«Wir wollen ein Lauffeuer zünden»

Bern soll zur Hauptstadt aktueller Kunst werden: Am Samstag startet mit «Connected Space»ein Langzeitprojekt, das Kunst an unerwartete Orte bringt. Projektleiterin Virginie Halter erklärt, weshalb.

Setzt auf Kunst im öffentlichen Raum: «Connected Space»- Programmleiterin Virginie Halter. Foto: Christian Pfander

Setzt auf Kunst im öffentlichen Raum: «Connected Space»- Programmleiterin Virginie Halter. Foto: Christian Pfander

Tina Uhlmann

Frau Halter, eben erst hat Thomas Hirschhorn auf dem Bahnhofplatz Biel seine Robert-Walser-Skulptur präsentiert, nun startet das Kunstprojekt «Connected Space» auf dem Bahnhofplatz Bern. Was macht Bahnhöfe so interessant fürdie Kunst?
Virginie Halter: Dass man da an andere Leute herankommt, an alle Leute. Wir hatten die Stadt ja ursprünglich für den Kornhausplatz angefragt, aber weil dort gebaut wird, bot man uns für das Eröffnungsfest am Samstag den Platz vor der Heiliggeistkirche an. Das ist natürlich super.

Warum findet Kunst immer häufiger im öffentlichen Raum statt?
Viele Kunstinitiativen haben gar keine eigenen, physischen Räume mehr, da bietet sich der öffentliche Raum an.

Sie selber veranstalten Kunst mit Vorliebe in zwischen­genutzten Räumen. Wasfasziniert Sie daran?
Dass solche Räume bezahlbar und strukturell niederschwellig sind, vor allem für junge, noch unbekannte Künstlerinnen und Künstler, die dort experimentieren können. Räume, die ursprünglich nicht für Kunst vorgesehen waren, befinden sich meist näher am Alltag der Menschen, sie sind also auch für das Publikum niederschwellig. Als Kunstvermittlerin ist es mir wichtig, dass alle Menschen an Kunst teilhaben können, nicht nur ein kleiner Kreis von Expertinnen und Experten.

«Es ist mir wichtig, dass alle Menschen an Kunst teilhaben können, nicht nur ein kleiner Kreis von Expertinnen und Experten.»

Warum muss Kunst überhaupt vermittelt werden – vermittelt sie sich nicht selbst?
Die Kunst hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Sie ist prozesshafter geworden und manchmal gar nicht mehr sichtbar – zum Beispiel, weil sie nur noch ein Konzept ist. Oder eine Skulptur, die aus Menschen besteht. Oder aus dem, was zwischen Menschen passiert. Den Zugang dazu kann die Vermittlung öffnen.

Wie funktioniert das im Projekt «Connected Space»?
In den nächsten fünfzehn Monaten wird Berner Kunst aus ihren Räumen ausziehen und im Botanischen Garten aktiv sein, in einer Metzgerei, einem Bed and Breakfast oder im mittelalterlichen Blutturm an der Aare. Wenn Leute da unvorbereitet vorbeispazieren, fragen sie sich vielleicht, womit sie es überhaupt zu tun haben – hier werden unsere beiden Vermittlerinnen aktiv.

Sie werden Passantinnenund Passanten erklären,was heutige Kunst ist?
Nein. Gute Vermittlung erklärt Kunst nicht, sie gesteht jedem Menschen zu, Kunst auf seine eigene Weise zu verstehen. Sie begegnet dem Publikum auf Augenhöhe.

In vielen Museen läuft dasaber immer noch sehrpädagogisch ab. Da erklären wissenschaftliche Mitarbeitende Gemälde: Herkunft, Technik, kunstgeschichtliche Bedeutung. Ist das falsch?
Es ist nicht falsch, und manche Leute fragen diese klassischen Führungen auch immer noch nach. Aber eine solche Kunstvermittlung ist nicht mehr zeitgemäss, damit wird man kommende Generationen nicht abholen. Das sollte in den Museumsleitungen allmählich in die Köpfe einsickern, sonst geht da irgendwann niemand mehr hin.

Immerhin gehen die Leute freiwillig ins Museum, während Sie mit Ihrem Projekt aufein zufälliges, vielleicht auch unfreiwilliges Publikum abzielen. Was erwarten Sie von einem solchen Publikum?
Wir haben keine spezifische Erwartung. Wir wollen einfach einen Dialog schaffen, und zwar nicht mit einer anonymen Gruppe, sondern mit einzelnen Personen, eins zu eins. Was dabei herauskommt, ist offen.

Virginie Halter (32) ist Kunst­vermittlerin und Kulturmanagerin, studierte in Bern und Wien Kunstvermittlung und Kunstgeschichte und lebt in Bern.

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