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In seinem Land und doch nicht

Der Fall der Berliner Mauer vor genau zwanzig Jahren war für den früheren Ostberliner Peter Lüttig «der Wahnsinn». Der Liebe zuliebe kam er vor fünf Jahren hierher und geniesst heute öfter Berner Platte als Thüringer Klösse.

Mit Urlaubsgefühlen lebt und arbeitet Ex-DDR-Bürger Peter Lüttig  in Bern. Zu seinen Relikten zwanzig Jahre nach der Wende gehören der DDR-Pass, Sportabzeichen und ein Glas aus dem Palast der Republik.
Mit Urlaubsgefühlen lebt und arbeitet Ex-DDR-Bürger Peter Lüttig in Bern. Zu seinen Relikten zwanzig Jahre nach der Wende gehören der DDR-Pass, Sportabzeichen und ein Glas aus dem Palast der Republik.
Christoph Engler

Ein paar Relikte aus der alten Zeit hat er behalten, Peter Lüttig (56), ehemaliger DDR-Bürger aus Ostberlin. Zum Beispiel ein zierliches Sektglas aus dem Palast der Republik, darauf aufgemalt die fein geschwungenen Lettern «P» und «R». Oder seinen alten Reisepass, dessen blaue Hülle auch zwanzig Jahre später nicht verblasst ist. Seine liebsten Erinnerungsstücke sind Sportabzeichen. Als langjähriger Marathonläufer und Triathlet nahm er an zig Wettbewerben teil und holte sich Urkunden und Medaillen.

Im Stalinismus geboren

Zu den Läufern, die in der Nacht vom 9. auf den 10.November 1989 in Scharen zu den Grenzposten der Mauer zwischen Ost- und Westberlin eilten, um «drüben» im Westen freie Luft zu schnuppern, gehörte Peter Lüttig jedoch nicht. «Ich erfuhr davon im Fernsehen. Es dauerte eine Weile, bis ich, bis wir alle begriffen, was dieser Mauerfall wirklich bedeutete», erinnert er sich in seinem adretten Appartement im Breitenrainquartier. Verunsicherung folgte: «Ich war in meinem Land und doch nicht.»

Ja, er sei mitten im Stalinismus zur Welt gekommen, erzählt Lüttig. «Um in der DDR weiterzukommen, war neben der Schule auch die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ab der 8. Klasse Pflicht.» Dort habe man regelmässige Schulungen erhalten, um die «Kampfreserve der Partei» auf den richtigen Weg zu bringen. Eine «reine Heuchelei war das», sagt Lüttig heute dazu, damals wars normal. Das habe weder ihn noch seine Freunde davon abgehalten, Udo Lindenberg zu hören und Westfernsehen zu schauen. Mit der Perestroika in der Sowjetunion witterte Lüttig Chancen auf eine Veränderung.

Tango führte ihn nach Bern

Die Wende bedeutete für den studierten Elektroingenieur beruflich das Ende. Einst reiste er in andere sozialistische Länder, um DDR-Produkte wie Empfangsstationen für Wettersatelliten zu installieren. In den Folgejahren schaffte Lüttig dank guten Beziehungen den Anschluss. Erst führte ihn der Weg in die westliche Privatwirtschaft im Bereich Telekommunikation, später unterrichtete er Informatik. «Mein neues Leben war eine grosse Herausforderung,» erinnert er sich, «plötzlich musste ich mich selber organisieren, vorher hatte dies der Staat gemacht».

Halt für den Übergang gaben ihm der Sport und neue Freunde. «In den Jahren nach der Mauer entstand in Berlin-Lichtenberg ein Squash-House, das zwar offen für alle war, in dem aber vor allem Ossis teilnahmen», erzählt Lüttig. Jedes Jahr habe ein grosses Turnier stattgefunden mit zusätzlichen, skurrilen Disziplinen wie Bowlingweitwurf und Trabi-Schieben.

Sport, genauer gesagt ein Tangokurs im Osten Berlins, war es denn auch, der ihn vor fünf Jahren mit der Bernerin Nadja Leuenberger zusammenbrachte. Entscheidend für die Wahl von Bern als gemeinsamem Wohnsitz war letztlich ihr Job. Ein späterer Wohnungswechsel nach Berlin sei jedoch durchaus denkbar, so Lüttig.

Versteht 90 Prozent Dialekt

Vier Jahre lebt Peter Lüttig nun hier und unterrichtet unterdessen Berufsmaturanden, Handelsschüler und 10.-Klässler in Bern und Basel. «Mundart verstehe ich inzwischen zu 90 Prozent», sagt er mit einem Anflug von Stolz und fügt schmunzelnd bei: «Die anderen 10 Prozent wären jedoch manchmal entscheidend, um einen Witz zu verstehen.» Mit Texten von Polo Hofer, Patent Ochsner und Gölä kommt er klar.

Fondue nach DDR-Art

Beim Essen hat die Berner Platte einen festen Platz auf seiner Menükarte. Erheitert beschreibt er seine Erinnerung an das Käsefondue nach DDR-Art: «Statt Fendant hatten wir Gutedel, und unsere Käsesorten kamen nicht aus den Alpen. Beim ersten Mal entstand Pampe, beim zweiten Mal Kohle. Erst beim dritten Mal konnten wir es essen.»

Was ihm hier kulinarisch fehle, seien die Thüringer Klösse seiner Oma Milda. «Die kann niemand nachmachen, auch ich selber nicht.» Wohl aber erhältlich sind im Globus Spreewalder Gurken und Meerrettich. Ein altes DDR-Kochbuch hat er mitgebracht, das «Küchenbuch» vom Verlag für die Frau, «immer noch gut für einen feinen Bohnensalat». Für das Kochen von Schweizer Gerichten hat ihm eine Schulklasse kürzlich zum Abschied ein Kochbuch geschenkt, ergänzt mit persönlichen Bildern und Einträgen.

Peter und die 19 Geisslein

Wandern in den Alpen ist Peter Lüttigs neue sportliche Leidenschaft geworden. Mehr als einmal wurde es brenzlig, weil ihn die Abenteuerlust von den Wanderwegen weglockte. «Im Gantrisch folgte mir plötzlich einmal eine ganze Geissenschar. Sie blieb stehen, wenn ich stehen blieb, lief weiter, wenn ich weiterlief. Ich fühlte mich wie Peter und die 19 Geisslein.»

Mental sei er in Bern inzwischen gut angekommen, resümiert Peter Lüttig seine heutige Lebenssituation, «und doch lebe ich mit dem Gefühl, ich arbeite im Urlaub. Das verdanke ich wohl der Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau.»

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