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Morgenmensch

Vom Neid auf Morgenmenschen und der Realität am frühen Morgen im viel zu grell beleuchteten Bad, auf dem nebligen Bahnhofperron und im Zugabteil mit grossspurigen Krawattenträgern.

Ich wünschte, ich wäre ein Morgenmensch. So wie unser Turnlehrer damals am Gymer, der am Montagmorgen um acht Uhr zu «Jump for my Love» von den Pointer Sisters durch die Turnhalle federte, während wir Schüler unmotiviert hinterherschlurften. Ich wünschte, ich hätte diesen unbändigen positiven Spirit in mir, der mich am frühen Morgen aus dem Bett spickt – hinein in den Tag, ja ins Leben!

Ich wünschte, ich könnte beim Verlassen der Wohnung meinen selbst zubereiteten Passionsfrucht-Smoothie schlürfen, während mir die Sonne aus dem Hintern scheint. Ich wünschte, ich könnte auf dem Weg zum Bahnhof beherzt mit der Nachbarin smalltalken und später im Zug mit Norah Jones im Ohr dem Tag entgegenfiebern. Ich wünschte, ich könnte ins Büro tänzeln, allen einen inspirierenden Morgen wünschen und die Arbeitsstätte mit positiver Energie fluten.

Doch die Realität ist eine andere: Viel zu spät kämpfe ich mich aus dem flauschigen und warmen Bett und lande auf dem harten und kalten Parkettboden. Verpennt stehe ich im viel zu grell beleuchteten Bad und fürchte mich vor dem kalten Wasser. Ich sehe aus wie von Rolf Knie gemalt. Und in meinem Mund scheint ein totes Tier übernachtet zu haben.

Ich quäle mich hinaus in die neblige Welt der Untoten und friere mir den Hintern auf dem Bahnhofperron ab. Die Zeit reicht nur für einen verwässerten Kaffee aus dem Avec-Shop, den ich mir beim Losfahren des Zuges über die Hände schütte. Im Zugabteil nerve ich mich über einen grossspurigen Krawattenträger, der viel zu laut mit einem Arbeitskollegen telefoniert und von Benchmarks und Fringe Benefits schwafelt. Ausserdem bekomme ich ungefragt die neusten Entwicklungen beim «Bachelor» mit – vorgetragen von zwei jungen Damen, denen die Sendung offenbar das Hirn entwässert hat.

Morgen aber, nehme ich mir dann inbrünstig vor, ab morgen wird alles anders. Ich werde am Abend früh zu Bett gehen, schlafen wie eine Hindu-Kuh und am Morgen förmlich aus dem Bett schweben. Von der Eule zur Lerche. So wird es sein. Gaaaaanz bestimmt… hoffentlich… also, vielleicht.

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