die Jungunternehmer die erste Ernte einfahren können. Bereits zweimal sei die Polizei hier gewesen und habe standardmässig kontrolliert, ob der THC-Grenzwert eingehalten werde. «Alles war in Ordnung», sagt Amweg. Joints rauchen sei übrigens nicht sein Ding: «Ich kann nichts mit dem Kiffen anfangen.» Im Motorsport wäre das wegen der Dopingtests auch nicht dringelegen.

Im Rennzirkus hatte Amweg reiche Leute kennen gelernt. Fredy Lienhard, selber ehemaliger erfolgreicher Rennfahrer und Chef des Bürosystem-Herstellers LO Lista Office, förderte den talentierten Kartfahrer und half mit, eine internationale Karriere im Motorsport zu finanzieren. Vom Vater konnte er viel lernen, was ein Geschäftsmann wissen und können muss. Der Vater hatte die ersten Navigationsgeräte mitentwickelt und für Nokia gearbeitet.

Unter LED-Lampen wachsen auf zweistöckigen Regalen total über 18000 Cannabispflanzen.
Unter LED-Lampen wachsen auf zweistöckigen Regalen total über 18000 Cannabispflanzen.

Scheitern ist ein Umweg

Aus dem Motorsport ist Levin Amweg aber brutal hinausgeworfen worden. Bei einem Rennen krachte er 2015 unverschuldet in ein anderes Auto, brach sich einen Lenden- und einen Brustwirbel. «Ich hatte Glück, bin ich jetzt nicht gelähmt», erzählt Amweg. Aber in einem einzigen Augenblick sei alles kaputtgegangen, was er sich aufgebaut hatte. «Es brauchte eine Zeit lang, bis ich das akzeptieren konnte, dann wollte ich etwas Neues aufbauen und selbstständig werden.» Mit einem eigenen Modelabel und anderen Start-ups ist er gescheitert. «Scheitern ist aber ein Umweg und keine Sackgasse zum Erfolg.»

«Sehr gut» ging es mit einem IT-Unternehmen weiter, das er mit dem Polen Maik Pietrowski und dem Deutschen Sascha Wäschle gründete. Sie spezialisierten sich auf Bitcoins. Die drei sind auch Co-Gründer von Cannerald. Mit Cannabis Geschäfte zu machen, daran dachte Levin Amweg zunächst zwar nicht. Aber sein Bruder Severin hat hier seine Leidenschaft gefunden, kennt sich in der CBD-Szene aus.

Er baute Hanf an, zuerst in einem Zelt, dann in einer ersten Indooranlage in Biel. Und Levin Amweg begann wegen seiner heftigen Rückenschmerzen nach dem Unfall, CBD zu konsumieren. Zuerst Tabletten, dann Tropfen von CBD-Öl. «Ich glaubte auch nicht an die Wirkung. Aber ich habe es getestet, und tatsächlich verschwanden meine Schmerzen, ich fühlte mich entspannt.»

Spezialisten, sogenannte Grower, kümmern sich um die Cannabiszucht. Foto: PD
Spezialisten, sogenannte Grower, kümmern sich um die Cannabiszucht. Foto: PD

Viele CBD-Hersteller in der Schweiz wüssten zwar, wie Hanf anbauen. «Sie scheitern aber mit dem Branding, der Vermarktung», sagt Amweg. Bei Cannerald investierten nun neben den Jungunternehmern selber weitere Kapitalgeber. Sie wollen vom Geschäft mit legalem Cannabis in der Schweiz profitieren respektive auf die Legalisierung in anderen Ländern spekulieren.

Noch grössere Projekte

So konnten die Hanfunternehmer in Fraubrunnen bereits mehrere Millionen investieren. Und sie treiben in England ein noch weit grösseres Projekt voran. Statt um 1'500 geht es hier um 5'200 Quadratmeter. Dies in Bunkeranlagen auf dem ehemaligen Militärflugplatz von Greenham Common im Westen von London. In einem ersten Schritt sollen dort 15'000 Pflanzen angebaut werden, später bis zu 112'000 Pflanzen, und zwar nicht mehr nur CBD-Hanf. Cannerald hat eine Bewilligung für Anbau und Verarbeitung von Cannabispflanzen mit einem THC-Gehalt von über 1 Prozent beantragt.

Ein drittes Projekt ist in Mazedonien im Bau, nämlich ein 20'000 Quadratmeter grosses Gewächshaus. Dies in Kooperation mit einem Lieferanten des Getränkeherstellers Red Bull, der einen CBD-haltigen Energydrink produzieren wolle. Cannerald wolle auch Pharmafirmen beliefern, damit verschiedenste Gruppen von den Vorzügen von Cannabis für die Gesundheit profitieren könnten, sagt Amweg. Dies auch von Fraubrunnen aus.

Vieles ist noch im Aufbau, und Cannerald sucht weitere Investoren, die vom Ertrag der Cannabispflanzen profitieren wollen. Man kann an den Erfolg glauben oder auch nicht. Levin Amweg verströmt Zuversicht. Sein Unternehmen beschäftigt bereits fünfzehn Personen, sieben davon als Cannabiszüchter in Fraubrunnen. Voraussichtlich braucht er bald sieben weitere sogenannte Grower für Anbau und Ernte. So ist Fraubrunnen vielleicht bald nicht mehr für Möbel, sondern für Cannabis bekannt.

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