Niemand greift nach dem «Sternen»

Grafenried

Dem Restaurant Sternen in Grafenried droht das Aus. Die Wirtin will aufhören, findet aber keinen Käufer. Die Vereine verlieren einen Saal für grosse Veranstaltungen.

Kein Käufer in Sicht: Heidi Knuchel, Wirtin und Besitzerin des Gasthofs Sternen in Grafenried, will sich zurückziehen.

Kein Käufer in Sicht: Heidi Knuchel, Wirtin und Besitzerin des Gasthofs Sternen in Grafenried, will sich zurückziehen.

(Bild: Andreas Blatter)

Peter Steiger

Nein, solche Restaurants sind keine Schickimicki-Beizen. Hier gibt es weder Molekularküche noch Steaks von namentlich bekannten schottischen Hochland-rindern. Es fehlen Michelin-Sterne und Gault-Millau-Punkte. Keine Erlebnisgastronomie also. Wirklich nicht? Doch. Hier erlebt man zwar nicht die hipsten Schlenker der Bewirtungsindustrie. Aber hier isst man zu anständigen Preisen anständig. Die Innenarchitektur schlägt keine Purzelbäume, sondern hier fühlt man sich einfach wohl.

Solche Gaststätten sterben aus (siehe Kasten). Dieses Schicksal bedroht nun auch dem Sternen in Grafenried. Die Besitzerin und Wirtin Heidi Knuchel will den Betrieb veräussern – und findet keinen Käufer. Wenn sich in den nächsten Tagen kein ernsthafter Interessent meldet, schliesst der Sternen Ende März. Die Chancen, dass der Gasthof unter neuer Führung später wieder öffnet, stehen schlecht.

Tragische Erkrankung

Hinter dem drohenden Ende steckt eine tragische Geschichte. Im vergangenen Herbst starb Wirt Daniel Knuchel (47) innerhalb von zwei Monaten an einer besonders bösartigen Krebserkrankung. Ehefrau Heidi Knuchel (45) fühlt sich ausserstande, den intensiven Betrieb mit 100 Restaurantplätzen und grossem, fleissig genutzten Saal allein weiterzuführen. «Ich möchte mit allem abschliessen», sagt Heidi Knuchel. Sie will deshalb auch keinen Pächter oder Geschäftsführer einsetzen.

Wenn in den nächsten Tagen kein Retter naht, müssen nicht nur die Restaurantgäste anderswo Platz nehmen, sondern haben auch die Vereine Probleme. «Wir sind in der Gemeinde Fraubrunnen, zu der Grafenried gehört, die Einzigen mit einem Saal dieser Grösse», sagt Heidi Knuchel. 250 Stühle haben Platz. Unter anderem nutzt der Sportclub den Raum, die Bärenbach-Musikanten, Schützen, Line-Dancer, Ornithologen und Rösseler versammeln sich hier.

Vereinsmaterial eingelagert

Einige Vereine haben in den Nebenräumen Material eingelagert, die Trachtengruppe Fraubrunnen etwa. Deren Präsidentin Ruth Frey: «Wenn wir diese nicht mehr nutzen können, sind unsere Trachtenabende gefährdet.»

Heidi Knuchel kam vor 27 Jahren als Quereinsteigerin ins Gastgewerbegeschäft. Unterdessen hat sie das Wirtepatent und ist Fachfrau. In der Gastroszene weiss man, dass ihr Betrieb zu kaufen ist. Überdies hat sie das Restaurant über die einschlägigen Internetportale angeboten.

Wie viel Umsatz der Betrieb mit zwei Festangestellten und mehreren Aushilfen erzielt, will sie nicht verraten. Investitionen stehen nicht an. Das rund 140-jährige, mehrfach an- und umgebaute Haus hat einen Umschwung von 1900 Quadratmetern samt Baulandreserve von 800 Quadratmetern. 850'000 Franken betrachtet die Besitzerin als Verhandlungsbasis für den Verkauf. Eigentlich ein vernünftiges Angebot. Trotzdem will niemand nach dem Sternen greifen. Heidi Knuchel: «Wir hatten zwar verschiedene Interessenten, doch jedes Mal scheiterte es an der Finanzierung.»

Berner Zeitung

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