Kompliziert statt einfach

Belp

Der Gemeinderat wollte beim Grüngut ein neues, einfacheres Gebührensystem einführen. Die Gemeinde­versammlung entschied sich für das alte, komplizierte.

Die Ent­sorgung eines nur halb vollen Containers kostet in Belp gleich viel wie diejenige eines vollgestopften Behälters.

Die Ent­sorgung eines nur halb vollen Containers kostet in Belp gleich viel wie diejenige eines vollgestopften Behälters.

(Bild: Johanna Bossart (Symbolbild))

Johannes Reichen

Grüngutsammler aus Belp müssen sich viele Gedanken machen. Wie gross soll der Container für das kompostierbare Material sein? Wie rasch wird er voll? In welchem Zeitraum soll er geleert werden? Denn die Ent­sorgung eines nur halb vollen Containers kostet gleich viel wie diejenige eines mit schwerem, fauligem Zeug vollgestopften Behälters.

Denn die Luft, die unter dem Deckel noch Platz hat, kostet auch.Dass die Gemeinde ein Gebührenreglement aufgestellt hat, das zwar differenziert, aber auch etwas unübersichtlich ist, macht die Sache nicht einfacher.

Wer beispielsweise einen 140-Liter-Container besitzt und ihn jede Woche geleert haben möchte, zahlt jährlich 111.60 Franken. Ein 240-Liter-Container, geleert von April bis Dezember, kostet 151.45 Franken. Bei 800 Litern von Oktober bis Dezember machts 179.35 Franken.

Neues System

Nun hätte die Ge­meinde die ganze Sache im Rahmen eines neuen Abfallregelements etwas ver­einfachen wollen. Und zwar so, dass es einfacher fast nicht geht: 16 Rappen pro Kilo, egal, in welcher Containergrösse, egal, in welchem Zeitraum, das war der Vorschlag. Egal, ob getrocknete Blumenstöcke oder Essensab­fälle.

Die Container wären mit einem Chip versehen und bei der Sammlung gewogen worden. Ein- oder zweimal im Jahr hätten die Grüngutsammler von der Gemeinde eine Rechnung erhalten.

In der Vernehmlassung hatten die Parteien keine Kritik an der neuen Regelung geübt. In der Summe hätten die Belper künftig etwa gleich viel für die Grüngut­sammlung bezahlt. Das neue System hätte nicht nur die Verwaltung entlastet. Es entspreche auch dem Verursacherprinzip, sagte Gemeinderat Jean-Michel With (SVP) am Donnerstagabend an der Gemeindeversammlung. Schliesslich bezahle auch die ­Gemeinde die Entsorgung des Grünguts nach Gewicht. Doch die Botschaft kam nicht an.

Nachbarstreit befürchtet

«Ich wohne in einer Siedlung mit vierzig Wohnungen», sagte ein Belper Bürger. Die Bewohner im Untergeschoss mähten den Rasen, während ­jene der oberen Stockwerke «nur ab und zu ein Grünkübeli» entsorgten. «Ich sehe da das Potenzial von Stürmereien.»

Rechtsanwältin Susanna Glatthart, die an der Versammlung als Expertin anwesend war, riet, die Sache über die Nebenkostenabrechnung zu regeln, doch das befriedigte den Mann keineswegs. Das rief wiederum Gemeinde­präsident Benjamin Marti (SVP) auf den Plan: «Ich spüre den Versuch, Probleme in der Siedlung auf die Gemeinde abzuwälzen.»

Ein anderer Belper sah durch das neue Reglement gleich seine wirtschaftliche Existenz gefährdet. Er habe einen grossen Rasen, bei dem aktuellen Wetter sei er gezwungen, den Rasen auch mal dann zu schneiden, wenn er nass sei. Ob die Gemeinde wirklich wolle, dass die Rasenbesitzer ihre Gärten nun zubetonieren müssten? «Geniessen Sie Ihren Rasen», entgegnete Gemeindepräsident Marti nur. «Nicht alle haben einen.»

Erfolgreicher Antrag

Ein weiterer Bürger stellte schliesslich den Antrag, die bisherige Regelung beizubehalten. Das neue System weise einige Ungerechtigkeiten auf. «Wenn man keine Verbesserungsmöglichkeit sieht, sollte man beim alten, bewährten System bleiben.» Widerspruch erhielt er nicht. Der Antrag war erfolgreich. 50 Per­sonen stimmten für das komplizierte System. Nur 35 Personen schlugen sich auf die Seite des ­Gemeinderats.

Die restlichen Bestimmungen des neuen Abfallreglements wurden genehmigt.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt