Offline

Martin Burkhalter hat ein Tischgespräch belauscht, bei dem es um Kinder und Kindeskinder ging; um Tiere, Menschen und das Selfscanning in der Migros – und ganz zuletzt auch noch um Facebook.

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Ach, sie feierten das Leben. Am Nebentisch sassen sie, die beiden Damen. Sie schienen weit über das Pensionsalter hinaus zu sein. Sie trugen ihre klimpernden Armringe, ihre Vestons mit Schulterpolster, die eine zeigte gar etwas Décolleté.

Und sie schlürften genüsslich perlenden Prosecco. Sie kicherten und lachten und sprachen über ihre Kinder und Kindeskinder, die immer noch so schamlos um die Welt jetteten. Sie sprachen von einer Bekannten, die ganz neu jetzt das Tier dem Menschen gleichstelle und immer so nervige Sprüche mache. «Ich war ja so stolz», sagte die eine Dame, die Zigaretten mit weissen Filtern rauchte. «Ich habe zum ersten Mal im Leben ganz alleine ein Wespennest zerstört. Und die nannte das Mord! Dabei bin ich doch allergisch!» Die andere mit dem Décolleté schüttelte nur den Kopf.

Und weiter ging das Gespräch. «Da komme ich wirklich nicht mehr mit, da bin ich draussen», meldete sich die Rauchende zu Wort. Das sei ja kaum auszuhalten. Am Morgen im Bus hingen alle nur noch an ihren Geräten und merkten nicht, dass sie im Weg stünden mit ihren Rucksäcken am Rücken. «Die sehen ja die Welt nicht mehr.» «Ja, ganz schlimm», sagte die mit dem Décolleté. «Und jetzt dieses Selfskänning überall, auch in der Migros», sagte sie. «Ich habe amigs noch gerne mit den Frauen an der Kasse geplaudert. So viel geht nach und nach verloren, dünkt mich. So vereinsamen wir doch nur.» Beide seufzten und schüttelten die Köpfe.

Dann nach einer Pause sagte die mit den Zigaretten: «Was meintest du vorhin, als du von einem schlechten Gefühl gesprochen hast?» «Ich weiss nicht, ob ich das Geheimnis lüften soll», sagte die andere und kicherte. Pause. «Ich habe vorige Nacht auf Facebook gesehen, dass du zwei Tage lang nicht online warst, da habe ich mir halt Sorgen gemacht.»

Die andere errötete, nahm einen Zug von der Zigarette, dann lachte sie. «Oh, wie schön. Aber keine Angst. Ich gehe ab und zu ein paar Tage offline. Ich brauche das.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt