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Kasperlitheater für Bildungsbürger

Der Theaterspaziergang von mes:arts ist leider nicht viel mehr als eine mit Musik untermalte und biederem Humor angereicherte Lesung.

Theaterspaziergang von mes:arts im Botanischen Garten.
Theaterspaziergang von mes:arts im Botanischen Garten.
mes:arts/PD

Eine Gruppe von Senioren sitzt im Botanischen Garten bei der Büste von Albrecht von Haller und wartet. Nein, nicht auf Godot, sondern auf die Schauspieler der Kompagnie mes:arts. Diese mischen sich schliesslich unter die Gruppe und geben sich als Cellistin Claudia Lindenthal (Trude Mészár) und Archivar Roman Berger (Michael Enzler) aus.

Als die Schauspieler angeblich nicht erscheinen, fordern die beiden das Publikum auf, ihnen zu folgen. Die Zuschauer sollen fortan unter blühenden Bäumen im Gras sitzen und Robert Walsers Texten lauschen. Das Stück «Robert Walser. Facetten eines grossen Schriftstellers» ist die neuste Produktion der Theaterkompa­gnie mes:arts rund um Regisseurin Christine Ahlborn und Produktionsleiter Matthias Zurbrügg.

Seit über elf Jahren ist die Truppe in verschiedenen Schweizer Städten tätig. Frühere Produktionen widmeten sie den Schriftstellern Hermann Hesse und Heinrich von Kleist. Robert Walser (1878–1956), der in Biel geborene Schriftsteller, der lange, einsame Spaziergänge liebte, eignet sich eigentlich hervorragend für einen «Theaterspaziergang».

Leider erweist sich das Stück von mes:arts als nicht viel mehr als eine musikalisch begleitete Lesung mit reichlich biederen Intermezzos. «Du, Ramon, ich hab Hunger», jammert Claudia und mampft daraufhin ein paar Darvidas, während Roman Walsers «Die Wurst» vorliest, in dem es um Begehren und Vergänglichkeit geht. Ein für Walser typischer Text, bei dem – von etwas Belanglosem ausgehend – etwas Existenzielles verhandelt wird.

Schwärmerische Oden

Schliesslich fragt Claudia: «Wie gehts jetzt weiter?» Roman antwortet: Mit Walsers «weiter». Claudia spielt bedrohliche Musik, während Ramon liest; frei ­rezitiert – was für Lebendigkeit gesorgt hätte – wird auf dem Rundgang leider keine einzige Passage. «Ich wollte stehen bleiben. Es trieb mich weiter», ertönt Enzlers Stimme, während eine Zuschauerin im Gras sitzend die Augen schliesst.

Immerhin: Walsers Texte kommen an. Gerade seine Oden an die Natur passen wunderbar in den Botanischen Garten, in dem Bäume blühen und Vögel zwitschern. «Wenn ich in den Himmel sah, glich ich einem Prinzen», schrieb Walser schwärmerisch. «Die Natur braucht sich nicht anzustrengen bedeutend zu sein. Sie ist es», verlieh er seiner Bewunderung für Fauna und Flora Ausdruck.

Das anfangs so bemüht wirkende Schauspielerpaar kommt schliesslich beim Seerosenteich doch noch in die Gänge. Mit «Tell in Prosa» gelingen den beiden lustige Momente. Sie spielt Bonanza, er wartet auf Gessler, während beide sich Regieanweisungen geben. Walsers Held ist mehr Denker als Henker. «Die Tat, die ich vorhabe, bedarf des Wahnsinns», räsoniert er. «Er ist schon erschossen. Durch Gedanken», analysiert er.

Abgeschlossen wird der Rundgang mit Schulmeisterei. «Von wann bis wann hat er in Bern gelebt?», fragt Claudia. Klar, dass Roman die Antworten auf vermeintlich naiv gestellte Fragen liefert. Kasperlitheater für Bildungsbürger. Man erfährt, dass Walser mausearm nach Bern kam und reichlich Alkohol trank.

Dass er sich töten wollte und seine Schwester ihn in der Waldau einliefern liess, wo er von 1929 bis 1933 einsass. Facetten hat dieser Schriftsteller wahrlich genug. Doch so brav vermittelt, verliert auch noch der romantischste Held sein Schillern.

Vorstellungen: bis zum 21. 9. im ­Botanischen Garten, Bern.www.mesarts.ch

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