Lärmschutzwände stellen eine Hürde dar

Münsingen

Lärmschutzwände dämpfen die Zahl der Suizide zwar. Dennoch kam auf dem SBB-Gleis nahe des Psychiatriezentrums in Münsingen gerade wieder jemand ums Leben.

Vorn der Lärmschutz, hinten die Klinik: Dank der Wände kommt es zu weniger Suiziden.

Vorn der Lärmschutz, hinten die Klinik: Dank der Wände kommt es zu weniger Suiziden.

(Bild: Andreas Blatter)

Stephan Künzi

Einmal mehr ist es vor ein paar Tagen passiert. Auf der SBB-Linie von Bern nach Thun ging am Sonntagabend gar nichts mehr. In den Bahnhöfen erfuhren die Passagiere, dass die Strecke nach einem Personenunfall zwischen Rubigen und Münsingen unterbrochen sei. Doch als die Ersatzbusse später an der Unfallstelle vorbeifuhren, schauten etliche verdutzt auf: Wie konnte es an dieser Stelle überhaupt zu einem Unfall kommen?

Polizei und Rettungskräfte waren nahe beim Psychiatriezentrum Münsingen auf freier Strecke an der Arbeit, an einem Ort, an dem Passanten nicht einfach so hinkommen. Offenbar hatte sich hier jemand absichtlich vor den Zug gestellt, doch gleich stellte sich die zweite Frage: Wie das geht, wo doch die Strecke just zur Klinik hin mit Lärmschutzwänden versehen und damit höchstens über einen grossen Umweg zu erreichen ist?

Züge waren zu laut

Zum Unfallhergang äusserte sich gestern niemand. Zu gross ist die Sorge darüber, eine Debatte über Suizide vom Zaun zu reissen und Nachahmer auf den Plan zu rufen. Das Psychiatriezentrum äusserte sich nur zu den Lärmschutzwänden an sich: Sie hätten sich positiv ausgewirkt, erklärte Ingo Butzke als leitender Arzt. «Seit sie stehen, gibt es am Bahntrassee viel weniger Suizide.»

Konkrete Angaben hatte Butzke keine zur Hand. Die entsprechende Statistik werde erst ausgewertet, sagte er. Die Erfahrung zeige aber, dass sich jede zusätzliche Hürde dämpfend auf die Zahl der Fälle auswirke. Dies beobachte man auch bei Brücken, die mit Fangnetzen gesichert seien.

Vor zwei Jahren aufgebaut

Aufgebaut worden sind die Lärmschutzwände vor zwei Jahren auf Betreiben der Klinik. Allerdings argumentierte sie damals laut Gemeindepräsident Beat Moser (Grüne) mit dem Lärm. Sie wies darauf hin, dass sie als Spitalbetrieb tiefere Lärmgrenzwerte für sich in Anspruch nehmen kann.

Abklärungen ergaben, dass die Züge auch über das zwischen Klinik und Bahntrassee gelegene Feld hinweg tatsächlich noch zu laut sind. Dass die Wände dazu die Suizide erschweren, erscheint so nur als willkommener Nebeneffekt.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt