In ihrem Laden spiegelten sich die Epochen

Gümligen

Fast 20 Jahre lang hat Rosita Lier in Gümligen einen Kostümverleih betrieben. Ihr Metier sei «eine Herzensangelegenheit», sagt sie. Nun will die 66-Jährige ihren Beruf an den Nagel hängen.

Riesiger Fundus von Kostümen: Rosita Lier stellt sich mit einem Barockkleid vor den grossen Spiegel. Im März schliesst die Ladenbesitzerin ihren Verleih in Gümligen.

Riesiger Fundus von Kostümen: Rosita Lier stellt sich mit einem Barockkleid vor den grossen Spiegel. Im März schliesst die Ladenbesitzerin ihren Verleih in Gümligen.

(Bild: Urs Baumann)

Lucia Probst

Sie steht mittendrin in ihrem Reich. Die dunklen Haare hochgesteckt, dunkelgrüner Pullover, dunkle Jeans – Rosita Lier, 66 Jahre alt. Um sie herum Kleiderständer voller Kostüme. Ihr Leben. Seit fast 20 Jahren betreibt sie in Gümligen einen Kostümverleih. Doch selbst hat sie sich in all den Jahren nur zweimal für einen Ball verkleidet. Jetzt will sie ihr Geschäft aufgeben. In ein paar Tagen beginnt der Liquidationsverkauf. Im März schliesst Lier definitiv.

Ein Minnie-Mouse-Kostüm hängt keck am Ende einer Kleiderstange. An der nächsten baumeln Dirndl und Lederhosen. Die Stange ganz hinten hat es Rosita Lier besonders angetan. Hier hängen die Barockkostüme. Rosita Liers Hände gleiten sanft und geschwind über die schweren Herrenjacken aus Polstermöbelstoff mit ihren prunkvollen Knöpfen und über die bauschigen Röcke in Pastellfarben. Klar, fürs Foto soll es eines dieser Kleider sein. Sie stellt sich damit vor den riesigen antiken Spiegel, der mitten in ihrem Laden hängt. Davor kann jedermann über einen roten Teppich flanieren.

Ein Schwert von 1824

Zum Beispiel als Pirat. Ein junger Mann steht an diesem Nachmittag bei Rosita Lier in der Umkleidekabine. Ein Profigamer aus Kanada. Für einen Werbespot braucht er ein Piratenkostüm. Noch fehlen ihm Schmuck und Säbel. Rosita Lier legt ihm ein paar schwere, lange Goldketten um den Hals. Und drückt ihm einen Säbel aus dem Jahr 1824 in die Hand. «Meine Arbeit ist megaspannend», findet sie. «Ich switche den ganzen Tag von einer Epoche in die andere.» Beratung sei das A und O. «Alleine sind die Leute überfordert.»

Drei Tage, ohne zu schlafen

Ganze Nächte hat sie an ihren Kostümen genäht – am längsten drei Tage aneinander, ohne zu schlafen. «Es hielt mich immer wahnsinnig wach, wenn ich mir zu viel vorgenommen hatte», erzählt Lier. Ihren Angestellten habe sie das nicht zumuten können. Gar manchen Kaffee habe sie mit den Securitas-Wächtern getrunken, die nachts in der Gegend unterwegs waren.

Schon als kleines Mädchen hat Rosita Lier ihrer Puppe und sich selbst Kleider genäht. Als ihre jüngste Tochter in einem Schultheater mitspielte, wurde es dann ernsthafter: Mutter Lier kümmerte sich um die Kostüme. Später, als sie im Berner Stadttheater auf ihr Mädchen wartete, hätten sie dort die Schneiderinnen kurzerhand um Hilfe gebeten, weil sie alle Hände voll zu tun hatten, erzählt Lier. «Als Erstes habe ich Baströckli geklebt.» 6 Jahre arbeitete Rosita Lier dann als Schneiderin am Stadttheater. Den Beruf erlernt hat sie nie. «Ich habe mir das alles selbst beigebracht.» Auch daheim begann sie zu nähen – bis alles überstellt war. Eines Tages habe ihr Mann sich kaum mehr freie Sicht aufs TV-Gerät verschaffen können. «Es war der Moment, als er fand, ich solle mir doch einen Laden suchen», sagt Rosita Lier.

«Nichts ist für ewig»

18 Jahre lang war Rosita Lier mit ihren Kostümen und allem Drum und Dran in Räumen von Giger-Café in Gümligen eingemietet. Erst vor ein paar Monaten zog sie ins alte Coop-Lokal neben der Post. 20 Lastwagen habe es für den Transport gebraucht, erzählt sie. «Es ist ein wunderbarer Ort, ich habe viel Publikum hier.» Von Anfang an sei aber klar gewesen, dass dies nur provisorisch sei. Nun wollen die Gemeindebetriebe das Lokal nutzen. «Das ist für mich in Ordnung», sagt Rosita Lier. «Ich bin auf der Zielgeraden.» Es sei für sie nun der Moment, in Pension zu gehen.

«Nichts ist für ewig.»

Leute zu verkleiden, hat auch viel mit Psychologie zu tun. «Kommt jemand rein, spüre ich sofort, ob die Person eher Königin oder Bettler sein will», sagt Rosita Lier. Sie merke auch rasch, wie stark sich jemand kostümieren will. Die Preise für die Kostüme waren bei ihr nie total fix. «Ich habe sie immer nach den Leuten gemacht», sagt Rosita Lier. Habe sie gespürt, dass jemand nicht viel bezahlen könne, sei es halt billiger gewesen. Auch mancher Theatergruppe habe sie so unter die Arme gegriffen.

«Ich bin im Innern reich», sagt sie. Ihr Metier sei «eine Herzensangelegenheit». Die Präsenzzeit sei gross, der Verdienst klein. «Ich liebe es, Leute zu verwandeln.» Nebst Kostümen hat sie dafür auch ganz viel Zubehör – alte Schirmchen, Schuhe, Hutnadeln, Fächer, Schmuck. «Ich bin eine Perfektionistin.» Wer ihr Haus verlasse, solle von der Fussspitze bis zum Scheitel komplett eingekleidet sein.

Smokings für Bundesräte

Dann sind da noch die Fracks und Smokings. Feinsäuberlich nach Grösse sortiert, hängen sie an den Kleiderbügeln. Nein, nicht nur Schüler haben für ihren Abschlussball bei Rosita Lier angeklopft, weil sie einen edlen Anzug brauchten. Auch Prominente. Lier erzählt davon, wie sich mehrmals Bundesräte für Anlässe korrekt von ihr einkleiden liessen. Wie sie ab und an im Hotel Bellevue in Bern einen schicken Smoking vorbeibringen musste. Oder vom Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken einen Anruf erhielt, weil ein prominenter Gast die passende Robe vergessen hatte. Das sei jeweils äusserst diskret vonstatten gegangen.

Fast unendlich scheint der Kleiderfundus von Rosita Lier. Wieso sie ihre Kostüme selbst nie anzieht? «Es ist wohl wie bei einem Confiseur», sinniert sie. «Der geht abends auch nicht heim und isst noch Süsses.»

Start Liquidationsverkauf: 21.Nov., 13 bis 18.30 Uhr, 22.Nov., 10 bis 15 Uhr, Füllerichstrasse 57, Gümligen

Berner Zeitung

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