Mit YB verheiratet

Muri

Als Achtjähriger büxte Franz Wüthrich von zu Hause aus, um «sein» YB endlich im Stadion zu unterstützen. Noch heute besucht der 69-Jährige aus Muri jedes Heimspiel.

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Franz Wüthrich kennt die Strecke vom Amselberg zum Wankdorfstadion, wie er das Stade de Suisse auch heute noch nennt, nur zu gut. Rund 30 Minuten benötigten er und sein Vater in den 1950er-Jahren jeweils, um mit dem Pferdekarren vom höchsten Punkt der Gemeinde Muri zur Fussballstätte der Berner Young Boys zu gelangen. «Wir lieferten in der Nähe unsere Kartoffeln aus», erinnert sich der heute 69-jährige Rentner.

Schon als Kind hätten ihn, damals als Stürmer beim FC Muri-Gümligen, die Zuschauertribünen und der dahinter hervorlugende Rasenplatz fasziniert. Franz Wüthrich war bereits als Kind ein grosser Fan der Berner Young Boys. Oft hörte er sich die YB-Spiele gemeinsam mit seinen Brüdern im Radio Beromünster an. Und er lauschte auch, als der Sender an einem Sonntagmorgen im Jahr 1957 einen Vorbericht zum Spiel gegen den FC Basel ausstrahlte. Jetzt oder nie, dachte sich der damals 8-Jährige, kramte einige Batzen zusammen und machte sich heimlich auf den Weg. Bald lag der Bauernhof auf dem Amselberg ausser Sichtweite.

Gut 90 Minuten war er unterwegs, dreimal länger als mit dem Pferdekarren. Trotzdem sei er bereits lange vor Anpfiff im Stadion gewesen. Vom Match selber ist ihm nur noch das Resultat geblieben. «YB verlor mit 1:2» – gewann aber in der Person von Franz Wüthrich einen treuen Fan. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das zeigt auch ein Blick in seine Wohnung. An den Wänden hängen YB-Wimpel, Bilder der ersten Mannschaft, auf den Möbel stehen YB-Fanartikel und gelb-schwarz bedruckte Weinflaschen. Gar alte Saisonkarten hat Franz Wüthrich aufgehoben. Auf ihnen ist jedes Heimspiel aufgeführt, das bei Eintritt ins Stadion mit einer Lochmaschine entwertet wurde.

Eifrige Sammelaktionen

Hätte Franz Wüthrich alle Saisonkarten behalten, wäre er heute im Besitz von deren rund 55. Seit den 60er-Jahren verfolgt er die YB-Heimspiele live im Stadion. Zu Beginn hinter dem Goal stehend aufseiten Papiermühlestrasse mit seinen Brüdern und Freunden. Er habe sich aber in grossen Menschenmassen nie wohl gefühlt, weshalb ihm seine Begleiter jeweils fünf Meter der Stehtribüne abgesteckt hätten. «So konnte ich mich etwas besser bewegen.»

Mit dem Beitritt in die YB-Donatorenverbindung 1983 konnte er die Spiele erstmals sitzend mitverfolgen. Als Donator sammelte er während 18 Jahren für den Verein Geld – etwa mit dem Verkauf von Würsten an der BEA oder gelb-schwarzen YB-Backsteinen – und deckte seine Verwandtschaft mit Clubaktien ein. Die Freiwilligenarbeit nahm viel Zeit in Anspruch. «Ich habe viel für YB getan, aber YB hat mir auch viel zurückgegeben», sagt Franz Wüthrich. Es scheint, als wäre er mit YB ein lebenslängliches Bündnis eingegangen. Seine langjährige Lebenspartnerin, die heute nicht mehr lebt, zeigte dafür Verständnis und begleitete ihn gelegentlich zu den wichtigen Matchs ins Stadion.

Mehrfache Spielanalysen

Als YB 1997 in die Nationalliga B abstieg, unterstützte Franz Wüth­rich die Mannschaft auch auswärts vor Ort. Für das Aufstiegsspiel gegen den FC Lugano liess er sogar eine Konfirmation sausen. «Das hat sich gelohnt», sagt er schmunzelnd. YB siegte 2:1 und schaffte den direkten Wiederaufstieg. Am liebsten aber schaute er sich die Spiele im alten Wankdorfstadion an. Mit dessen Abriss und dem Bau des neuen Stadions musste sich Franz Wüthrich von seinem Sitzplatz verabschieden.

Die Sprengung des Wankdorfs, die an seinem 52. Geburtstag erfolgte, sei für ihn als Fan einer der schmerzhaftesten Momente gewesen. Gemeinsam mit seinen Freunden, auf einem Hügel bei der Allmend, habe er sich das Szenario angeschaut. «Die Stimmung war bedrückt. Als das Wankdorf gesprengt wurde, hatte ich mit den Tränen zu kämpfen.» Im neuen Stadion durfte sich Franz Wüth­rich seinen Sitzplatz aussuchen. Er wählte einen, der sich zwei Sitzreihen hinter der gegnerischen Spielerbank befindet. Noch heute ist er an jedem Heimspiel anzutreffen.

Spiele, die auswärts stattfinden, schaut er sich im Fernsehen an. Auch die aufgezeichneten Heimpartien spielt er zu Hause in Muri zwecks Analyse noch ein- bis zweimal ab. «Während des Spiels im Stadion bin ich immer sehr nervös und emotional. Zu Hause kann ich die Matchs in Ruhe nochmals anschauen und die Entscheidungen des Schiedsrichters besser nachvollziehen.» Löscht er die meisten Spielaufnahmen nach einer bestimmten Zeit wieder, bleiben bedeutende Matchs gespeichert. Etwa die Champions-League-Partien oder jene der Meistersaison 2017/2018.

Ab und an schaut er sich diese wieder an und empfindet dabei «grosse Freude», wie er sagt. Seine Lieblingsaufnahme datiert vom 28. April 2018, als YB mit einem Sieg gegen Luzern die Meisterschaft für sich entscheiden konnte. Die Aufnahme könne diesen Moment und die mit ihm verbundene Freude und Erleichterung, die er im Stadion empfunden habe, aber nicht ersetzen. «An diesem Tag hat einfach alles gepasst.»

Berner Zeitung

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