Longchamp performt Demokratie

Die Bürgermeister von Berlin und Wien sind zu Besuch in Bern. Stapi Alec von Graffenried überlässt sie auf einem Stadtrundgang dem Demokratie-Feuerwerk des Politologen Claude Longchamp.

Claude Longchamp fesselt die Stadtpräsidenten Michael Ludwig (Wien), Alec von Graffenried und Michael Müller (Berlin).

Claude Longchamp fesselt die Stadtpräsidenten Michael Ludwig (Wien), Alec von Graffenried und Michael Müller (Berlin).

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Jürg Steiner@Guegi

Ein bisschen versteht sich Alec von Graffenried auch als Aussenpolitiker. Und es ist sein erstes rot-rot-grünes Städtegipfeltreffen des deutschen Sprachraums, das er gestern Donnerstag und heute Freitag in Bern organisiert. Stadtpräsident von Graffenried (GFL) lud seine Amtskollegen aus Berlin und Wien, Michael Müller (SPD, Berufsbezeichnung: Bürgermeister) und Michael Ludwig (SPÖ, Berufsbezeichnung: Landeshauptmann), nach Bern ein. Neben dem Austausch zu den notorisch heissen Eisen städtischer Politik – Verkehr, Wohnbau, Migration – setzte er auch das Thema direkte Demokratie auf die Traktandenliste. Langweilige Theorie? Von Graffenrieds Antwort: eine tropisch intensive Stadtwanderung an der Sommerhitze.

Schon nach ein paar Schritten wurde klar, wie stark sich von Graffenrieds Job von demjenigen der Kollegen Müller und Ludwig unterscheidet. Vor allem, was die Bürgermitsprache angeht. Überspitzt gesagt: In Bern können von Graffenried und seine Regierung kaum einen Entscheid fällen, ohne dass man als Einwohnerin oder Einwohner der Stadt seinen Senf dazugeben könnte. In Wien und Berlin dagegen wissen Bürgerinnen und Bürger wenig darüber, was man mit Senf politisch anfangen könnte.

Longchamps Schnellzug

«Es stimmt», bestätigt Berlins Bürgermeister Michael Müller, als er sich kurz unter die schattigen Lauben der Münstergasse flüchtet, «wir haben erst vor rund zehn Jahren begonnen, auf Stadtebene die demokratische Mitsprache etwas zu erweitern.» Ihm sei hier in Bern einmal mehr klar geworden, wie viel Zeit der Ausbau der Demokratie brauche. «Zentral ist für mich, dass ein Vertrauensvorschuss wachsen kann», so Müller, «das grundsätzliche Vertrauen des Volks in die Regierung. Und das Vertrauen der Regierung, dass das Volk fähig ist, vernünftige Entscheide zu fällen.» Dieses Vertrauen in die Demokratie müsse man lernen. Lange lernen.

Dafür gibt es dicke Bücher. Es gibt Studiengänge. Oder es gibt Claude Longchamp. Der Politologe und Historiker, mit grauem Rucksack und Dächlikappe, ähnlich rot wie die Hosenträger von Wiens Landeshauptmann Ludwig, nahm die drei Stadtoberhäupter mit auf eine Führung vom Erlacherhof zum Bundeshaus. Was Longchamp bot, war eine Performance, mit der er auch als Spoken-Word-Artist durchgehen würde. An acht Standorten verwob er die Geschichte der Stadt Bern mit der schmerzhaften Entstehung der Schweizer Demokratie. Er redete mit der Eindringlichkeit eines Rappers, Passanten blieben mit aufgerissenen Augen und offenen Mündern stehen.

Longchamp redete mit der Eindringlichkeit eines Rappers, Passanten blieben mit aufgerissenen Augen und offenen Mündern stehen.

In Höchstgeschwindigkeit schlug Longchamp, praktisch alles aus dem Kopf, den Bogen von Stadtgründer Berchtold von Zähringen über die mächtige aristokratische Gesellschaft zum Distelzwang, den geköpften Revolutionär Samuel Henzi, die Hinterlassenschaft der Französischen Revolution, die Krise des Schweizer Konkordanzsystems bis zum Frauenstreik vor drei Wochen und seiner rekordhohen Mobilisierung.

Wo die Starre sitzt

Und ja, auch die Zuhörer aus den Weltstädten Wien und Berlin wirkten nicht so, als wären sie sich gewohnt, auf einem Stadtrundgang mit so viel intellektueller Inspiration versorgt zu werden. Niemand hätte wohl gestaunt, wenn sich Müller und Ludwig nach Abschluss des longchampschen Feuerwerks zur Abkühlung unter eine der – passend zur Anzahl Schweizer Kantone – 26 Wasserfontänen auf dem Bundesplatz gestellt hätte.

Es kam nicht so weit, und Michael Ludwig, der gemütlich wirkende Wiener, hatte aus Longchamps «für mich sehr interessanten» Überlegungen für sich einen glasklaren Gedanken formuliert.

Jede Demokratie habe ihre ureigene Geschichte, und deshalb könne man nicht Erfahrungen aus einer Stadt wie Bern eins zu eins übernehmen, sagte Ludwig. Die Schweiz kompensiere die systembedingte Starre in der parteipolitischen Zusammensetzung von Regierungen und Parlamenten mit mehr Bürgermitsprache. In Österreich sei mehr Bewegung in der Politik, deshalb sei die Bürgermitsprache weniger zentral. Er halte den Dialog mit Bern und Berlin für sehr anregend. «Manchmal», so Ludwig, «zeigt der Blick von aussen auch, dass es gar nicht so schlecht ist, wie man es selber macht.»

Berner Zeitung

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